Der Kampf um die besten Köpfe

Kein Land in Europa hat eine so tiefe Maturitätsquote wie die Schweiz – obwohl die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt ständig steigen. Insbesondere Gewerbekreise wollen daran aber nichts ändern. Sie befürchten, dass der Lehrlingsmangel bald zunehmen könnte.

Drucken
Teilen
Die jungen Frauen sind auf Gymnasien – wie hier an der Kantonsschule Kreuzlingen – in der Mehrheit. (Bild: Donato Caspari)

Die jungen Frauen sind auf Gymnasien – wie hier an der Kantonsschule Kreuzlingen – in der Mehrheit. (Bild: Donato Caspari)

Johann Schneider-Ammann ist kaum bekannt für kernige Sätze. Diesmal aber stach der Wirtschaftsminister in ein Wespennest. Er hätte lieber weniger, dafür bessere Maturanden: «Wir müssen an den Gymnasien und Hochschulen nicht auf Quantität, sondern auf Qualität setzen», sagte er der «NZZ am Sonntag».

Die Aussagen lösten in Gewerbekreisen Beifall aus. Andere reagierten erstaunt oder schüttelten den Kopf. Der Grund: Der wirtschaftliche Erfolg der Schweiz hat den Arbeitsmarkt in den letzten Jahren fast unbemerkt von Politik und Öffentlichkeit stark verändert. Immer mehr einfache, weniger anspruchsvolle Jobs werden ins Ausland verlagert. Dagegen entstanden Tausende zusätzlicher Stellen für Hochqualifizierte, da immer mehr Firmen mit hoher Wertschöpfung ihren Sitz in die Schweiz verlagern.

Diese Unternehmen stehen jedoch immer wieder vor dem gleichen Problem: Sie finden hierzulande nicht genügend qualifizierte Berufsleute, vor allem Akademiker. Die Lücke wird meist mit Zuwanderern aus der EU geschlossen. Nur eine höhere Maturitätsquote könne diesen Kreislauf brechen, sagen daher Arbeitsmarkt-Experten wie Daniel Oesch.

Immer mehr Frauen an Gymnasien

Vorerst deutet aber wenig auf Veränderung hin. Die Zahl der Maturanden hat sich in den vergangenen 30 Jahren zwar von zwölf auf 20 Prozent fast verdoppelt. Sie bleibt im internationalen Vergleich aber sehr tief. Auffallend ist, dass zwar immer mehr junge Frauen aufs Gymnasium wollen, dass der Anteil bei den jungen Männern seit 1998 jedoch leicht rückläufig ist. In der Ostschweiz, wo die Berufslehre traditionell eine grössere Rolle spielt als in der urbanen oder lateinischen Schweiz, liegen die Quoten noch tiefer, insbesondere im Kanton St. Gallen. Nur Glarus bildet prozentual zur Bevölkerung noch weniger Gymnasiasten aus (siehe Grafik).

Nicht mehr alle Lehrstellen besetzt

Vor allem Gewerbekreise hoffen, dass dies auch künftig so bleibt. Sie befürchten nämlich, dass sich der Kampf um die besten Köpfe zwischen Gymnasien und Lehrbetrieben zuspitzen wird, wenn in den nächsten Jahren die geburtenschwachen Jahrgänge aus der Schule kommen. Betriebe in der Maschinen- oder Elektronikindustrie, Handwerker oder Detailhändler spüren dies schon heute. «Einige Ausbildungsbetriebe können nicht mehr alle Lehrstellen besetzen, da sie jetzt nicht mehr genügend ausreichend qualifizierte Schulabgänger finden», sagt Marco Frauchiger, der als Rektor des Berufs- und Weiterbildungszentrums Uzwil-Flawil die Nöte der Lehrbetriebe kennt.

Durchlässiges Bildungssystem

Hans-Ulrich Bigler, der Direktor des Gewerbeverbandes, skizziert, was passieren könnte, wenn sich angesichts demographisch bedingter, sinkender Schülerzahlen das Verhältnis zwischen Maturanden und Lehrlingen verschiebt. «Wenn die Mittelschulen mehr junge Leute aufnehmen, nur damit alle Lehrer ihren Job behalten können, dann sinkt das Niveau. Dann fehlen aber immer mehr Schulabgänger für die Berufslehre, was auch hier das Niveau beeinträchtigen würde.»

Für Bigler ist klar: Die Eltern tragen eine Mitverantwortung. Die hohe Flexibilität und Durchlässigkeit des Schweizer Bildungssystems sei noch nicht im Bewusstsein aller Köpfe. Viele hätten das Gefühl, dass man für ein ganzes Leben eingespurt sei, wenn man sich für eine Lehre entscheide. «Heute kann man dank Berufsmatura oder Fachhochschulen auf der ganzen Palette hin und her switchen und mit der notwendigen Zusatzqualifikation selbst mit einem Lehrabschluss ein Universitätsstudium angehen.»

Der Preis für den harten Franken

Eine Studie von Avenir Suisse zeigt jedoch, dass dieses Angebot zwar in Gesundheitsberufen gefragt wird, aber weniger von Technikern. «Wenn wir uns in Europa umschauen, dann ist unser duales System ein immenser Vorteil», sagt Patrick Schellenbauer, Experte für Bildung bei der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse. Die Lehre wirke integrativ, und sie trage dazu bei, dass es in der Schweiz kaum eine Unterschicht gebe. «Wir müssen das duale System aber weiterentwickeln.» So brauche es insbesondere mehr Allgemeinbildung. Es könne nicht sein, dass angesichts der steigenden Anforderungen und der immer stärker vernetzten Welt in jeder zweiten Lehre keine Fremdsprache unterrichtet werde.

Schellenbauer prognostiziert, dass die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt in die gleiche Richtung weiter gehen wird: «Der harte Franken zwingt uns zur Konzentration auf die anspruchsvollen und innovativen Teile der weltweiten Wertschöpfungsketten, die Nachfrage nach Hochqualifizierten wird darum weiter zunehmen.» Jürg Ackermann

Aktuelle Nachrichten