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Der Barde, der in die Regierung will

Seine Kinderlieder haben ihn im ganzen Land berühmt gemacht. Jetzt will Linard Bardill Regierungsrat in seiner Heimat werden – und die Politik umkrempeln. Kann das gelingen?
Dominic Wirth
Bilder: Ralph Ribi
5 Bilder

Linard Bardill auf Wahlkampftour in Landquart

Bahnhofplätze sind keine schönen Orte, und der in Landquart ist da keine Ausnahme. Doch an diesem Nachmittag wird er zur Bühne, für eine Stunde zumindest. Die Sonne steht hoch am Himmel, als ein Mann auf den Platz tritt. Er trägt eine Tasche über der Schulter, aus der er Flugblätter zieht, «Linard Bardill, unser Regierungsrat!» steht auf ihnen geschrieben. Der Mann trägt Grün; grün das T-Shirt, grün die Kette am Hals, grün die Kappe, unter der er das wilde graue Haar gebändigt hat. «Gönd sie au go wähla?», fragt dieser Mann über den Platz, und die Leute schauen zuerst weg, wie sie das gerne tun bei solchen Fragen. Doch dann schauen sie noch einmal hin. Und dann hören sie zu.

Linard Bardill hat viele Lieder geschrieben, «Beltrametti schlürft Spaghetti» gehört zu den populärsten. Sie haben ihn bekannt gemacht im Land. Und besonders in seiner Heimat Graubünden. In Landquart stellen sich die Leute um ihn herum, «das isch dä, wo Musig macht», sagt eine Mutter zu ihrem Sohn. Bardill steht da, duzt alle, streichelt Hunderücken und Oberarme. Klatscht mit Kindern ab und lacht mit Rentnern. Bringt die zerknitterten Gesichter jener, die am Bahnhof ihre Zeit mit Bier totschlagen, zum Lächeln. Er erobert Landquart in Windeseile, doch ob er ganz Graubünden erobert, steht auf einem anderen Blatt. Und darum geht es für den 61-Jährigen.

Der Skandal um das Baukartell ist Bardills Chance

Am 10. Juni will Linard Bardill, der Sänger und Dichter, zu Linard Bardill, dem Regierungsrat werden. Er tritt bei den Bündner Wahlen an, und er tut das ohne Partei und ohne grosse Lobby, von seinen Freunden in der Kulturszene einmal abgesehen. Er hat 40000 Franken für Flyer und Plakate und einen Mann, den er einen Freund nennt und seinen «Stabschef»; der hilft ihm, Flyer zu verteilen. Er hat seine Bekanntheit. Und er hat vor allem den Baukartellskandal, die Preisabsprachen unter Bauunternehmern im Unterengadin, der Graubünden aufgewühlt hat und einen Kandidaten wie ihn überhaupt möglich macht. Die Frage ist, ob das alles reicht. Sicher aber ist: Falls es das sollte, steht die Schweiz vor einem politischen Experiment, wie sie es kaum einmal erlebt hat. Es geht dann um die Frage, was einer wie Bardill mit der hiesigen Politik macht – und umgekehrt.

Dieser Mann, an dem alles bunt ist, das Leben und die Kleider und das Denken, will also in die Regierung. Wie bloss konnte das passieren?

Bevor er sich aufmacht, um den Bahnhofplatz von Landquart zu erobern, sitzt Linard Bardill in seinem Atelier in Scharans. Es steht im Herzen des Dorfes im Domleschg. Und es sticht heraus mit seiner roten Betonfassade. Viele Jahre hat Bardill mit Architekt Valerio Olgiati am Haus geplant und gebaut, und es ist eines geworden, das zu ihm passt. Denn es tanzt aus der Reihe, aber es gehört doch auch hierher, in dieses Dorf, hinter dem bewaldeter Fels zum Himmel wächst. Im Büro von Bardill plätschert Qigong-Musik, «ich bin momentan auf hoher Schwingung, der Wahlkampf gibt mir so viele Impulse», sagt er, «die Musik hilft mir, cool zu bleiben».

Mit Qigong, der chinesischen Meditationspraxis, hat vor ein paar Wochen alles angefangen, ganz in der Nähe, im Garten des Hauses, das er mit seiner Familie bewohnt. Nach einer frühmorgendlichen Sitzung mit seiner Frau beschliesst Bardill, dass er dieses riesige Projekt angehen will: Regierungsrat werden. Es sind die Enthüllungen über das Unterengadiner Baukartell, die ihn dazu bringen; sie bedeuten für ihn den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Lange schon reibt er sich mit seinem Kanton und damit, wie sich Graubünden entwickelt. «Ich habe 20 Jahre lang eine Resignation gespürt, auch bei mir selbst», sagt er, «es gibt keine Ideen, keine Kreativität. Stattdessen verwalten die alten Clans ihre Macht.»

Die Preisabsprachen der Bauunternehmer sind für Bardill ein Ausdruck dieser Strukturen, sie machten ihn wütend, dann zornig – und schliesslich zum Regierungsratskandidaten, weil er spürt, dass es vielen in Graubünden wie ihm geht. «Es hat sich ein kleines Fenster für die Erneuerung aufgetan in diesem verfilzten Kanton», sagt Bardill. Er tritt mit dem Versprechen an, alles anders zu machen; es ist sein politisches Kapital. Denn vier der sieben Kandidaten, die um die fünf Regierungssitze kämpfen, stehen für das Alte, für den Filz und die Clans, die Bardill anprangert. Die Baukartell­affäre betrifft sie auf die eine oder andere Art – nicht als Täter, aber als politisch irgendwie Verantwortliche oder zumindest Betroffene.

Es wird schwierig für Bardill, diesen Exoten, der noch nie ein politisches Amt bekleidet hat. Doch unmöglich ist sein Unterfangen nicht, das zeigt eine Umfrage. Dort landete der 61-Jährige auf dem sechsten Platz, und das nur knapp hinter zwei seiner Widersacher. Clau Dermont, Politikwissenschafter und Kenner des Bündner Politbetriebs, will diese Umfrage nicht überbewerten, sagt aber: «Es gibt bestimmt den einen oder anderen Wähler, der angesichts der Baukartellenthüllungen zum Schluss kommt, dass es jetzt eine Veränderung braucht. Diese Leute sind Bardills Chance, er muss sie mobilisieren.» Bardill, der Sammelpunkt der Protestwähler, ganz so wie etwa Beppe Grillos Fünf Sterne in Italien oder Donald Trump in den USA? Diese Deutung gefällt Bardill nicht, «ich ziele nicht auf Protestwähler, sondern auf Hoffnungswähler».

Eine WG mit einer Prostituierten

Bardill kommt 1956 in Chur zur Welt, «im Jahr des Affen», so merkt er auf seiner Website an. Die Eltern taufen ihn Linard, weil ihnen der gleichnamige Berg viel bedeutet. Bardill, so erzählt er es heute, erbt die Zähigkeit vom Vater und die Empfindsamkeit von der Mutter. Er wächst in Cazis auf, macht die Matura, dann zieht es ihn ins ferne Zürich.

Dort zieht er sein Theologiestudium in die Länge, sieben Jahre werden es am Ende, und als alles überstanden ist, setzt sich der frischgebackene Pfarrer bei seiner ersten Trauung eine Clownnase auf. Und verkauft nachher Gedichte im Zürcher Niederdorfquartier, wo er mit Laura, einer Prostituierten aus dem Tessin, in einer WG lebt. Sie kocht ihm die Spaghetti, er führt ihr den Pekinesen aus, wenn sie morgens nicht aus dem Bett kommt. Bald schafft er es von den Strassen auf die Bühnen, er komponiert und singt. 54 CDs hat er bis heute veröffentlicht, einen Roman für Erwachsene und verschiedene Bücher für Kinder. 1990 wird er mit dem renommierten Kleinkunstpreis Salzburger Stier ausgezeichnet, er ist da schon wieder zu Hause, in Graubünden. Bis heute ist er geblieben, lebt mit seiner Frau und zwei Kindern, 13 und 15 Jahre alt, in Scharans. Die drei Kinder mit der ersten Frau gehen längst ihren eigenen Weg.

Bardill ist ein Mann, der viel mit den Händen spricht, sie trommeln auf den Tisch, fahren in die Luft. Und er ist ein Mann, dem man beim Denken zuhören kann. Er jagt von hier nach dort, zitiert im einen Moment Philosophen, spricht im nächsten von Sex – «je mehr, desto besser» – und im übernächsten über die Geschichte seines Kantons. Und kommt irgendwann zu seinem Bauch. Der sagt ihm, dass er gewählt wird am 10. Juni. Nicht mehr zu 80 Prozent wie noch vor ein paar Wochen, «aber ich schaffe es».

Was wird aus den vielen Visionen?

Bardill ärgert sich gerne über die Ideenlosigkeit der Bündner Parteien, ätzt über das «grosse Wahlkampfthema Breitband-Internet, alle schwafeln, dass sie das oben im Tujetg unbedingt brauchen. So sehen Bündner Visionen aus». Wenn man ihn fragt, was seine eigenen sind, präsentiert er neben seinem grossen Versprechen – der Erneuerung, der Entfilzung – einen bunten, aber vagen Ideenstrauss. Er schlägt Bürgersprechstunden vor, weil der Staat fürs Volk da sein müsse und nicht umgekehrt. Er will zum «kapitalismusverherrlichenden WEF» einen Ort der Reflexion über die Globalisierung ermöglichen. Will Tourismus, aber «mit Seele». Eine öffentliche Medien­finanzierung. Der Kandidat Bardill, der sagt, er sei weder links noch rechts, der für ein Grundeinkommen ist und für die Vollgeld-Initiative, der einst gegen den EWR-Beitritt gekämpft hat: Er ist programmatisch selbst noch eine Baustelle. Das bemängelt auch die politische Konkurrenz. Etwa Conradin Caviezel, der SP-Fraktionschef, der sagt: «Bardill bewegt sich gerne auf der Makro-Ebene. Frischer Wind ist schön und gut, aber man muss auch Inhalte haben.»

In Landquart ruft Bardill irgendwann den Trinkern am Bahnhof zu, «wählend mi, denn wird’s Bier günschtiger». Das ist ein Witz, natürlich, aber er steht auch für eine grosse Frage. Bardill kann Strasse, doch kann er auch Politik? Kann er ein Departement führen, kann er um die berühmten Schweizer Kompromisse ­ringen, zuschauen, wie grosse Ideen schrumpfen, bis alle ein bisschen zufrieden sind? Man weiss es nicht. Aber man würde es ganz gerne herausfinden.

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