Der Fälscher Relotius ist kein Einzelfall

Reporter, die es mit der Wahrheit in ihren Artikeln nicht so genau nehmen, gibt es immer wieder. Durch die prestigereichen Preise für Reportagen wird diese Flunkerei leider noch zusätzlich gefördert.

Gottlieb F. Höpli
Drucken
Teilen
Gottlieb F. Höpli

Gottlieb F. Höpli

Schon wieder haben sich die Redaktionen der deutschen Grossmedien «Spiegel», «Zeit» und «Süddeutsche Zeitung» von einem preisgekrönten Reporter getrennt, der es in seinen Reportagen mit der Wahrheit nicht so genau nahm. Zwar hat der überaus talentierte Dirk Gieselmann, den in der Schweiz auch die Leser der «Republik» kennen, nach bisherigen Erkenntnissen seine Geschichten nicht, wie der «Spiegel»-Autor Claas Relotius, zum Teil geradezu erfunden, aber Leserinnen und Redaktionen doch immer wieder an der Nase herumgeführt. Nun müssen auch Skeptiker einsehen: Der Fall Relotius ist definitiv kein Einzelfall.

Der talentierte Herr Gieselmann flog auf, als die Titelfigur einer seiner Geschichten nachträglich fotografiert werden sollte – und sich herausstellte, dass diese Figur gar nicht existiert. Beziehungsweise dass es sich um mehrere Gesprächspartner handelte, die der Autor der Süffigkeit des Textes halber zu einer einzigen zusammenzog. Danach kamen in zahlreichen seiner Reportagen Zuspitzungen, erfundene Details, dramaturgische Arrangements zum Vorschein, die allein dem Zweck dienten: die erzählten Geschichten noch besser, noch stimmiger zu machen. Ob solches tatsächlich nur in Deutschland passiert, bliebe noch zu untersuchen.

Und diese Inszenierung der Wirklichkeit, so stellte sich heraus, war wiederum kein Einzelfall: Einer der prominentesten Publizistikprofessoren Deutschlands und frühere «Spiegel»-Journalist Michael Haller gesteht in seinem Standardwerk «Die Reportage» dem Reporter ein «gestalterisches Ausschöpfen» und ein «etwas anderes Realitätsverständnis» zu – eine Art künstlerischer Freiheit, die der Leserschaft preisgekrönter Reportagen so nicht bekannt sein dürfte. Und die sie, wüsste sie davon, kaum billigen würde. Professor Haller verspricht immerhin, die Flunkergrenzen in der nächsten Auflage schärfer zu ziehen ...

Ausgerechnet die Stars in der Königsdisziplin des Journalismus, die Reporter, haben diesem Journalismus nun den grössten Imageschaden zugefügt: Es gibt keine journalistische Form, die – vor allem in Deutschland – mehr Prestige verleiht und in der mehr Preise zu holen sind als in der Reportage. Claas Relotius und auch Dirk Gieselmann haben in jungen Jahren schon die höchsten Auszeichnungen gewonnen. Oder kennt vielleicht jemand prominente Preisträger in der Kategorie Leitartikel oder gar Nachrichten (oder Kolumnen wie diese hier)?

Warum gerade die Reportage? Nun, sie ist beim Lesepublikum beliebt, weil der Reporter es auf seinen Entdeckungsreisen mitnimmt, es mitfiebern und mitleiden lässt. Zum Beispiel dann, wenn er – wie Relo­tius – einem frierenden kleinen Mädchen seine Jacke umlegt oder – wie Gieselmann – einem anderen kleinen Mädchen den Weg nach Hause zeigt, nachdem es sich in der Stadt verlaufen hat. Das ist rührend – und weder von der Heimatredaktion noch von hauseigenen «Faktencheckern» (der «Spiegel» hat siebzig davon) leicht zu falsifizieren. Höchstens nachträglich, wenn das kleine Mädchen einmal Emily, anderswo aber Annelie heisst ...

Aber derlei inszeniertes «Kino im Kopf» ist eben auch bei den Redaktionen jener Grossmedien wie «Spiegel», «Stern», «Zeit» oder «Süddeutscher» beliebt, wenn es sich zur perfekten, herzerwärmenden – und natürlich den eigenen linksliberalen Erwartungen entsprechenden – Story rundet. Zur Story, die am Ende des Jahres noch mit dem deutschen Reporterpreis oder dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet wird, was das Marketing des jeweiligen Verlags dann gerne für Eigenwerbung verwenden wird.

Wobei zu bemerken wäre, dass der «rasende Reporter» Egon Erwin Kisch (1885–1948) seine Reportagen regelmässig mit erfundenen Details und Personen, mit Namen und Fakten ausschmückte – der unbestritten geniale Geschichtenerzähler tat dies schliesslich im Dienst der kommunistischen Weltrevolution, der er zeitlebens anhing. So gesehen haben sich Relotius und Gieselmann ihren Kisch-Preis redlich verdient: fürs Schreiben im Dienste einer (vermeintlich) höheren Wahrheit als der Wahrheit selbst.