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Die SBB-Pianos verstummen: Decrescendo am Bahnhof

An mehreren Bahnhöfen stehen Pianos – Passanten und Profis spielen darauf. Was aus einer spontanen Idee heraus entstand, wurde zu einem Projekt und gut schweizerisch reglementiert. Doch jetzt ziehen die SBB die Klaviere aus dem Verkehr.
Daniel Fuchs
Unterhaltung für die Pendler: Ein Mann musiziert am Bahnhof Bern. (Bild: SBB)

Unterhaltung für die Pendler: Ein Mann musiziert am Bahnhof Bern. (Bild: SBB)

Die Finger von Jiaxin Lu gleiten über die Tasten. Mal stossen sie die Saiten kräftiger an, mal sanfter. Die Melodie bringt den Basler Bahnhof zum Klingen. Auf den Notenhalter hat die 21-jährige Chinesin ihr Smartphone gestellt. Darauf suchte sie nach Noten eines chinesischen Komponisten – vergeblich. Doch die Noten kennt sie ohnehin auswendig, und nichts lenkt sie von ihrem Spiel ab. Menschen bleiben stehen, hören zu. Jiaxin Lu beachtet sie nicht; würde ein Dieb ihren Rucksack stehlen, sie würde es kaum merken. «Greife ich in die Tasten, dann bin ich in meiner eigenen Welt», sagt sie später. Die Hongkong-Chinesin reist für ein paar Wochen durch Europa. Zwei Tage hält sie in Basel. Auf das Bahnhof-Piano stiess sie per Zufall. «Sehe ich ein Klavier, dann muss ich mich dahinter setzen.»

Spontane Möglichkeiten zum Spiel, Inseln der Harmonie, zum Innehalten in der Hektik der Bahnhöfe: Dafür stehen sie, die Bahnhof-Pianos. Gesponsert werden sie von einem Berner Musikhaus. Die Idee dazu hatten andere. In der Schweiz war es erstmals ein pensionierter Tierarzt aus Aarau, der privat und in Absprache mit den SBB ein Klavier in den Bahnhof gestellt hatte. Die SBB waren erfreut und lancierten 2017 ein eigenes Projekt.

Überstrapaziertes Musikgehör

Es gibt inzwischen einen SBB-eigenen Piano-Fahrplan, aus dem hervorgeht, wann wo ein Klavier steht: Insgesamt vier Instrumente sind es derzeit in den Bahnhöfen Basel, Olten, Bern und Genf. Doch nun reduzieren die SBB das Angebot. Decrescendo ist angesagt. Im Januar und Februar wird nur noch je ein Klavier in Olten und Liestal zu hören sein. Danach werden Solothurn, Thun, Yverdon und Rapperswil zur Bühne, später Bellinzona und Luzern. Und Ende April ist erst einmal Schluss. Doch weshalb die Reduktion? «Aus klimatischen Gründen», schreiben die SBB, «die tiefen Temperaturen und die tiefe Luftfeuchtigkeit tun den Instrumenten nicht so gut.»

Wie es im warmen Sommerhalbjahr weitergeht, ist unklar. Hat der Vorgang etwas zutiefst Schweizerisches? Aus einer Idee wird ein Projekt, danach wird es reglementiert und strukturiert – und am Ende ausrangiert? Am Bahnhof Basel jedenfalls sind viele froh, wenn das Geklimper aufhört. Aus Sicht manch eines Ladenverkäufers gehörte das Klavier nicht nur wegen der Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsschwankungen weg.

Piano-Spielerei kann mühsam werden

Die Verkäuferin eines Souvenirladens sagt, sie sei grundsätzlich positiv eingestellt gegenüber dem Projekt. «Aber da spielt halt schon den ganzen Tag jemand und das Klavierspiel kann auch mühsam werden für uns. Manche von uns arbeiten von früh bis spät hier.» Die Schiebetür geht auf. Nun sind es harmonische Klänge, die in den Laden dringen. «Das ist zwar meistens so», räumt die Souvenirverkäuferin ein. Und doch: «Da ist zum Beispiel einer, der seinen Hut auf das Klavier legt, also Geld will. Der spielt eigentlich sehr gut, aber sehr aggressiv und laut. Und die Stücke wiederholen sich dann auch.» Bei den SBB heisst es, die Rückmeldungen seien durchweg positiv.

Ein Musiker, der in Basel für Geld spielte, wurde weggeschickt. Er gibt sein Können nun in Bern zum Besten. Dort, im Obergeschoss des Bahnhofs, treffen sich Tag für Tag dieselben Pianisten. Ihre Klänge sind tagein, tagaus bis in die Halle zwei Stockwerke darunter und bis in die Gleisunterführung oder auf den Bahnhofplatz zu hören. Im Obergeschoss entstand eine Art Spielplan, der dem Taktfahrplan der SBB ähnlich ist. Viele der Pianisten kommen täglich, manche mehrmals pro Woche. Auch der pensionierte Lehrer Heinz Matzinger gehört zu ihnen. Seinen Stil nennt Matzinger selbst Pseudoklassik. Am Lehrerseminar habe er eine klassische Piano-Ausbildung genossen, doch das sei lange her, sagt der 74-Jährige. «Ich komme fast täglich, und wenn ich spiele, dann spiele ich zwei bis drei Stunden am Stück. Die Musik hält einen jung.»

Beeindruckt zeigt sich Matzinger vom Potenzial, das in der Bevölkerung schlummere. «Das Schöne», sagt er, «man sieht es den Leuten nicht an.» An einen dahergelaufenen jungen Mann erinnert sich Matzinger: «Mit seinem Kapuzenpulli sah er nun wirklich nicht aus wie einer, der das Klavierspielen beherrscht. Doch dann hat er sich ans Instrument gesetzt und einfach so die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach hingetätscht.» Ein Randständiger trottet mit seinem Hund vorbei. Auch er hält inne und lauscht dem Pianisten. Dann zieht er an Lehrer Matzinger vorbei und mault: «Hauptsache, es sitzt nicht schon wieder der Lehrer am Klavier, der immer das Gleiche spielt.»

Roger Waters im Publikum

Später spielen Jerry Grossmann und Andrea Costantini am Berner Bahnhofklavier im Duett, zwei eingeübte Bar- und Hotelpianisten. «Immer wenn ich Zeit habe, komme ich hierhin und spiele ein paar Stücke», sagt Costantini, und Grossmann fügt an: «Ich habe schon vor Roger Waters gespielt. Und zu Hause habe ich ein Studio. Doch einmal in der Woche lasse ich mich hier von anderen inspirieren oder spiele auch selbst etwas.»

Beide spielen vor allem Pop, setzen auf Improvisation. Als sie für ein Erinnerungsfoto posieren, verkommt ihr Spiel für kurze Zeit zum übermütigen Geklimper. Ein paar Zuhörer lachen, andere nutzen den Zeitpunkt, um zu gehen. Auch Costantini und Grossmann haben genug. Ihr Fachsimpeln geht im Geräuschpegel des Bahnhofs unter.

Der nächste nimmt Platz und haut seine Musik in die Tasten.

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