Der Aussenpolitiker aus Passion

Der frühere Thurgauer FDP-Nationalrat Ernst Mühlemann ist 79jährig in seinem Heim in Ermatingen gestorben. Bis zuletzt nahm er als Beobachter und Kommentator Anteil am politischen Geschehen in der Schweiz und im Ausland.

Richard Clavadetscher
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Ernst Mühlemann im Gespräch mit alt Bundesrat Flavio Cotti. (Bild: ky/Alessandro della Valle)

Ernst Mühlemann im Gespräch mit alt Bundesrat Flavio Cotti. (Bild: ky/Alessandro della Valle)

«Wenn ich auf einem Podium sitze und ein Gespräch leite, dann vergesse ich all die Zipperlein, die das Alter mit sich bringt. Auch deshalb trete ich gern öffentlich auf.» So antwortete alt Nationalrat Ernst Mühlemann, wenn man ihn augenzwinkernd darauf ansprach, dass er seit seinem Rücktritt im Jahr 1999 fast noch präsenter sei in der Öffentlichkeit als in seiner aktiven Zeit im Parlament.

Politischer Quereinsteiger

Vergleichsweise spät, nämlich erst mit 53 Jahren als Vertreter der FDP im Jahr 1983 in den Nationalrat gewählt, erlangte der politische Quereinsteiger fast im Handumdrehen nationale und internationale Reputation. «Erst empfand ich es als Strafe, dass mich die Fraktion in die Aussenpolitische Kommission und nicht in eine prestigeträchtigere entsandte, doch dann begriff ich schnell die Chancen und Möglichkeiten, die sich mir dort eröffneten», pflegte Mühlemann zu sagen.

Die Möglichkeiten: «Statt an einem beschaulichen Ort Ferien zu machen, reise ich lieber zu den Brennpunkten des Weltgeschehens. Das bringt mir mehr.»

Grosses Beziehungsnetz

Auf diese Weise schuf sich der Thurgauer schnell ein einzigartiges internationales Beziehungsnetz, das er auch noch im Ruhestand fleissig pflegte.

So erstaunte es denn niemanden wirklich, als Mühlemann noch im letzten Jahr im Unternehmerforum Lilienberg, wo er als Berater wirkte, einen Michail Gorbatschow empfangen konnte. In Gorbatschows Heimat kannte und schätzte man Mühlemann an massgeblicher Stelle nicht zuletzt deshalb, weil er sich im Europarat, dem der FDP-Politiker von 1992 bis 1999 angehörte, mit viel Engagement für die Aufnahme Russlands einsetzte.

Internatsleiter und Brigadier

Mühlemann war indes nicht nur Aussenpolitiker. Ebenso interessierten ihn wirtschaftliche Fragen sowie die Wissenschafts-, Bildungs- und Kulturpolitik – und natürlich das Militär. Schliesslich erreichte Mühlemann den höchsten Grad, den ein Milizoffizier erreichen kann: Brigadier.

Auch im Berufsleben hat es der Bauernsohn aus Illhart weit gebracht: Nach Abschluss seines Studiums der Pädagogik, Germanistik und Geschichte in Zürich, Paris und Florenz

war Mühlemann erst Sekundarlehrer in Weinfelden, danach Seminarlehrer, Internatsleiter und Verwalter des Lehrerseminars Kreuzlingen. Ab 1972 leitete er während 20 Jahren das Ausbildungszentrum Wolfsberg der damaligen Schweizerischen Bankgesellschaft. Er hatte zudem Lehraufträge an der Universität Konstanz und an der ETH Zürich.

Breit interessiert

Ob es nun um die Politik, die Wirtschaft, Kunst und Kultur, gesellschaftliche oder Medienfragen ging, Mühlemann war stets ein kompetenter Gesprächspartner. Diese Breite an Interessen und ebenso an Begabungen war es, die Mühlemann über alle Parteigrenzen hinweg Anerkennung finden liess. «Ein unglaublich vielseitiger Mensch mit ganz verschiedenen Facetten.

Er war liebenswert und nie langweilig», beschreibt ihn zum Beispiel der Thurgauer SVP-Ständerat Hermann Bürgi, der mit ihm seit vielen Jahren eine gute Beziehung pflegte. Und Ratskollege Philipp Stähelin (CVP) doppelt nach: «Imponierend die Breite seines Wissens, seine Begabung als Redner. Und er hat viel für den Thurgau getan.» Mühlemanns Einsatz für den Thurgau und die Landwirtschaft im allgemeinen lobt auch SVP-Nationalrat Hansjörg Walter aus Wängi.

«Eine FDP-Ikone»

Werner Messmer, Bauunternehmer aus Sulgen, der heute Mühlemanns FDP-Nationalratssitz innehat, erwähnt darüber hinaus den Konsenspolitiker Mühlemann: «Er hatte immer eine klare Linie, aber er war auch stets um Konsens bemüht.»

FDP-Präsident Fulvio Pelli spricht gar von Mühlemann als einer «FDP-Ikone: «Wir haben alle von ihm gelernt.» Der Verstorbene sei stets ein Verfechter der Einbindung von Wirtschaft und Gesellschaft ins politische System gewesen. «Politiker von diesem Schlag gibt es heute leider viel zu wenige.»

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