Der Bundesanwalt greift durch

Die Ergebnisse waren zu dünn gesät: Jetzt ist Pierluigi Pasi, Leiter der Zweigstelle der Bundesanwaltschaft im Tessin, mit sofortiger Wirkung seiner Funktionen enthoben worden.

Gerhard Lob
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Musste sein Büro räumen: Pierluigi Pasi. (Bild: ky/Karl Mathis)

Musste sein Büro räumen: Pierluigi Pasi. (Bild: ky/Karl Mathis)

LUGANO. Bundesanwalt Markus Lauber setzt seinen Vorsatz mit Entschiedenheit um, in der obersten Ermittlungsbehörde des Landes aufzuräumen, um Schwachpunkte auszumerzen und die Schlagkraft zu erhöhen. Nachdem Mitte Mai bekanntgeworden war, dass fünf Bundesstaatsanwälte gehen müssen, weil sie wegen mangelnder Leistungen nicht zu einer Wiederwahl vorgeschlagen werden, zündete Lauber in Lugano die nächste Bombe.

Keine fristlose Entlassung

Der Leiter der Zweigstelle der Bundesanwaltschaft in Lugano, der 51jährige Pierluigi Pasi, wurde von Lauber mit sofortiger Wirkung seiner Funktionen enthoben. Die Bundesanwaltschaft (BA) bestätigte gestern die Meldung des Nachrichtenportals liberatv.ch mit einem kurzen Statement. Demnach hat der Bundesanwalt den Leiter der Zweigstelle Lugano «mit sofortiger Wirkung und von allen seinen Funktionen wegen fundamentaler Differenzen in der Art der Führung der Luganeser Niederlassung suspendiert». Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» präzisierte BA-Informationschef André Marty, dass eine Suspendierung nicht mit einer «fristlosen Entlassung» gleichzusetzen sei. Weitere Informationen wurden aber nicht gegeben. Gemäss Tessiner Medien wurde dem Amtsstellenleiter sogar der Zutritt zu seinem eigenen Büro verwehrt.

Es ist bekannt, dass Lauber schon seit einiger Zeit mit der Arbeit der Zweigstelle im Tessin nicht zufrieden war. Der 2003 gegründete Ableger hat sich unter Pasi auf Ermittlungen im Bereich der organisierten Kriminalität, Mafia und Geldwäscherei spezialisiert. Von der in Lugano angesiedelten Niederlassung erwartete man sich dank der geographischen Nähe zu Italien eigentlich viele handfeste Resultate in diesem Bereich. Doch die Ergebnisse waren eher dünn gesät. Pasi gab häufig Interviews in den Tessiner Medien, in denen er vor der Infiltration der Mafia warnte und sich als Mafiajäger darstellte. «Zuerst kam ihr Geld, danach kamen die Mafiosi selbst», lautet ein von ihm gerne zitierter Satz. Doch zur Anklageerhebung vor Bundesstrafgericht in Bellinzona kam es weniger häufig. Viele Fälle ziehen sich jahrelang hin.

Zu sehr verzettelt

In der Öffentlichkeit schlug die Meldung gestern wie ein Blitz ein. In Tessiner Justizkreisen sorgte die Suspendierung des Zweigstellenleiters aber nicht für eine wirkliche Überraschung, auch wenn es sich um eine Premiere handelt. Strafverteidiger berichten davon, dass die BA-Zweigstelle in Lugano zu sehr verzettelt gewesen sei, anstatt einige wenige Dossiers schnell und zielgerichtet zu einem Ende zu bringen. Auch von mangelnder Professionalität ist die Rede. So wurden offenbar Verteidigerrechte nicht gewahrt, wenn Staatsanwälte in laufenden Verfahren Gespräche mit der Polizei oder Richtern in Italien nicht protokollierten. Die Leitung der BA-Zweigstelle Lugano, bei der 19 Personen tätig sind, wird mit sofortiger Wirkung von der BA- Zentrale in Bern übernommen.

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