Der erste Pirat im Parlament

Als schweizweit ersten Politiker wählten die Winterthurer Stimmbürger mit Marc Wäckerlin einen Vertreter der Piratenpartei in ein Parlament. Der Winterthurer über sein Leben und die Zusammenarbeit mit den Grünliberalen.

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Marc Wäckerlin: «Hey, Euch kenne ich und finde ich gut.» (Bild: Philippe Klein)

Marc Wäckerlin: «Hey, Euch kenne ich und finde ich gut.» (Bild: Philippe Klein)

Herr Wäckerlin, wie muss man sich einen Piraten vorstellen, der im Winterthurer Stadtparlament sitzt? Was sind Sie für ein Typ?

Marc Wäckerlin: Ich würde nicht sagen, dass ich etwas Aussergewöhnliches bin. Als Pirat besetze ich allerdings spezielle politische Themen: Datenschutz, Persönlichkeitsschutz, Bürgerrechte. Das sind Punkte, wo ich etwas bewirken will.

Die Piratenpartei hat ihren Ursprung in Schweden und kümmerte sich bis anhin vor allem um Urheberrechtsfragen im Internet. Was wollen Sie denn auf lokaler Ebene erreichen?

Wäckerlin: Einer unserer Grundsätze ist die Forderung nach freiem Zugang zu Bildung, Wissen und Kultur. Ich werde mich in Winterthur für mehr und besseren Schulraum einsetzen. Auch die Informatikdienste der Stadt wurden bisher vernachlässigt. Statt auf Apple und Microsoft sollten wir auf Open-Source-Lösungen setzen.

Gerade ist bekanntgeworden, dass Sie mit den fünf grünliberalen Parlamentariern im Winterthurer Gemeindeparlament eine Fraktionsgemeinschaft bilden. Warum das?

Wäckerlin: Wir haben mit den Grünliberalen und den Grünen Gespräche geführt. Die Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen. Ausschlaggebend war unter anderem, dass die Piratenpartei in Bern bereits erfolgreich mit den Grünliberalen zusammenarbeitet. Ich denke, dass ich mehr bewirken kann, wenn ich mich bei ihnen einbringe.

Was ist von der Piratenpartei auf kantonaler Ebene zu erwarten?

Wäckerlin: Einiges. Wir werden voraussichtlich im nächsten Frühling zu den Kantonsratswahlen im Kanton Zürich antreten. Und im Herbst 2011 ist es unser erklärtes Ziel, in allen Kantonen eine Nationalratsliste einzureichen.

Im Kanton Zürich haben die Piraten knapp 200 Mitglieder, schweizweit sind es etwas mehr als 800. Wie sind Sie organisiert?

Wäckerlin: Im Unterschied zu anderen neueren Parteien wie der GLP oder der BDP sind wir nur national organisiert und haben keine Sektionen. In den Regionen haben engagierte Piraten aber etliche Stammtische gegründet und so auch Wahlen organisiert.

Zum Namen Ihrer Partei: Werden Sie sich in zwanzig Jahren noch als Pirat fühlen, wenn Sie etwa in Bern in Anzug und Krawatte politisieren?

Wäckerlin: «Pirat» empfinden viele Menschen als positiv besetzt, denken Sie nur an den «Radiopiraten» Roger Schawinski.

Ein Pirat lässt sich nicht in bestehende Schemata einordnen, er liebt seine Freiheit und will neue Lösungen suchen. Daher finde ich den Namen gut und kann mich gut damit identifizieren. In Anzug und Krawatte wir man mich ohnehin nie antreffen.

In der Piratenpartei gibt es viele Informatiker und Naturwissenschafter. Welchen Hintergrund bringen Sie denn mit?

Wäckerlin: Da bin ich keine Ausnahme: Ich habe an der ETH Elektrotechnik studiert, arbeite seit Studienende in der Softwareentwicklung. Ich bin mit dem Internet aufgewachsen. Die Piratenpartei als Bewegung kommt ja aus dem Internet. Viele gestandene Politiker haben kaum Ahnung von modernen Technologien. Wir kümmern uns darum und besetzen so eine wichtige Nische.

Wie reagieren die Leute auf Sie, wenn Sie sagen, dass Sie für die Piratenpartei politisieren?

Wäckerlin: Die einen sagen: «Hey, das kenn ich; find ich gut.» Und die anderen haben noch kaum etwas von uns gehört. Wenn ich ihnen erkläre, dass wir gegen die zunehmende Überwachung kämpfen oder uns elektronische Datensammlungen unheimlich sind, finden sie mein Engagement eine gute Sache.

Interview: Philippe Klein

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