Der heimliche SBB-Chef

Peter Füglistaler, Chef des Bundesamts für Verkehr, stellt beim Ausbau und der Finanzierung der Bahn die Weichen. Der unscheinbare, aber gewiefte Beamte schaut auch den SBB auf die Finger.

Tobias Gafafer
Drucken
Teilen
Peter Füglistaler: Kühler Rechner und sehr guter SBB-Kenner. (Bild: Yoshiko Kusano)

Peter Füglistaler: Kühler Rechner und sehr guter SBB-Kenner. (Bild: Yoshiko Kusano)

BERN. Peter Füglistaler wollte einst Lokführer werden. Heute hat er seinen Bubentraum zumindest ein Stück weit verwirklicht: Vom Chefsessel des Bundesamts für Verkehr (BAV) in Ittigen bei Bern stellt der Aargauer die Weichen für die Schweizer Verkehrspolitik und die Zukunft der SBB. Es geht um viel: Die künftige Finanzierung und der weitere Ausbau der Bahn sind eine der grössten Vorlagen der laufenden Legislatur des Parlaments. Für die Kantone steht im Standortwettbewerb ebenfalls viel auf dem Spiel: Die Kantonsvertreter in der ständerätlichen Verkehrskommission werden morgen einmal mehr versuchen, ihre Interessen durchzubringen – und sich gleichzeitig auf ein mehrheitsfähiges Ausbaupaket bis 2025 zu einigen. Während sich die Regionen mit Forderungen gegenseitig überbieten (siehe Artikel rechts), darf sich Füglistaler von keiner Interessengruppe einspannen lassen, sondern bloss die finanziellen Folgen von Beschlüssen aufzeigen. Oberste Priorität hat für den kühlen Rechner vorerst die Sicherung einer unbefristeten Finanzierung des Ausbaus und Unterhalts der Bahn – und nicht der Bau teurer Tunnels. So realisierte er nach seinem Amtsantritt vor zwei Jahren denn auch rasch, dass das von seinem Vorgänger geerbte Grossprojekt Bahn 2030 wegen fehlender Mittel und endloser Wunschlisten der Kantone zu entgleisen drohte. Deshalb zog Füglistaler nach dem Amtsantritt 2010 rechtzeitig die Bremse und backt nun etwas kleinere Brötchen. Alle vier bis acht Jahre will er dem Parlament einen neuen Ausbauschritt vorlegen.

Bundesgeld effizient einsetzen

Mit Füglistaler weht nicht nur beim Bahnausbau ein frischer Wind. Auch die SBB, die stets in einem stark politisch geprägten Umfeld agierten, sind stärker ins Visier des BAV geraten. Denn Füglistaler kennt die SBB als ehemaliges Kadermitglied der Division Infrastruktur und früherer Generalsekretär wie kein zweiter von innen. Der HSG-Absolvent arbeitete unter Bahnchef Benedikt Weibel und dessen Nachfolger Andreas Meyer. Das kriegen die SBB nun zu spüren: Füglistaler, der sich als Zahlenmensch bezeichnet, stellt mehr kritische Fragen als sein militärisch orientierter Vorgänger Max Friedli. So kritisierte der BAV-Chef den von den SBB favorisierten Bau des Chestenberg-Tunnels im Aargau wegen seines Kosten-Nutzen-Verhältnisses. Oder Füglistaler liess wegen offener Fragen die Gründung einer SBB-Tochterfirma für den internationalen Güterverkehr untersuchen (Ausgabe vom 14. Januar). Deshalb müssen die SBB nun mehr Transparenz über die Ergebnisse der einzelnen Bereiche schaffen. Es geht um Verrechnungen zwischen Sparten mit und ohne Subventionen. Denn der Bund zahlt den SBB jedes Jahr mehrere Milliarden Franken. Das Ziel des unscheinbaren, aber gewieften BAV-Chefs: Die öffentlichen Gelder sollen möglichst effizient eingesetzt werden. Verkehrspolitiker von links und rechts sind denn auch des Lobes voll. Es sei ein Vorteil, dass er die SBB so gut kenne und dennoch eine kritische Distanz habe, sagt etwa Nationalrätin Franziska Teuscher (Grüne/BE), Präsidentin des Verkehrsclubs VCS. «Wir wollen uns die Verkehrspolitik nicht von den SBB diktieren lassen.»

«Linker mit liberalen Ideen»

Füglistaler ist zwar bis heute Mitglied der SP und der Eisenbahnergewerkschaft SEV. Trotzdem gilt er nicht als Ideologe. «Als Linker bringt er liberale Ideen ins ÖV-System. Damit will er Kosten senken», heisst es in der Branche. Das zeigte sich etwa 2005 bei der Gründung einer unabhängigen Stelle, die den Zugang von Unternehmen zum Bahnnetz erleichtern soll. Zum anderen verteidigte er als BAV-Chef stets eine stärkere Beteiligung der ÖV-Kunden am steigenden Bedarf für Unterhalt und Ausbau der Bahn. «Wer vom ÖV profitiert, soll mitbezahlen», sagte Füglistaler in einem Interview. Und vor kurzem brach er ein Tabu: In einem Strategiepapier stellt sein Amt gegen den Widerstand des SEV eine Teilprivatisierung von SBB Cargo zur Diskussion. Die Gütertochter der SBB kämpft seit längerem mit roten Zahlen. Mit solchen Ideen tritt Füglistaler auch aus dem Schatten seines früheren Chefs Benedikt Weibel und des SBB-Verwaltungsratspräsidenten Ulrich Gygi. Unter letzterem arbeitete der BAV-Chef vor seiner SBB-Zeit in der Finanzverwaltung des Bundes.

Vor harten Debatten

Vorderhand muss Füglistaler aber zusammen mit Verkehrsministerin Doris Leuthard die künftige Finanzierung und den Ausbau der Bahn ins trockene bringen. Bis zur Volksabstimmung stehen im Parlament noch harte Debatten bevor. Füglistaler kann unter Beweis stellen, dass er nicht nur ein hervorragender Kenner des ÖV-Systems, sondern ein ebenso guter Taktiker ist.

Aktuelle Nachrichten