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«Der Wolf ist kein Vegetarier»: So lief die Jagdgesetz-«Arena»

Werden Wildtiere mit dem neuen Jagdgesetz besser oder schlechter geschützt? Die Abstimmungs-«Arena» schaffte es nicht, in dieser Streitfrage für Klarheit zu sorgen.

Peter Blunschi / watson.ch
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Beim revidierten Jagdgesetz geht es um den Wolf, aber eben nicht nur.

Beim revidierten Jagdgesetz geht es um den Wolf, aber eben nicht nur.

Screenshot SRF / watson.ch

Tiere wecken Emotionen. Wilde Tiere erst recht, und keines erregt die Gemüter in der Schweiz so stark wie der Wolf. Sein Abschuss soll mit der Revision des Jagdgesetzes, über die am 27. September abgestimmt wird, erleichtert werden. Die Gegner warnen, dies werde auch für zahlreiche weitere Wildtiere der Fall sein. Die Befürworter bestreiten dies.

«Das Jagdgesetz ist auch ein Gesetz zum Schutz der Wildtiere», sagte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga in der Abstimmungs-«Arena» am Freitag. Man könne nicht einfach Tiere zur Jagd freigeben, im Gegenteil, meinte die Umweltministerin im Gespräch mit Moderator Sandro Brotz: «Der Wolf ist weiterhin eine geschützte Tierart.»

Man dürfe in einem Wolfsrudel nur eingreifen, wenn der Bestand nicht gefährdet sei, meinte Sommaruga. Am Schluss gehe es um den Menschen: «Es gibt jene, die am liebsten den Wolf ausrotten wollen, und andere, die gar nichts machen wollen.» Das Gesetz sei eine gute Antwort, beide Seiten hätten nicht alles bekommen, sagte die Bundespräsidentin.

300 geschützte Tierarten

Ein gut eidgenössischer Kompromiss also? Nicht für den Zürcher SP-Ständerat Daniel Jositsch: «Man hat total übermarcht und den Wolf zum Abschuss freigegeben.» Weitere geschützte Tiere wie Biber und Luchs könnten ohne weiteres auf die Liste kommen. Dagegen habe sich die Bundesrätin in der parlamentarischen Beratung gewehrt.

Der Berner BDP-Nationalrat Lorenz Hess widersprach. Im heutigen Gesetz könnten über 300 geschützte Tierarten zum Abschuss freigegeben werden. Das sei mit der Revision nicht mehr der Fall: «Es ist ein gutes Gesetz für die Artenvielfalt.» Urs Leugger-Eggimann, Zentralsekretär von Pro Natura, bezeichnete die 300 Arten hingegen als «Schlaumeierei».

Mehr oder weniger Schutz? Die Debatte drehte sich immer wieder um diese Kernfrage. «Wir Jäger haben kein Interesse daran, weitere Tiere für jagdbar zu erklären», sagte David Clavadetscher, Geschäftsführer von Jagd Schweiz. Simonetta Sommaruga verwies auf das Beschwerderecht, das im neuen Gesetz erhalten bleibe.

Sandro Brotz zeigte in der Folge das obligate Foto eines vom Wolf gerissenen Lämmchens. «Der Wolf ist ein Wildtier, kein Vegetarier», sagte Daniel Jositsch, der in seiner Eigenschaft als Mitglied der Stiftung Tier im Recht in der «Arena» auftrat. Ein Lamm werde irgendwann geschlachtet und verspeist: «Wir dürfen nicht so tun, als ob es altershalber sterben würde.»

Für und wider Herdenschutz

Was aber denken die direkt Betroffenen? Die Bündner Bergbäuerin Regula Schmid-Blumer, fürchtet die mittlerweile sieben Rudel in ihrem Kanton: «Es beängstigend, wir können unsere Tiere zu wenig schützen.» Es habe auch Angriffe auf Tiere gegeben, die eingezäunt waren. Der Wolf gehöre dazu, meinte sie, «aber wir müssen ihn regulieren».

«Die Regulierung ist heute eine Realität», konterte David Gerke, Präsident der Gruppe Wolf Schweiz. Graubünden und Wallis hätten Wolfsrudel reguliert, «aber mit dem Abschuss allein lösen wir Probleme nicht». Es warb für einen griffigen Herdenschutz und stiess bei Bäuerin Regula Schmid-Blumer auf Skepsis: «Mit jeder Massnahme lernt der Wolf dazu.»

Für Gerke hingegen ist der Herdenschutz «in höchstem Mass erfolgreich». Letztes Jahr seien gleich viele Schafe gerissen worden zehn Jahre zuvor, obwohl es deutlich mehr Wölfe gebe. «Herdenschutz mit der Flinte funktioniert nicht. Die Bejagung macht aus dem Wolf kein vegan lebendes Tier», so Gerke. Die Probleme würden mit dem Jagdgesetz nicht gelöst.

«Es braucht nicht mehr Abschüsse, sondern mehr Schutz», sagte auch Grünen-Nationalrätin Greta Gysin. «Jeden Sommer sterben 4500 Schafe, 90 Prozent aber nicht wegen dem Wolf, sondern wegen Krankheiten und Unfällen». Das Gesetz sei ein kleiner Schritt nach vorne, räumte die Tessinerin ein, aber das kompensiere die vier Schritte nicht, die man beim Artenschutz rückwärts gehe.

Biber und Luchs

Was aber ist mit anderen Tierarten, etwa Biber und Luchs? «Heute kann der Bundesrat sie zur Jagd freigeben», sagte Bundespräsidentin Sommaruga. Das gehe mit dem neuen Gesetz nicht, was eine Verbesserung sei gegenüber heute: «Man macht nur etwas, wenn Bedarf besteht. Darum ist der Wolf auf der Liste, aber nur unter strengen Bedingungen.»

Daniel Jositsch, der öfter gegen seine Parteikollegin stichelte, schüttelte den Kopf: «Das Gesetz ist weich und offen formuliert. Es braucht keinen konkreten Schaden mehr, nur einen denkbaren.» Dies relativiert für den Zürcher Juristen auch das Beschwerderecht Wenn ein Gesetz so offen formuliert sei, könnten die Gerichte nichts machen.

Der Luchs habe mit dem Gesetz einen besseren Schutzstatus, meinte hingegen Lorenz Hess und stiess auf Widerspruch der Gegner. «Ich mache mir grössere Sorge um den Luchs als den Wolf», sagte Wolfsschützer Gerke. Die Population sei weitaus fragiler. «Ich bin selber Jäger, der Druck auf den Luchs ist hoch, und er wird höher werden.»

Mehr oder weniger Schutz? Eine klare Antwort konnte diese «Arena» nicht geben, und das nützt erfahrungsgemäss eher den Gegnern. Diese seien bereit, nach einem Nein sofort Hand zu einem besseren Gesetz zu bieten, betonte Daniel Jositsch. Für BDP-Nationalrat Lorenz Hess aber fehlen den Gegnern die Argumente, «also macht man Angst».

Klar ist aber, dass Wölfe in Zukunft einfacher abgeschossen werden könnten. Simonetta Sommaruga verwies im Schlusswort auf ein Gespräch mit einer Älplerin aus dem Safiental. Diese fürchte, dass die schwere Arbeit mit dem Wolf nicht mehr machbar sei. «Ich bitte die Frauen in der Schweiz, solidarisch zu sein», habe sie ihr als Botschaft mitgegeben.

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