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Der Vernünftige am Spieltisch

Philippe Brunner war Pokerspieler und sagt, er hatte das Spiel im Griff und nicht das Spiel ihn. Das Geldspielgesetz werde die Spielsucht kaum bekämpfen können.
Andrea Tedeschi
Das Geldspielgesetz könnte das Onlinepokern verändern. (Bild: Gaetan Bally/Keystone)

Das Geldspielgesetz könnte das Onlinepokern verändern. (Bild: Gaetan Bally/Keystone)

Philippe Brunner gibt der Disziplin ein Gesicht. Spitzbübisch ist es, rund und 28 Jahre jung, die Stirnfransen in den Augen. Er spielt Poker. Über das Spiel heisst es, es brauche einen Abend, um die Regeln zu lernen, aber ein Leben, um es richtig zu spielen.

Brunner, der nicht erkannt werden möchte und eigentlich anders heisst, will dem Spiel genauso wenig verfallen sein wie die 98 Prozent der Schweizer Bevölkerung, die nicht Blackjack, Roulette oder Lotto spielt. «Ich war mir der Gefahr der Spielsucht immer bewusst und konnte sie kontrollieren», sagt er, während er in einem Café in einer Schweizer Kleinstadt sitzt, in der er das Pokern vor zehn Jahren entdeckte, lernte, liebte, spielte. Es brachte ihn nach Berlin und Las Vegas, um seinen Schlaf und zu Geld: bisAABB227500 Franken pro Nacht bei einem Einsatz von 100 bis 200 Franken und rund 30 000 Franken Reingewinn im Jahr. Obwohl er sagt, er pokere nur noch selten, fürchtet er um sein Spiel, sollte das Geldspielgesetz in zehn Tagen beim Volk durchkommen: «Es könnte Onlinepoker in der heutigen Form verändern, die Spielsucht aber nicht bekämpfen.»

Auf Euromillions ausweichen

Doch genau das soll das Gesetz erreichen: der Spielsucht entgegentreten. Onlinepoker sollen nur noch Schweizer Casinos anbieten dürfen, die eine Schweizer Lizenz haben und die Vorschriften gegen die Spielsucht einhalten. So können Spieler mit auf­fälligem Verhalten gesperrt ­werden. Netzsperren sollen ausländische Anbieter von der Schweiz fernhalten. Brunner glaubt: «Spielsüchtige werden einfach weiterspielen, indem sie auf andere Spiele wie Euromil­lions oder Toto ausweichen.»

So wie nach 2010, als das Bundesgericht entschied, dass nur noch Spielcasinos Pokerturniere anbieten dürfen. Das Hauptargument: Ein Pokerspiel werde durch Karten entschieden, also durch Glück. «Glück entscheidet vielleicht, wenn man an zwei Abenden pokert, nicht aber an Hunderten», sagt Brunner, denn langfristig geben Disziplin, Geduld, die Analyse der Gegner, die Wahrscheinlichkeitsrechnung den Ausschlag, also das eigene Können. Nach dem Urteil verlagerte sich das Pokerspiel vom Tisch ins Internet. Onlinepoker habe seitdem massiv zugelegt, bestätigt der Schweizer Pokerverband. Jetzt soll der Onlinemarkt beschränkt und das kleine private Pokerturnier wieder erlaubt werden.

Trotzdem wird es das Pokerspiel verändern. «Das Pokerspiel funktioniert nur global, weil der Schweizer Markt zu klein ist und es nicht genügend Onlinespieler gibt», sagt Brunner. Doch derzeit sei noch unklar, ob die lizenzierten Casinos mit ausländischen Anbietern zusammenarbeiten würden. Ausserdem: Nur wenige Spieler pokern über dem durchschnittlichen Spielniveau. Deren Gewinnchancen würden steigen, das Gesetz den Spielsüchtigen aber nichts bringen. «Das macht aus jedem Spieler langfristig einen Verlierer», findet Brunner.

Lange Zeit war Poker sein Hobby. Mit 18 Jahren spielte Brunner die Samstagnächte durch. Die Worte strömen, wenn er über jene Zeit und das Pokern spricht, seine Gestik aber bleibt reduziert, der Blick fokussiert. «In meiner Stadt war ich schnell einer der Besten.»

Mit ihm am Spieltisch sassen der Direktor eines grossen Unternehmens der Region, ein Polizist, ein Fabrikarbeiter, alle 40, 50 Jahre und älter. Brunner findet, dass sich Poker auch sozial von den anderen Spielen wie Roulette, Blackjack oder Geldkästen unterscheidet, bei denen langfristig immer das Casino gewinnt. «Poker stellt die soziale Ordnung auf den Kopf. Das findet man in keinem Casino.»

Schon bald gewann er über ein Onlinepokerspiel eine Einladung an ein Profiturnier über mehrere Tage in Berlin. Er war der einzige Profispieler, Einsatz pro Partie: 5000 Euro. Nicht ohne Stolz zeigt Brunner auf seinem Handy ein Foto von damals, er noch keine zwanzig. Neben ihm am Pokertisch sitzt ein japanisch aussehender Franzose, ­inzwischen Multimillionär. «Es war, als ob ich mich als Hobbytennisspieler für Wimbledon qualifiziert hätte», sagt Brunner. Nach dieser Reise habe er überlegt, das Pokern zu seinem Beruf zu machen. Während seines ­Studiums spielte er dann oft bis 3 Uhr morgens in Hinterzimmern oder noch länger online gegen bis zu 12 Gegner aus Japan, Deutschland und Frankreich gleichzeitig. Verlor er, war er am nächsten Tag schlecht drauf und unkonzentriert. «Es hängt auch immer davon ab, wie man verliert», sagt Brunner. Kein Glück habe ein Spieler dann, wenn er schlecht spiele. «Man muss Sport treiben und regelmässig essen, um die Konzentration beim Pokern bis zu zwölf Stunden lang halten zu können.» Hätte er sein Leben mit Pokern verdienen wollen, «wäre der Druck gestiegen, dass ich immer gewinnen muss». Dem wollte sich Brunner nicht aussetzen, schloss sein Studium ab, arbeitet inzwischen Vollzeit als Texter.

Er hat es im Griff

Und wann spielt Brunner? Wenn es ihn packe, er testen wolle, ob er noch mithalten und gewinnen könne. «Das ist gefährlich, weil ich wieder Lust bekomme, jeden Abend zu spielen», sagt er, aber er habe Geld und Gefühle im Griff. Das Gefühl, sein Verhalten im Griff zu haben, gelte für Drogenabhängige genauso wie für Spielsüchtige, hat der Zürcher Psychologe Michael Schaub mal gesagt.

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