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«Kettensägen-Massaker»: Genfer wehren sich gegen das Fällen ihrer geliebten Bäume

In der teuersten Stadt der Schweiz werden reihenweise Bäume gefällt, um 50'000 neuen Wohnungen Platz zu machen. Nun regt sich Widerstand in der Bevölkerung.
Benjamin Weinmann aus Genf
In Genf sollen Bäume Wohnhäusern weichen. Symbolbild. (Quelle: Keystone)

In Genf sollen Bäume Wohnhäusern weichen. Symbolbild. (Quelle: Keystone)

Herman Hesse müsste weinen. Der deutsch-schweizerische Schriftsteller prägte einst den Satz: «Nichts ist heiliger, nichts ist vorbildlicher als ein schöner, starker Baum.» Doch in Genf haben die Bäume derzeit einen schweren Stand. Denn die Stadt baut, und baut, und baut. Oftmals an Orten, wo bisher Laub- und Tannenbäume für eine grüne Umgebung sorgen. Sie segnen dieser Tage gleich reihenweise das Zeitliche.

Um die Existenz von Bäumen ist in Genf seit einiger Zeit ein heftiger Streit entbrannt. Es vergeht fast keine Woche, ohne einen Artikel über den Zwist. Die Baum-Debatte dominiert den Blätterwald. Der Chefredaktor der «Tribune de Genève» forderte von der Politik mehr Achtsamkeit. Und diese Woche prangerte die Tageszeitung GHI die Abholzung gar auf der Frontseite an: «Das Kettensägen-Massaker der Bäume».

Die Zeitung, für ihre reisserischen Titel bekannt, trumpfte mit neuen Zahlen auf und stützte sich dabei auf eine Auswertung der Online-Plattform Pilierpublic.com. Demnach sind in der Stadt seit Anfang Jahr zwischen 800 und 1600 Bäume gefällt worden – eine Steigerung von bis zu 260 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode. Ganz genau lasse sich das Massaker nicht beziffern, auch weil die Stadt die genauen Zahlen nicht publizieren wolle.

«Wir müssen den Druck auf die Politik erhöhen»

Dass der Bestand an rund 40 000 Bäumen gemäss offiziellen Angaben stabil bleibt, ändert nichts am Aufschrei. Praktisch bei jedem neuen Bauprojekt, dem Bäume zum Opfer fallen, kommt es zu öffentlichen Protesten.

An vorderster Front dabei ist Jean Hertzschuch, Präsident der Organisation «Sauvegarde Genève» (Deutsch: Bewahrung Genfs). «Wir müssen den Druck auf die Politik dringend erhöhen, sonst verliert Genf seinen Vorzeigecharakter als grüne Stadt.» Schliesslich habe der UNO-Weltklimarat seinen Hauptsitz hier. Das verpflichte umso mehr.

«Sauvegarde Genève» hat sich online formiert, zählt hunderte Mitglieder und ist inzwischen eine unter vielen Protestgruppierungen, die Druck auf die Politik ausüben. Auch Lokalpolitiker aus der linken und rechten Ecke haben sich den Protesten angeschlossen. Sogar über ein Moratorium für weitere Rodungen musste das Parlament debattieren. Und Ende November kommt es bei zwei Projekten zu einer Referendumsabstimmung.

«Dieser Anblick tut weh», sagt der 60-jährige Hertzschuch beim Spaziergang durch das Quartier Allières mit zittriger Stimme. Hier hat die Regierung vor einigen Tagen damit begonnen, alte Villenhäuser abzureissen und mehr als 60 Bäume zu fällen – viele davon sind laut Hertzschuch über 100-jährige Gewächse.

«Es war ein kleiner Wald, eine Oase, und jetzt ist alles weg.» Das Gelände ist grossräumig abgesperrt. Bagger fahren über die Erde, die wegen des einsetzenden Regens matschig geworden ist. 400 Wohnungen sollen hier entstehen.

Massiver Wohnungsmangel und teure Mieten

Allières wird nicht das letzte umstrittene Projekt bleiben. Denn die Bauarbeiten gehen weiter. 2013 hatte der Kanton beschlossen, bis 2030 rund 50 000 neue Wohnungen zu bauen, um die Misere im Genfer Wohnungsmarkt zu lindern. Heute ist die Rede von über 120'000 Haushalten, die im günstigeren Frankreich leben, aber zur Arbeit nach Genf fahren – ein Viertel davon sind Schweizer.

Für viele von ihnen sind die exorbitanten Mietpreise in der stark wachsenden Calvin-Stadt unerschwinglich geworden. So kostet eine Drei-Zimmer-Mietwohnung laut einer aktuellen Analyse des Vergleichsdienstes Comparis monatlich sogar 300 Franken mehr als im teuren Zürich.

Pikant macht den Streit, dass die Protestierenden mit ihrer Öko-Kritik ausgerechnet auf einen grünen Politiker zielen: Antonio Hodgers, Präsident der Genfer Kantonsregierung. Dieser wiederum sah sich zuletzt mehrfach gezwungen, sich zu den Protesten zu äussern. Dabei argumentiert auch er auf der ökologischen Ebene. Das verdichtete Bauen sei dringend notwendig. So müsse das Ziel sein, den umweltschädlichen Grenzgänger-Verkehr zu minimieren, der täglich für verstopfte Strassen in der Stadt und in der Umgebung sorgt.

Zudem würden die Kritiker egoistisch handeln, sagte der Magistrat diese Woche gegenüber «Radio Lac». Es sei heuchlerisch zu verlangen, dass hier alles grün bleiben müsse, dafür die Nachbarn in Frankreich mehr bauen sollen. Und in der Zeitung «Le Temps» stellte Hodgers die älteren Protestierenden in die fremdenfeindliche Ecke. Sie würden in erster Linie die Zuwanderung begrenzen wollen. Ecopop lässt grüssen.

Kehren die Schweizer aus Frankreich zurück?

«Dass wir rassistisch sein sollen, ist lächerlich», sagt Hertzschuch. Er bleibt an einer Ecke stehen, von wo man bis vor zwei Wochen eine Villa sah, ein Bauwerk aus dem 19. Jahrhundert, dessen Abbruch auch zu Kritik von Architekten und Historikern geführt hat.

Hodgers würden offensichtlich die Argumente ausgehen, sagt Hertzschuch. Es sei illusorisch von ihm zu glauben, dass die ausgewanderten Schweizer zurück nach Genf kämen. Denn im günstigeren Frankreich könnten sich die meisten ein Haus leisten. «Sie werden dieses nicht für eine Mietwohnung aufgeben.»

Und was ist mit dem Argument der Regierung, dass für jeden gefällten Baum ein neuer gepflanzt wird? «Sie sind kein Ersatz für die über 100-jährigen Bäume, und das werden sie auch nie sein», sagt Hertzschuch. Denn die Regierung pflanze sie oftmals an Orten, wo sie in 20 oder 30 Jahren wieder gefällt werden müssten, da sie dann zu gross würden. «Ihre echte ökologische Wirkung als Luftreiniger und Schattenspender werden sie nie entfalten können.»

Hertzschuch ist geladen - emotional und mit politischen Vorstössen. Seine Sichtmappe ist voll mit Flyern für künftige Petitionen. «Wir werden weiter kämpfen.» Die nationalen Klimaproteste – zuletzt mit knapp 100 000 Personen in Bern – geben ihm Hoffnung. Nur: Zu den Anhängern von «Sauvegarde Genève» gehören vor allem ältere Bewohner. «Die Jungen interessieren sich zwar fürs Weltklima, und das ist gut, aber es wäre schön, sie würden sich auch dafür einsetzen, was vor ihrer Haustür geschieht.»

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