Dick Marty bringt sich ins Spiel

Die Nervosität im Vorfeld der Bundesratswahl vom nächsten Mittwoch nimmt zu: Auf der linken Seite mehren sich die Stimmen, die FDP wählen wollen, aber mit den offiziellen Kandidaten unzufrieden sind. Heisst die Lösung Dick Marty?

Stefan Schmid/Jürg Ackermann
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Dick Marty (FDP/TI). (Bild: ap/Thierry Charlier)

Dick Marty (FDP/TI). (Bild: ap/Thierry Charlier)

bern. In fünf Tagen wird der Nachfolger von Bundesrat Pascal Couchepin gewählt: Noch zeichnet sich nicht ab, wer am Ende obenaus schwingen wird. Aber: bei SP und Grünen, die das Zünglein an der Waage sind, werden die Stimmen wieder lauter, die den Sitz bei der FDP belassen wollen. Allerdings zeigen immer mehr linke Politiker ihren Unmut über die zwei von der FDP vorgeschlagenen Kandidaten.

Der Genfer Anwalt Christian Lüscher gilt links als zu rechtsfreisinnig; Didier Burkhalter wiederum ist zahlreichen Linken zu wirtschaftsliberal.

Hinter den Kulissen bereiten deshalb Politiker wie Andreas Gross (SP/ZH) das Terrain für Dick Marty. Der Tessiner Ständerat selbst spielt das Spiel gut mit, indem er gestern gegenüber Radio DRS erklärte, er würde eine Wahl «im Interesse der italienischen Schweiz nicht ausschlagen». SP-Parteichef Christian Levrat winkte zwar sofort ab: «Die SP wird keine wilden Kandidaturen unterstützen».

Doch vielsagend fügte der SP-Präsident an: «Aber wenn die FDP merkt, dass sie mit den offiziellen Kandidaten aneckt, muss sie sich fragen, ob sie die Kandidaten wechseln will». Das hingegen wird die FDP wohl kaum tun, denn Marty repräsentiert die Partei kaum: Im Ständerat stimmt der Tessiner «Freigeist» immer wieder mit der Linken.

SP muss es sich gut überlegen

Bleibt offen, ob die SP trotzdem den Mut aufbringt, Dick Marty zu wählen. Die These, dass die SP etwas im Schilde führt, wird aber von den Aussagen gestützt, welche Nationalrätin Hildegard Fässler (SP/SG) am Dienstag in unserer Zeitung machte. «Am ehesten kommt Schwaller in Frage», sagte Fässler. Burkhalter hingegen sei politisch «ein Leichtgewicht». Die Rheintalerin, die als ehemalige Fraktionschefin über strategische Fragen Bescheid weiss, sagte damit indirekt: Wir sind bereit, FDP zu wählen, aber bringt bitte einen anderen Kandidaten.

Die SP steckt bei dieser Wahl grundsätzlich im Dilemma. CVP-Mann Urs Schwaller steht ihr politisch in einigen Fragen zwar näher. Doch aus parteitaktischer Sicht sollten die Sozialdemokraten nicht fahrlässig den besser begründeten Anspruch der FDP auf zwei Sitze im Bundesrat in Frage stellen. Die SP fürchtet nämlich, dass sich die Bürgerlichen bei der nächsten SP-Vakanz revanchieren und den Grünen auf Kosten der SP einen Sitz zuschanzen könnten.

Mit einer Wahl Dick Martys würde man zwar die FDP-Vorschläge torpedieren, sich aber dennoch nicht dem Vorwurf aussetzen, den Anspruch der Partei zu missachten.

Grüne Versuchung

Eine andere Ausgangslage haben derweil die Grünen. Sie wollen mittelfristig auch in den Bundesrat und wissen, dass dies wohl nur auf Kosten der SP geschehen wird. Darum wäre es für sie rein parteistrategisch ebenfalls besser, FDP statt CVP zu wählen.

Der Grund: Wenn Mitte-Links gemeinsame Sache macht und vier Sitze im Bundesrat belegt, hat es für künftige grüne Ansprüche kaum mehr Platz. «Wenn die FDP jetzt ihren Sitz behält, greifen wir sie beim Rücktritt von Hans-Rudolf Merz an», sagt eine grüne Nationalrätin. So könne man die SP zwingen, sich öffentlich zu einem grünen Sitz zu bekennen. Die offiziellen FDP-Kandidaten lösen derweil auch bei den Grünen keine Begeisterungsstürme aus.

Christian Lüscher hat sich zwar beim Hearing dem Vernehmen nach hervorragend geschlagen, doch den meisten Grünen steht der Genfer Anwalt deutlich zu rechts. Und Burkhalter? Viele Grüne zweifeln, ob sich der Neuenburger für ökologische Anliegen stark machen wird. Einigen sich also SP und Grüne im letzten Moment auf Marty, dann bringen sie den Tessiner möglicherweise bis in die letzte Wahlrunde. Was dann passiert, ist völlig offen.

Bereits 64jährig

Jenseits von parteistrategischen Überlegungen dürfte ein Handicap von Dick Marty dennoch schwer wiegen: Der Tessiner ist bereits 64jährig. Das Alter spielt insofern eine Rolle, als es im Parlament auch zahlreiche Kräfte gibt, die eine Verjüngung des Bundesrates anstreben. Zudem gilt Dick Marty trotz seiner grossen politischen Erfahrung als nicht allzu teamfähig.

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