Reportage

Der Bundesrat hält das Maskentragen im ÖV für «dringlich» – doch jetzt zeigt sich: Kaum jemand hält sich dran

Der Bundesrat ermahnt Pendler eindringlich in Zug, Bus und Tram mit Maske zu reisen. So könnte eine zweite Infektionswelle mit dem Coronavirus verhindert werden. Ein Augenschein in verschiedenen Landesteilen ist jedoch ernüchternd: Nur eine absolute Minderheit hält einen Schutz für nötig.

Larissa Gassmann
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Ein Mann trägt in einem Tram eine Maske.

Ein Mann trägt in einem Tram eine Maske.

Bild: Ennio Leanza / Keystone

Nach dem Ende des Lockdowns steigen in Bus, Zug und Tram immer mehr Pendler zu. Zu Stosszeiten wird der Platz eng. Weil der geforderte Mindestabstand von anderthalb Meter auf diese Weise nur schwer einzuhalten ist, rät der Bundesrat im öffentlichen Verkehr «dringend» zum Tragen einer Maske. Allerdings: Auf eine allgemeine Maskentragpflicht verzichtet der Bund. Eine solche könnten nur die Kantone selbst verhängen. Der Bundesrat setzt auf Eigenverantwortung.

Die Zustimmung zu einer Maskenpflicht sinkt in der Bevölkerung allerdings stetig, das zeigt ein Anfang Juni durchgeführtes Monitoring der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft. Demnach sind nur dreissig Prozent der 31'011 Befragten für eine generelle Maskentragpflicht im öffentlichen Verkehr. Zusätzliche zwanzig Prozent befürworten eine punktuelle Tragpflicht - etwa wenn der notwendige Abstand nicht eingehalten werden kann oder in separaten Zugwagen.

Ein Augenschein von CH Media in diversen Landesteilen zeigt aber deutlich: Der Appell an die Eigenverantwortung scheint ungehört verhallt. Am Montagmorgen trug kaum eine Person im öffentlichen Verkehr eine Schutzmaske. Gerade auch Angehörige der Risikogruppe - sprich ältere Menschen - verzichten an diesem Montagmorgen auf den wichtigen Schutz.

Nordwestschweiz

  • 7 Uhr, Bus der Autobus Liestal AG zwischen Reigoldswil und Liestal: Niemand ist mit Maske zu sehen, allerdings ist der Kurs eher spärlich besetzt.
  • 07:17 Uhr, S8 von Sursee bis Turgi, zwischen Aarburg und Brugg: Sämtliche Abteile im Wagen sind besetzt mit ungefähr 32 Personen, dazu 10 bis 15 Personen stehend. Drei Personen mit Maske.
  • 07:38 Uhr, S-Bahn von Zürich bis Aarau: Drei Personen mit Maske im Wagen, dies entspricht ungefähr zehn Prozent. Im Postauto vom Reppischtal hinein nach Zürich hatte es eher noch weniger Maskenträger.
  • 7:22 Uhr, von Baden bis Aarau: Mehr Menschen im Zug als letzte Woche, aber höchstens gleich viel, wenn nicht sogar weniger Maskenträger (fünf bis zehn Prozent). Gleiche Beobachtung auf der Strecke Baden bis Kloten um 06:29 Uhr.
  • 7:51 Uhr, Zug von Sursee bis Aarau: Am Bahnhof in Sursee stehen drei Personen mit Maske. Im Zug selbst befinden sich keine Maskenträger. Erst in Zofingen stiegen von 50 Personen zwei mit Maske ein. In Olten keine Maskenträger, in Aarau stiegen wiederum drei Personen mit Maske ein. Generell tragen eher Junge oder Personen um die 40 Jahre eine Maske. Auf dem Land und in Luzern und Solothurn kaum jemand. Der Aargau hat die meisten Maskenträger.
  • 08.15 Uhr, Bahnhof Basel SBB: In der Eingangshalle und auf der engen Passerelle zu den Gleisen ist niemand mit Maske zu sehen - ausser zwei SBB-Angestellten. Im IC von Basel nach Liestal war ein Abteil vollgestopft mit Sekschülern und zwei Lehrern, niemand trug eine Maske.

Mittelland

  • 07:37 Uhr, Tram 8 in Richtung Bahnhof Bern: Von total 70 Personen, die auf dem Weg ein und ausstiegen, trugen insgesamt fünf Passagiere eine Maske.

Zürich

  • 08:40 Uhr: Von Weinfelden in Richtung Zürich: Im ganzen Zug hielten sich drei Personen mit Maske auf, ab Winterthur stiegen mehrere ältere Personen mit Maske zu. Generell schon länger die Beobachtung, dass vor allem ältere Personen Maske tragen.

Ostschweiz

  • 08:40 Uhr: Interregio 13 von Wil in Richtung Zürich: In zwei Zweitklasswagen hielten sich 46 Personen auf, davon zwei Passagiere mit Maske. Pro Abteil hielt sich aber nur eine Person oder ein Paar auf.
  • 8:17 Uhr: Zug von Romanshorn bis Weinfelden: Keine einzige Person trägt Maske
  • 8:11 Uhr, Bahn von Frauenfeld bis Will: Wer in der Frauenfeld-Wil-Bahn eine Maske trägt, ist ein Exot. Bei der Abfahrt in Wil tragen von rund zwanzig Passagieren zwei eine Maske - zwei jüngere Frauen. Während der Fahrt steigen an fast jeder Station Passagiere zu. Lediglich in Wiesengrund wartet eine Frau mit Maske auf den Zug. Wobei: Die meisten Fahrgäste haben ein Viererabteil für sich.
  • 8:35 Uhr, Regionalzug Wattwil bis Wil: Um die 30 Personen, wie üblich eine Person pro Viererabteil, keine einzige Maske.
  • 9 Uhr, Bahnhof Wil, Bahnhofplatz und Perrons: Um die 50 Personen anwesend - keine einzige mit Maske.

Zentralschweiz

  • 9:30 Uhr, Zug von Luzern bis Olten: Ein Zweitklassabteil, zwei von zwanzig Personen tragen eine Maske. Bahnhof Olten: Beim Gleiswechsel nur eine einzige Maskenträgerin gesehen. Eindruck: In den letzten Tagen halten sich junge und alte Maskenträger zahlenmässig die Waage. Es gab Momente, in Abteilen fröhliche Seniorenreisegruppen auf Wanderschaft ohne Masken zusammensassen, während Mitdreissiger eine anhatten.
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