Der Bundesrat will, dass Netflix Schweizer Filme subventioniert

Streaming-Anbieter wie Netflix und Amazon sollen vier Prozent ihres Umsatzes in Schweizer Filme investieren müssen. Die Quote finden nicht alle gut. 

Raffael Schuppisser
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Will Smith präsentiert in Tokyo die Premiere des Netflix-Films "Bright". Werden solche Szenen bald in der Schweiz möglich?  EPA/CHRISTOPHER JUE

Will Smith präsentiert in Tokyo die Premiere des Netflix-Films "Bright". Werden solche Szenen bald in der Schweiz möglich?  EPA/CHRISTOPHER JUE

Christopher Jue / EPA/EPA

Wer auf Netflix einen Schweizer Film schauen will, der sucht lange. Zwar hat sich der US-Streamingriese die Rechte an «Wolkenbruch» gesichert und auch «Der Bestatter» war einst auf dem Portal zu sehen. Derzeit können die Filme aus der Schweiz aber nicht abgespielt werden. Selber produziert Netflix keine Schweizer Serien, anders etwa als in Deutschland oder Frankreich.

Geht es nach dem Bundesrat, soll sich das bald ändern: Streaming-Anbieter wie Netflix sollen vier Prozent ihrer Bruttoeinkünfte in Schweizer Filme oder Fernsehserien investieren oder als Abgabe entrichten müssen. Ausserdem müssen 30 Prozent des eigenen Angebots aus Europa stammen. So steht es in der Kulturbotschaft, die der Bundesrat gestern präsentiert hat.

Der Bund rechnet mit Einnahmen von 6 Millionen Franken für den Film. Das sind zehn Prozent der derzeitigen Filmförderung.

Swisscom und Co. befürchten: Die Innovation in der Schweiz wird gebremst

Dennoch wurden die Quoten im Vorfeld kontrovers diskutiert. Denn sie gelten nicht nur für Netflix, Amazon oder Apple, sondern auch für heimische Unternehmen mit einem Video-on-Demand-Angebot. Ein solches bieten etwa die Swisscom, UPC oder aber Teleboy ihren Nutzern an. «Es besteht die Gefahr, dass man die Innovation von Schweizer Unternehmen erstickt, weil man die grossen amerikanischen Unternehmen zur Filmförderung zwingen will», sagt Alexander Schmid, Geschäftsführer des Branchenverbands Swissstream, dem etwa die Swisscom und die Sunrise angehören.

Anders als die US-Riesen Netflix, Disney oder Applekönnten Schweizer Anbieter allenfalls eine solche Gebühr nicht so leicht verschmerzen. Das könnte in letzter Konsequenz dazu führen, dass sie sich mit ihrem Video-on-Demand-Angebot zurückziehen und den Markt gänzlich den Amerikanern überlassen würden.

Wenn Netflix den besseren «Wilder» macht

Auch die Wirkung der 30-Prozent-Quote für europäische Angebote stellt Schmid in Frage: Um sie zu erfüllen, könnten die Portale nicht nur das europäische Angebot erhöhen, sondern auch das ausländische reduzieren. Zum Opfer würden dabei wohl nicht die massentauglichen Hollywoodproduktionen fallen, sondern Arthouse- und Independent-Filme aus Asien und den USA. Ausserdem zweifelt der Rechtsanwalt, ob eine Quote und eine Abgabe gegenüber Netflix und Co. aufgrund von deren ausländischen Sitzen überhaupt durchgesetzt werden können.

Hier sieht Ivo Kummer, Filmchef beim Bundesamt für Kultur, kein Problem. Er verweist auf Deutschland und Frankreich, wo bereits eine solche Abgabe besteht. «Die US-Anbieter haben ein grosses Interesse, in der Schweiz Abos zu verkaufen», sagt er. Ausserdem würde Netflix, wie er im persönlichen Gespräch mit dem Unternehmen erfahren habe, das Schweizer Modell gegenüber ausländischen bevorzugen, weil es liberaler sei. In Deutschland etwa müssen Anbieter vier Prozent des Umsatzes in die Filmförderung investieren. In der Schweiz können Netflix und Co. selber bestimmen, ob sie Schweizer Filme einkaufen oder eigene Serien drehen wollen.

Davon dürfte letztlich auch das Publikum profitieren. Denn derzeit hat das Schweizer Fernsehen SRF ein Quasi-Monopol auf Schweizer Serien. Wenn Netflix also plötzlich den besseren «Wilder» produzieren würde, könnte das spannend werden.

934,5 Millionen Franken für die Kultur

Kulturpolitik

Ausgeklügelt bis zum letzten Paragrafen und Franken: Wenn der Bundesrat seine Strategie und das Budget für die Kultur vorlegt, so ist das ein lange vorbereitetes und vernehmlasstes, ein austariertes und umfangreiches Papier. Die Kulturbotschaft 2021-2024 fasst auf 147 Seiten zusammen, wer warum wie viel Geld bekommen soll. Das Papier ist ans Parlament adressiert, das wird es im Herbst beraten, und je nach Lobby-Arbeit von Verbänden und interessierten Kreisen noch verändern.

Das Wichtigste in Stichworten: Insgesamt will der Bundesrat in den kommenden vier Jahren 934,5 Millionen Franken für die Kultur ausgeben (plus 34,7 Millionen Franken). Das entspricht 0,3 Prozent des Bundesbudgets. Die grössten Posten: Film (209,1 Mio.), Kulturstiftung Pro Helvetia (180,4 Mio.), Nationalmuseum (134,5 Mio.), Baukultur inklusive Archäologie (103,9 Mio.) und Schweizerschulen im Ausland (89,5 Mio.). Für die Förderung von Italienisch und Rätoromanisch und vor allem für ein neues Schul-Austauschprogramm zwischen den Sprachregionen gibt es mehr Geld (neu 68,8 Mio.).

Die drei Schwerpunkte der aktuellen Kulturbotschaft werden weitergeführt: «Kulturelle Teilhabe», «gesellschaftlicher Zusammenhalt» sowie «Kreation und Innovation». «Kontinuität ist wichtig», sagte Alain Berset. Unter dem Stichwort «Kulturelle Teilhabe» unterstützt der Bund Kultur für möglichst Viele. Dazu gehört auch «Jugend und Musik», das erfolgreich gestartet sei, so Berset und wegen der grossen Nachfrage deutlich mehr Geld erhält (neu 25,3 Mio.). Neu dazu kommt die Schiene «Junge Talente». Sabine Altorfer

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