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Der Veloweg-Bereiter

Der Oltner Markus Capirone war Kunstmaler, ehe er zum Pionier des nationalen Routennetzes wurde. Der 63-Jährige schlägt nun eine Velo-Vignette vor, um die Infrastruktur zu fördern.
Yann Schlegel
Rote Socken und stramme Waden: Markus Capirone

Rote Socken und stramme Waden: Markus Capirone

Er braust durch den Flur des «Velobüros». In Olten hat Markus Capirone in den vergangenen drei Dekaden ein Kapitel Verkehrsgeschichte geschrieben. Vor kurzem radelte der 63-Jährige an der Seite von Doris Leuthard. Die Verkehrsministerin pedalte als Fürsprecherin des Velo-Artikels. Capirone äussert sich nicht politisch, da sich die von ihm initiierte Stiftung Veloland Schweiz der Sache verpflichtet sieht. Er sagt nur: «Uns schadet es sicher nicht, wenn das Velo in der Verfassung verankert wird.»

Als Bundesrätin Leuthard über die von ihm mitgeplante Veloroute fuhr, die er abends nach der Arbeit auf dem Heimweg nimmt, trug er – seinem Ritual folgend – zwei auffällige Kniesocken. Der Abschnitt gilt als Paradebeispiel für gelungene Veloplanung. Im Velobüro spotten Capirones Kollegen, es sei der bestmöglich geplante Arbeitsweg der Schweiz. Entschleunigend wie ein Velo? Nein, so wirkt Capirone nicht, wenn er eine Tasse Tee zubereitet und beginnt, von seinem Lebenswerk zu erzählen.

Per Rad von Gemeinde zu Gemeinde

Die Geschichte beginnt vor dem Handy-Zeitalter. Capirone war Kunstmaler, sein Kumpel Thomas Ledergerber Berufsfotograf. Beide sassen oft im Velosattel. Ledergerber radelte in die hintersten Ecken der Schweiz – Capirone suchte auf seinen zwei Rädern stets den kürzesten Weg über die Grenze, um Europa zu erkunden. 1990 entwarfen sie ihr erstes Radwanderweg-Konzept. «Wir kamen aus einer Welt, die anders ist als die normale Verkehrswelt», sagt er. Innerhalb von drei Tagen erarbeiteten sie ein Papier für einen Ideenwettbewerb, den ihr Heimatkanton Solothurn zum 700-Jahr-Jubiläum der Eidgenossenschaft ausgeschrieben hatte. Ledergerber und Capirone erhielten mit ihrem Radnetz den Zuschlag. Sie bestiegen ein Jahr lang das Velo, liessen ihre Ateliers ruhen. Jeweils an den Gemeindegrenzen trafen sie die Behördenvertreter, um die geplanten Strecken mit ihnen abzufahren. Die beiden Velo-Freaks trafen mit ihren Zweirädern oftmals auf eine im Auto angereiste Delegation – die Gemeindevertreter dachten, jemand vom Kanton käme per Auto. Der peinliche Moment löste die Distanz und brachte den Velopionieren viel Vertrauen ein. Vor der eigenen Haustür stiessen sie mit ihrem Radnetz auf viel Goodwill. «Wir sagten uns: Wenn wir’s jetzt nicht mit nationalen Velorouten versuchen, werden wir uns ein Leben lang ärgern.»

Der Gedanke war simpel: Ledergerber und Capirone entwickelten den Flüssen und Gebirgen entlang neun nationale Velorouten und gebaren die Idee der Stiftung Veloland Schweiz. «Gott sei Dank kannte Thomas die Schweiz gut. Ich wusste nicht einmal, wo der Kanton Thurgau liegt», sagt Capirone. Wieder stiegen die beiden ein Jahr lang aufs Velo und lebten von ihren Ersparnissen. Auf den einzelnen Abschnitten testeten sie verschiedene Varianten aus und berichteten einander, was sie gesehen hatten. «Weil wir uns so vertraut waren, wussten wir, was der andere vorgefunden hatte», sagt Capirone. Durch die Erfahrungen vor Ort hätten ihnen die Kantone in den Verhandlungen nicht «ein X für ein U vormachen können». Ledergerber und Capirone suchten Mitte der 1990er-Jahre mit ihrem Konzept für Veloland Schweiz den Sekretär der Baudirektorenkonferenz auf. Das Glück der zwei Veloverrückten war, dass George M. Ganz sich für ihre Idee begeisterte.

Ein Bijou aus den USA

Als Capirone und Ledergerber in den 1990er-Jahren mit ihren Ideen bei den Behörden angeklopft hatten, sagten diese: «Aber es fährt ja niemand Velo.» Das Duo erwiderte: «Aber sie werden kommen, wenn die Routen bestehen.» Nur sei es schwierig gewesen, dies 1993 – lange vor dem Velo-Reiseboom – glaubhaft zu machen. Mittlerweile investieren die Kantone jährlich rund zehn Millionen Franken in die Routen von Veloland Schweiz.

«Heute hab ich extra mein Bijou mitgenommen», sagt Capirone. Er eilt durch den Flur – kehrt mit Velohandschuhen und einer blauen Sonnenbrille zurück, die er in den 1970er-Jahren in Dänemark gekauft hat. «Ich bin Materialist.» Er schwärmt von seinem «Steve Potts Wilderness»-Bike, das vor der Tür steht. 1986 liess er den schwarzen Stahlrahmen – «er glänzt noch wie neu» – aus den USA importieren. «Der Rahmen ist so steif, dass er selbst mein Gewicht aushält», sagt er – schwingt sich aufs Bike und pedalt jene Rampe hoch, die er eben noch mit Bundesrätin Leuthard befahren hatte. Bis zu 1000 Velofahrer rollen täglich über diese Strecke. Das Velo sei das meistversprechende Mittel zur Lösung unserer Verkehrsprobleme, sagt Capirone. Er würde sich wünschen, dass Velofahrer etwas zur Verkehrsinfrastruktur beitragen müssten. «So befinden wir uns immer in der schwächeren Position.» Er sagt: Wieso nicht eine jährliche 30-Franken-Vignette, die Gelder für einen Fonds generiert, mit dem die Veloinfrastruktur gefördert werden kann? «Ich habe nie verstanden, warum das Auto gegen das Velo ausgespielt wird.»

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