«Lieber Sepp!»: Ringier-Chef rüffelt in Brief an Ex-Fifa-Boss Blatter die eigene Redaktion – die Hintergründe sind pikant

Der ehemalige Fifa-Präsident Sepp Blatter beklagte sich beim Ringier-Verlag, der den «Blick» herausgibt, über dessen Berichterstattung. Die Zeitung hatte sich als Sprachrohr des amtierenden Fifa-Bosses Gianni Infantino exponiert. Ringier-CEO Marc Walder reagierte mit einem erstaunlichen Brief.

Henry Habegger
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Ringier-CEO Marc Walder (links) schrieb Sepp Blatter (rechts) einen Brief. Seine Sportredaktion kam darin nicht gut weg. (Bilder: /KeystoneSeverin Bigler)

Ringier-CEO Marc Walder (links) schrieb Sepp Blatter (rechts) einen Brief. Seine Sportredaktion kam darin nicht gut weg. (Bilder: /KeystoneSeverin Bigler)

Der Ringier-Konzern («Blick», «SonntagsBlick») versuchte es zunächst mit einem Emissär mittleren Ranges. Sportchef Felix Bingesser wurde detachiert, um Sepp Blatter, 84, zu besänftigen. Aber der ehemalige Fifa-Präsident liess sich nicht so billig abspeisen. Er erwarte Antwort von einem der Adressaten seines Protestschreibens, beschied Blatter dem Emissär. Und die Adressaten sassen weiter oben im Ringier-Konzern.

Diese Antwort kam einige Tage später, mit Datum vom 1. September 2020, abgeschickt am 2. September per Mail und per Post, von Ringier-CEO Marc Walder, 55, persönlich. «LIEBER SEPP!», kritzelte Walder von Hand über die Anrede und verdankte Blatters Protestbrief:

Es folgte ein verblüffender Rüffel des Ringier-Vormannes an seine eigene Sportredaktion. Walder schrieb an Blatter:

«Ich verstehe Deine Irritation und den Unmut in dieser Sache. Die Berichterstattung ist tatsächlich einseitig, man kann sie auch tendenziös nennen.»

Und weiter: Es wäre «journalistische und handwerkliche Pflicht gewesen, Dich mit diesen Vorwürfen zu konfrontieren. Ich habe das bei der Chefredaktion Sport angemahnt», so Walder.

Feurige Angriffe auf Kritiker von Fifa-Boss Infantino

Der Ringier-Mann rügt seine Belegschaft und kommt Sepp Blatter entgegen. Er geht damit indirekt auch auf Distanz zu Infantino. Was war passiert?

Ab Anfang August warf sich die «Blick»-Sportabteilung in mehreren Artikeln und auffallend feurig für den umstrittenen Fifa-Chef Gianni Infantino in die Schlacht, der wegen seiner mysteriösen «Schweizerhof»-Treffen mit dem gescheiterten Bundesanwalt Michael Lauber ein Strafverfahren am Hals hat. Und um seinen Job als Fifa-Boss bangen muss, falls etwas an ihm hängen bleibt.

Die Ringier-Leute schossen sich genau auf jene Leute ein, die Infantino offenbar als Treiber oder Auslöser des Strafverfahrens gegen sich vermutet: Allen voran den international anerkannten Korruptionsexperten Mark Pieth und den ehemaligen Fifa-Boss Blatter. «2,5 Millionen Franken für nichts» habe einst «Blatters Fifa an den Korruptionsexperten Mark Pieth» überwiesen, behauptete der «SonntagsBlick» beispielsweise Anfang August. Noch am gleichen Vormittag publizierte die Fifa eine offensichtlich vorbereitete Stellungnahme, in der sie in die gleiche Kerbe hieb und Pieth frontal angriff.

Ablenkungsmanöver von Infantinos Problemen?

Zwar legte Pieth dar, dass mit den 2,5 Millionen die Arbeit und Spesen der Reform-Kommission und des Basler Governance-Instituts bezahlt worden waren und er selbst kein Geld nahm, da er seinen Lohn als Professor hatte. Und Pieth machte auch klar, dass die Reformvorschläge seiner Kommission ausgerechnet von Leuten wie Infantino, der damals noch bei der Uefa arbeitete, torpediert worden waren.

Aber eine Woche später folgte der zweite Teil der Attacke, in der Beobachter ein Ablenkungsmanöver von Infantinos Problemen sahen: «Wer zeigte Fifa-Präsident Infantino an?», fragten die «Blick»-Leute, und gaben die Antwort gleich selbst: «In der Fussballszene fragt man sich, ob Mark Pieth hinter den Ermittlungen gegen den Fifa-Boss steckt.» Zu dieser auch von Infantino-Vertrauten verbreiteten Verschwörungstheorie gehörte auch der Hinweis, dass Pieth einst von Blatter zur Fifa geholt wurde, um die Reformvorschläge zu machen. Also steckte Blatter hinter Pieth, so die implizite Behauptung. «Blatter hatte die Finger im Spiel», lautete ein Zwischentitel im Text.

Eine Kopie an den «lieben Michael»

Aber der ehemalige Fifa-Präsident wurde nicht mit den Vorwürfen konfrontiert. So griff der Walliser nach einem dritten Artikel in ähnlicher Währung zur Feder und verfasste sein Protestschreiben. Er schickte es an Walder und den Chefredaktor der «Blick»-Gruppe, Christian Dorer. An den Verleger Michael Ringier, den «lieben Michael», schickte Blatter eine Kopie mit Begleitkarte.

Blatter beschwerte sich unter anderem darüber, dass die Ringier-Blätter ganz im Sinne von Infantino alles, was die «alte Fifa» betraf, systematisch als schlecht darstellten, ohne ihn zu Wort kommen zu lassen. Die aktuelle Fifa dagegen werde «als Unternehmen mit blütenreiner Weste» präsentiert, so Sepp Blatter. Der Verdacht liege nahe, dass sich «die Ringier-Publikationen als Sprachrohr der aktuellen Fifa-Führung (und deren Präsident Gianni Infantino) instrumentalisieren» liessen.

Der streitbare Walliser Blatter sprach aber auch einen pikanten Zusammenhang an, der bisher nicht öffentlich ausgeleuchtet wurde.

Pikante Geschäftsverbindung im Hintergrund

Denn der starke Mann von Ringier, Marc Walder, sitzt seit Anfang 2019 im Verwaltungsrat des internationalen Datenhändlers Sportradar mit Sitz in St. Gallen, der sich auf den Kampf gegen Betrug im Sport spezialisiert hat. Und: Einer der besten Kunden von Sportradar ist Infantinos Fifa. Beim Abschluss einer Vereinbarung liess sich Infantino 2017 zitieren, dass Spiel-Manipulation immer noch ein grosses Problem sei, und die Fifa daher «mit Sportradar zusammenarbeiten wird, dem globalen Leader in Sachen Aufdeckung und Verhinderung von Match-Manipulation».

Blatter stellte in seinem Schreiben fest, «eine Verbandelung der Fifa mit Ringier» sei also «offensichtlich». Ringier-CEO Walder sitze im Verwaltungsrat des Milliarden-Konzerns Sportradar, zu dessen «wichtigsten Kunden ausgerechnet die Fifa» zähle.

Von aussen besehen hat also Ringier oder hat zumindest Ringier-Mann Walder ein Interesse daran, dass Infantino Fifa-Chef bleibt. Weil unter Infantino die Vereinbarung zwischen Sportradar, von einigen Insidern als eine Art Sport-Geheimdienst dargestellt, und der Fifa abgeschlossen wurde.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Fifa-freundlichen Berichterstattung und dem Sportradar-Mandat? Ist Ringier oder ist Walder Aktionär von Sportradar? Gibt es andere geschäftliche Verbindungen von Ringier oder Ringier-Leuten zur Fifa?

Die Ringier-Medienstelle konnte gestern aus «zeitlichen Gründen» keine Antworten auf solche Fragen liefern. Walder stellte in seinem Antwortschreiben an Blatter «eine grundsätzliche Verbandelung» von Fifa und Ringier in Abrede.

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