Debatte um ferne Solarstrom-Ziele

Solarenergie soll rund 20 Prozent des Schweizer Strombedarfs decken. Umstritten ist nur ab wann. Schon im Jahr 2025, fordert die Solarlobby – erst ab 2050, erwarten Bund und ETH.

Hanspeter Guggenbühl
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Solarstrom-Anlage. (Bild: Donato Caspari)

Solarstrom-Anlage. (Bild: Donato Caspari)

BADEN. Solarstrom aus inländischen Photovoltaikanlagen deckt heute 0,2 Prozent des Schweizer Stromverbrauchs. Bis zum Jahr 2025 soll dieser Anteil auf 20 Prozent oder 12 Milliarden Kilowattstunden (kWh) erhöht werden. Dieses ehrgeizige Ziel setzt sich der Branchenverband Swissolar. Damit liesse sich der Strom aus den alten Atomkraftwerken in Mühleberg und Beznau lückenlos ersetzen, sagte Swissolar-Präsident und SP-Nationalrat Roger Nordmann gestern vor 600 Fachleuten an der Photovoltaik-Tagung in Baden. Bis 2040 will Nordmann den Solarstromanteil sogar auf 40 Prozent erhöhen.

So viel Fläche wie Zürichsee

Um jährlich 12 Milliarden kWh Solarstrom produzieren zu können, braucht es Module mit einer Fläche von 90 Quadratkilometern; das entspricht der Ausdehnung des Zürichsees. Doch Solarmodule sollen nicht Seen und Wiesen verglasen, sondern primär auf Dächern plaziert oder in Fassaden und Infrastrukturbauten integriert werden. Um die noch nicht rentable Photovoltaik zu finanzieren, fordert Swissolar-Geschäftsführer David Stickelberger eine Erhöhung der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV). Diese Quersubventionierung, so rechnet Stickelberger, erhöhe den Strompreis in der Schweiz um maximal 1,4 bis 2,4 Rappen pro kWh. Energieministerin und Gastrednerin Doris Leuthard relativierte: «Für mich zählt nicht das Ziel, sondern das Resultat, das ich 2025 in der Statistik habe.» In ihrer eigenen «Energiestrategie 2050» rechnet Leuthard zwar ebenfalls mit einer Solarstromproduktion von annähernd 20 Prozent – aber erst ab 2050.

Leuthard will KEV umbauen

Gemäss Szenario des Bundes wird der Solarstrom bis 2025 erst 5 bis 7 Prozent des Schweizer Strombedarfs decken. Im Unterschied zu Swissolar will Leuthard die KEV nicht aus-, sondern umbauen: Für kleine Anlagen will sie die KEV durch Investitionsbeiträge ersetzen, bei Grossanlagen die KEV-Vergütungsdauer verkürzen. Um den ab 2020 wegfallenden Atomstrom zu ersetzen, so Leuthard, müsse die Schweiz nicht nur erneuerbare Energie stärker nutzen, sondern benötige vorübergehend auch zusätzliche fossile Stromproduktion im Inland. Dazu gehörten sowohl gasbetriebene Wärmekraftkopplungsanlagen als auch grosse Gaskraftwerke.

Zwei Ziele unter einem Hut

Neben Swissolar und Bundesrat entwarf auch die ETH Zürich ein Szenario, um die Energieversorgung in der Schweiz zu wenden. Laut dem im November 2011 veröffentlichten Szenario kann die Schweiz ihre Solarstrom-Produktion bis 2050 auf einen Anteil von 22 Prozent steigern. Damit könnten die Ziele «Verzicht auf neue Atomkraftwerke» und «Einhaltung der Klimaziele» unter einen Hut gebracht werden.

Noch nicht gelöst ist damit das Verteilproblem. Denn um die stark schwankende solare Stromproduktion dem Verbrauch anzugleichen, braucht es den Ausbau der Netze, zusätzliche Speicher sowie Ersatzkraftwerke für dunkle Stunden. Diese Kosten dürften die sinkenden Produktionskosten zumindest teilweise kompensieren.