Der eloquente Walliser, der die SRG retten soll

Rolf App
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Nationalrat, Regierungsrat – und nun SRG-Präsident Jean-Michel Cina. (Bild: KEY)

Nationalrat, Regierungsrat – und nun SRG-Präsident Jean-Michel Cina. (Bild: KEY)

SRG-Spitze Mit ihren Präsidenten hat die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) in den letzten Jahren wenig Glück gehabt. Im Sommer 2015 war der Genfer Raymond Loretan nach kurzer Amtszeit zurückgetreten, weil er für die CVP für den Ständerat kandidieren wollte. Der ehemalige Luzerner Staatsschreiber Viktor Baumeler übernahm – allerdings nur, bis ein Nachfolger gefunden war. Diese Nachfolgediskussion aber zog sich in die Länge.

Ein erstes Verfahren brach der Nominierungsausschuss Anfang 2016 erfolglos ab. Nach der nur sehr knapp gewonnenen Volksabstimmung zur SRG-Haushaltsabgabe hatte er versucht, einen Präsidenten oder eine Präsidentin in den Reihen der zunehmend SRG-kritischen FDP zu finden. Dann aber tauchte, überraschend, der Name von Jean-Michel Cina auf, der als ehemaliger CVP-Nationalrat und -Fraktionschef die Berner Politik bestens kennt – und überdies dasselbe Parteibuch hat wie Medienministerin Doris Leuthard. Anfang Juli 2016 wurde er an einer ausserordentlichen Delegiertenversammlung der SRG gewählt, mit Amtsantritt im Mai 2017. Auf diesen Zeitpunkt hatte der heute 54-jährige Cina nach zwölf Jahren als Volkswirtschaftsdirektor seinen Rücktritt aus der Walliser Kantonsregierung erklärt.

«Unglaubliche Unverfrorenheit der CVP»

Die Kritik liess nicht lange auf sich warten. Cinas Wahl zeuge «von einer unglaublichen Unverfrorenheit der CVP», erklärte SVP-Nationalrat Gregor Rutz mit Blick auf all die CVP-Präsidenten der SRG. Filz sei im Spiel. Die SRG aber brauche an der Spitze des Verwaltungsrats jemanden, der unternehmerisch denke, und keinen Politiker.

Das ist freilich nur die eine Seite der Medaille. Der SRG-Verwaltungsrat beaufsichtigt tatsächlich ein Grossunternehmen der Medienbranche. Die andere Seite: Angesichts der anstehenden Auseinandersetzung um die No-Billag-Initiative braucht die SRG noch viel dringender als einen obersten Finanzaufseher einen Lobbyisten, der es auch schafft, politisch Goodwill aufzubauen.

Eine ziemlich einleuchtende Besetzung

In dieser Rolle aber stellt Jean-Michel Cina, obwohl bisher nicht als Medienspezialist in Erscheinung getreten, eine ziemlich einleuchtende Besetzung dar. Die scharfe Kritik der SVP zeigt vor allem, dass man sich vor dem wortmächtigen Walliser auch fürchtet. Mit Grund. Denn während der bis Ende September amtierende SRG-Generaldirektor Roger de Weck in der Pose des Intellektuellen souverän, aber oft auch ein wenig von oben herab aufzutreten wusste, und sein Nachfolger Gilles Marchand noch wenig bekannt ist, hat Jean-Michel Cina seine Verbindungen in die Schweizer Politik stets gepflegt. Er weiss Positionen so zu begründen, dass sie auch jenen Kreisen einleuchten, denen ein Ja zur SRG vielleicht nicht gerade ein Herzensanliegen ist. Und der perfekt Zweisprachige, mediengewandte Politiker kommt aus einer jener Randregionen, für die die Dienste der SRG besonders wichtig sind.

Jean-Michel Cina wäre gerne Bundesrat geworden. Aber er war sich auch bewusst, dass es bei einem Rücktritt von Doris Leuthard «so viele Interessierte geben wird, dass sich niemand mehr an mich erinnert». Kann sein, dass man sich an ihn als den Mann erinnert, der die SRG gerettet hat.

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