Der pubertierende Provokateur

Moritz Leuenberger verlor die Fassung, wenn ihn Journalisten wieder einmal mit der obligaten Frage behelligten: mit der nach seinem Rücktritt. Der Zürcher Sozialdemokrat, der 15 Jahre im Bundesrat ausharrte, drohte in solchen Momenten mit dem Abbruch des Interviews.

Kari Kälin
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Moritz Leuenberger war von 1995 bis 2010 Bundesrat. (Bild: ky/Lukas Lehmann)

Moritz Leuenberger war von 1995 bis 2010 Bundesrat. (Bild: ky/Lukas Lehmann)

Moritz Leuenberger verlor die Fassung, wenn ihn Journalisten wieder einmal mit der obligaten Frage behelligten: mit der nach seinem Rücktritt. Der Zürcher Sozialdemokrat, der 15 Jahre im Bundesrat ausharrte, drohte in solchen Momenten mit dem Abbruch des Interviews.

Quell des magistralen Ärgers waren nicht nur hartnäckige Redaktoren. Auch seine Genossen sehnten seinen Abgang herbei und rückten ihm auf die Pelle. Mit dem SP-Präsidenten als boshafter Speerspitze. Auf die Frage eines Parteigängers, wann Leuenberger sein Amt nun niederlege, meinte Christian Levrat im Jahr 2008: «Mir ist aufgefallen, dass er immer dünner wird. Vielleicht tritt Leuenberger gar nicht zurück, sondern verschwindet einfach.» Es dauerte noch zwei Jahre, bis der Verkehrsminister die SP-Spitze erhörte und den Bettel hinschmiss.

Kürzlich schickte sich Leuenberger, ausgestattet mit feinsinnigem Humor und eleganter Feder, an, die SP seinerseits zu foppen. Ausgerechnet er, ein Sozialdemokrat, nahm kurze Zeit später ein Verwaltungsratsmandat beim Bauunternehmen Implenia an. Im Westschweizer Radio enthüllte er diese Woche seine Motivation für den zweijährigen Ausflug in die Privatwirtschaft: Er habe die SP provozieren wollen. «Man hatte mich zum Rücktritt gedrängt, die Partei liess mich fallen», sagte er. Dann habe er sich gedacht: «Wenn ihr mich nicht wollt, mache ich auch etwas, das euch nicht gefällt.» Wahrscheinlich sei der Entschluss aber nicht sehr klug gewesen. «Ich habe mich im Verwaltungsrat nie sehr wohl gefühlt.»

Das alt bundesrätliche Bekenntnis kommt in den eigenen Reihen nicht überall gut an. Leuenberger habe etwas getan, das den Werten der SP diametral widerspreche, ereifert sich der Waadtländer Nationalrat Jean Christophe Schwaab. Dass er fünf Jahre nach seinem Rücktritt gegen seine Partei nachtrete, sei nicht zu rechtfertigen. Leuenberger kümmert das wenig. Auch in seinem Alter sei man manchmal pubertär, erklärt er sein von Rache getriebenes Engagement bei Implenia. Und: «Ich bin ein etwas polemischer Mann geblieben.»