Dem Überdruss trotzen

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Die Stammtischler stöhnen bereits unter dem thematischen Einerlei, und die Kolumnisten wagen es kaum mehr, ihren Lesern noch einmal mit Trump zu kommen. Auch dem journalistischen Gewerbe eignet eine «populistische» Tendenz. Es nimmt Bedacht auf die Empfänglichkeiten des Publikums und fürchtet nichts mehr als die Gefahr, das Interesse seiner Leserinnen, Zuschauer oder Hörer zu überfordern.

Martenstein, der querköpfige Kolumnist des «Zeit»-Magazins, hat schnell realisiert, wozu ihn seine Rolle «verpflichtet»: dem Trump-«Bashing» mit seiner eingeübten Keckheit zu widersagen: «Ich kriege Sehnsucht nach einem Pro-Trump-Text», bekennt er und bedauert, dass er diesen nicht schreiben könne ... «Die Meinungsvielfalt verteidigen wir, indem alle das Gleiche sagen.» Hätte der Berliner Journalist einen Zugang zur «Weltwoche», wäre seine Sehnsucht eine mindere.

Nun geht es in der Informationspraxis zunächst überhaupt nicht um eine Pro-und-Kontra-Balance und den ersehnten ­Meinungspluralismus. Die Medienleute wählen ihren Stoff nach einem (sensationalistischen) Gesichtspunkt: Weicht die berichtete Erscheinung von der Norm ab? Könnte sie unsere Realitätsauffassung erweitern oder revidieren? Beeinflusst sie am Ende gar unsere Lebenswirklichkeit, das politische, das wirtschaftliche Handeln?

Von «Erscheinung» reden wir hier, weil der halbwegs auf­geklärte Schleusenwärter des redaktionellen Geschäfts nach der ersten Kant-Lektion schon begriffen hat, dass er immer nur zur Erkenntnis von Erscheinungen gelangen kann, niemals zur Erkenntnis der «Dinge an sich». Der Schein kann trügen, wir alle wissen es zur Genüge. Der erste Schein ist besonders trügerisch, was die Korrespondenten allerdings selten davon abhält, ihn als «offenbar» zu vermitteln (statt als «anscheinend»). Offenbar mangelt es am Sinn fürs Semantische.

Zurück zu den Auswahlkriterien! Mit Blick in unsere Zeitungen können wir nicht übersehen, dass der Gesichtspunkt der Nähe (regionale Betroffenheit, simulierte Unmittelbarkeit) mitunter zum Erstrangigen aufsteigt und überkommene Bedeutungsvorstellungen erzittern lässt. Der lokale Fussballverein spielt stets vorneweg ...

Mag das Gute also nicht bloss sprichwörtlich, sondern auch journalistisch so nahe liegen – die Globalisierungsschrumpfung rückt auch das Fernste näher. Und ganz besonders einen irrlichternden, unentwegt twitternden Bewohner des Weissen Hauses.

Geben wir freimütig zu, dass auch wir inzwischen trump­gesättigt sind und Gemütlicheres wüssten als die tägliche Beschauung eines gekränkten und reizbaren Mannes, von dem wir mit jedem Tag weniger glauben können, dass er zu jener Impulskontrolle finde, die sein Amt verlangt. Dass er vor dem Kongress sich ein wenig zu moderieren versteht, ist bereits ein Hoffnungsschimmer. Fehlen «nur» Anzeichen dafür, dass er auch gegenüber der Justiz, die schon Alexis de Toqueville als wirksamsten Schutz vor einer «Tyrannis der Mehrheit» erkannte, ein bisschen Respekt gewinnt. Dass er schliesslich selbst die Medien als Kontroll­instanz hinnehmen könnte, ist schwerlich zu erwarten.

Was wir tun können? Dem Überdruss trotzen! Nicht zulassen, dass Amerika uns fremd, gar feindlich wird. Interessiert bleiben an diesem (längstens vierjährigen?) Stresstest der demokratischen Institutionen.

Sind wir – kleinstaatlich geschützt – etwas weniger an­fällig für die Verführungen der Idolisierungsindustrie, so sind wir doch nicht gefeit gegen ideologische Verblendungen. Die Anschauung der auftrumpfenden Borniertheit stärkt unsere Abwehrkräfte.