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Gastkommentar

Der moralische Totalitarismus kommt von links und von rechts

Gefährlich ist eine neue, parteiübergreifende Form von Totalitarismus: die moralische Selbstüberhebung.
Giuseppe Gracia

Fragt man links-grüne Kreise, warum das politische Klima heute giftiger wird und die Gewaltbereitschaft zunimmt, ist die Antwort klar: Rechtspopulisten fördern Fremdenfeindlichkeit, Sexismus und Nationalismus. Sie sind die Bösen, die eine gute, progressive Weltmoral verhindern. Fragt man bürgerlich-konservative Kreise, sind die Schuldigen umgekehrt die Linken: wohlstandsverwöhnte Neo-Sozialisten und Kulturmarxisten, die im Zusammenspiel mit Gender-Ideologen an der Zerstörung der Freiheit und der klassischen Familie arbeiten.

Es ist naiv zu glauben, dass die Gefahr von rechts oder links kommt. Gefährlich ist vielmehr eine neue, parteiübergreifende Form von Totalitarismus: die moralische Selbstüberhebung. Ein treibender Motor des Faschismus der Nazis bestand darin, sich aufgrund der Zugehörigkeit zur richtigen Rasse überlegen zu fühlen. Ein Motor des kommunistischen Totalitarismus bestand darin, sich aufgrund der Zugehörigkeit zur richtigen Klasse überlegen zu fühlen. In beiden Fällen diente die Zugehörigkeit dazu, die Gegenseite guten Gewissens hassen und auch töten zu dürfen. Der aktuelle Totalitarismus begründet sich rein moralisch. Es geht um die Zugehörigkeit zur gesinnungsmässig richtigen, erhabenen Menschengruppe, die gegen eine rückständige, niederträchtige Gruppe kämpft.

Das erklärt, warum oft gerade jene, die sich Toleranz oder Anti-Diskriminierung auf die Fahne schreiben, selber intolerant sind und hetzen. Warum sie im Namen des Guten ihre Kritiker dämonisieren. Trump, AfD, SVP, Salvini, Orban: das sind die Bösen. Wer Nazis nicht ausgrenzt und hasst, ist selber einer. Das Problem ist nur, dass der politische Gegner vielleicht kein Nazi ist. Nehmen wir die die Antifa. Schwarz maskierte Leute, die auf der Strasse gegen Andersdenkende hetzen (Abtreibungsgegner, Klima-Leugner, Rechtskonservative), die dabei mit Eisenstangen oder Brandsätzen vorgehen in der festen Überzeugung, dass nicht sie, sondern ihre Opfer die Bösen sind. Wer Rassisten oder Abtreibungsgegner angreift, meint es ja eigentlich gut. Der moralische Totalitarismus kommt aber nicht nur von links, sondern auch von rechts. Nicht erst seit den Apfel-Wurm-Plakaten der SVP diffamiert man den Gegner im Namen einer höheren, patriotischen Moral. Auch die «Weltwoche» wettert gegen «Linksfaschisten», obwohl es die SVP ist, die auf eine faschistische Bildsprache zurückgreift, wenn sie den Gegner als Wurm darstellt und damit entmenschlicht. Im Moment ist es jedoch zweifellos die Klimaschutzbewegung, die mit moralischem Totalitarismus breitenwirksam agiert. Die Bewegung möchte die Welt vor dem Untergang retten. Wer nicht dafür ist, leugnet das Klima, ist also moralisch minderwertig.

Dabei ginge es doch darum, zwischen Moral und Mensch zu unterscheiden. Ich kann meine Moral besser finden als andere. Aber ich kann mich als Mensch nicht besser finden als andere. So unterscheidet das Christentum zwischen Sünde und Sünder. «Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.» Hier wird unterschieden zwischen einer schlechten Tat (Raub, Totschlag) und der Person. Die Tat wird abgelehnt, nicht aber die Person, die im Gegenteil Nächstenliebe verdient. Dazu passt, dass die katholische Kirche alle Menschen als Sünder betrachtet: das kann man als Schutzsperre gegen jede Form von Selbstüberhöhung lesen. Obwohl es auch in dieser Kirche seit jeher genug aufgeblähte Moralisten gibt, die sich über andere erheben.

Wenn es darum geht, ein taugliches Mittel gegen die moralische Selbstaufblähung zu finden, wäre es vielleicht besser, beim einfachen, zeitlosen Volksmund zu suchen. Etwa beim piemontesischen Satz: «Ma gavte la nata.» Das heisst so viel wie: «Zieh dir mal den Pfropfen raus.» So erklärt es Umberto Eco in «Das Foucaultsche Pendel». Es geht darum, dass man bei einer aufgeblasenen Person annimmt, dass die übermässige Selbsteinschätzung den geblähten Leib nur kraft eines Pfropfens so prall erhält, der, in den After eingeführt, verhindert, dass die Blähung verpufft und die Person auf Normalgrösse zurückschrumpft. Oder mit den Worten Ecos: «Mit der Aufforderung an das Subjekt, sich besagten Stöpsels per Extraktion zu entledigen, will man dieses dazu verleiten, sein eigenes Erschlaffen herbeizuführen, ein jähes Zusammenschnurren, nicht selten begleitet von scharfem Zischen, mit Reduktion der verbleibenden Hülle zu einem traurigen Rest, einem blassen Abbild und blutleeren Schatten der einstigen Majestät.»

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