Der neue SBB-Chef ist ein eingefleischter Milizler – und damit eine absolute Ausnahme unter den Schweizer Topmanagern

Wirtschaftsführer haben mit dem Milizsystem nichts mehr am Hut, heisst es. Vincent Ducrot ist der Gegenbeweis.

Sven Altermatt
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Engagiert sich als Samariter und in der Lokalpolitik: Vincent Ducrent.

Engagiert sich als Samariter und in der Lokalpolitik: Vincent Ducrent.

Keystone/Anthony Anex

Auch Wirtschaftsführer betonen das in Sonntagsreden und Interviews gerne: Wie sehr sie doch das Schweizer Milizsystem schätzen. Wie toll sie es finden, dass Politik hierzulande ein Amateurgeschäft ist, erst recht im Lokalen. Wie gut es ist, dass die Bürger nicht nur wählen und abstimmen, sondern auch politische Ämter übernehmen sollen. Der Staat, das sind wir!

Oft bleibt das schöne Theorie. Der Staat sind die anderen. Zum einen haben viele Gemeinden in der individualistischen Gesellschaft zusehends Mühe, genügend Kandidaten für ihre Ämter zu finden. Die lokalen Kommissionen, Sozialbehörden und Gemeinderäte kämpfen mit Personalproblemen. Zum anderen fehlt in grossen Unternehmen unterdessen oft ein tief greifendes Verständnis für einen der helvetischen Grundpfeiler.

So gerne Spitzenmanager ihre Milizfreundlichkeit betonen: Für viele Mitarbeiter ist ein entsprechendes Engagement unmöglich. Noch abwegiger scheint heute, dass sich der Chef einer grossen Firma sogar selbst in die politische Alltagsarbeit seiner Gemeinde einbringt. Das Zeitalter der klassischen Patrons, die verwurzelt sind im Milizsystem, ist vorbei.

Dass es auch Ausnahmen gibt, beweist Vincent Ducrot. Der Elektroingenieur mit Betriebswirtschaftsdiplom, bisher Direktor der Freiburgischen Verkehrsbetriebe TPF, soll Andreas Meyer als CEO der SBB ablösen. Künftig wird er einen Konzern mit über 32 000 Angestellten führen. Damit sitzt er auf einem der prestigeträchtigsten Posten des Landes. Der 57-jährige Freiburger ist aber auch: ein Milizler, wie er im Buche steht. Und damit eine Rarität in der Topliga der Schweizer Wirtschaft.

Seit Kindertagen engagiert sich Ducrot für das Gemeinwesen. Daran änderte sich auch nichts, als er Ende der 1990er-Jahre während seiner ersten Ära bei den SBB zum Fernverkehrschef aufstieg und damit zur obersten Managerriege gehörte. Seit vielen Jahren präsidiert Ducrot die dreiköpfige Finanzkommission des 800-Einwohner-Dorfs Echarlens im Greyerzbezirk.

Selbst als TPF-Direktor behielt er dieses Amt. Jahr für Jahr präsentierte er an der Gemeindeversammlung das Budget und die Rechnung, berichtete über die Steuereinnahmen und referierte über Ausgabendisziplin. Vincent Ducrots Wurzeln als Milizler liegen klassischerweise in der Pfadibewegung, wie ein Weggefährte erzählt. Für viele ist der Jugendverband die erste Möglichkeit überhaupt, sich in der Milizkultur zu betätigen.

Einmal Pfadfinder, immer Pfadfinder: Später sass Ducrot einige Jahre im Pfadikomitee seines Heimatkantons. Seit Jahrzehnten ist er überdies als Samariter aktiv, er stand als Erste-Hilfe-Helfer bei Veranstaltungen im Einsatz. Die Ausbildung dazu absolvierte er als Sechzehnjähriger.

Fehlendes Verständnis für Milizarbeiter

Wenn Vincent Ducrot also schon fast bescheiden erklärt, dass er die «Gegebenheiten des Schweizer Systems» kenne, ist das keine Leerfloskel. Nicht überall dürfte das der Fall sein, wie die aktuelle Studie «Milizarbeit in der Schweiz» zeigt. Die Autoren um den Politologen Markus Freitag befragten 1800 Miliztätige in 75 Gemeinden. Fast die Hälfte von ihnen darf für den Dienst an der Gemeinschaft nicht mit einem Entgegenkommen des Arbeitgebers rechnen.

Damit werde dem oft propagierten Brückenschlag zwischen Politik und Wirtschaft «ein wesentliches Standbein entzogen», konstatieren die Autoren. Wie analysierte die NZZ, das Leibblatt der Wirtschaftswelt, jüngst besorgt: «Viele Arbeitgeber, insbesondere jene internationalen Wirtschaftskapitäne ohne Bezug zum hiesigen Milizsystem, sehen vor allem die Absenzen ihrer Mitarbeitenden statt ihren Leistungsausweis und Mehrwert als Lokalpolitiker oder Offizier.» Verständnis seitens der Firma sei eine wichtige Voraussetzung für ein Milizamt, heisst es auch beim Schweizerischen Gemeindeverband.

Bei den SBB muss der künftige Chef diesbezüglich kaum mehr Aufklärungsarbeit leisten. Als bundesnaher Betrieb gehören sie zu den Vorbildfirmen. Wer sich in einem politischen Milizamt engagiert, darf bis zu 15 zusätzliche Ferientage beziehen. Ob Ducrot diese selbst beanspruchen wird? Zumindest sein langjähriges Amt als Finanzkommissionspräsident von Echarlens will er nun, wo er ganz oben an der Spitze angekommen ist, zur Verfügung stellen.