Feuer im Dach bei Brennstoff-Firma

Mehrere Ex-Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe an den Geschäftsführer einer Brenn- und Treibstoff-Firma: Er habe sie angewiesen, Produkte zu vermischen. Ausserdem soll es zu Handgreiflichkeiten gekommen sein.

Roland Schäfli
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«Wir haben gerade andere Pro­bleme», sagt der Geschäftsführer* auf telefonische Anfrage und lässt die Fragen zu diesem Artikel vom Wiler Advokaturbüro Büchi schriftlich beantworten. Sein juristischer Vertreter, Markus Büchi, vermutet hinter den Anwürfen der Ex-Angestellten – mit mehreren trägt er arbeits- und zivilrechtliche Streitigkeiten aus – eine «konzertierte Aktion», um seinem Mandanten zu schaden.

Tatsächlich wird der Geschäftsführer von mehreren früheren Mitarbeitern belastet, sie angehalten zu haben, Lieferungen zu manipulieren. Einer der Ex-Chauffeure hat seine Aussagen bei der zuständigen Staatsanwaltschaft gemacht. Entsprechen diese der Richtigkeit, müsste untersucht werden, ob in unzulässiger Weise in allen Landesteilen Privatkunden und Firmen geprellt wurden. Ein Mitwisser schätzt, dass Unregelmässigkeiten über einen Zeitraum von zehn Jahren stattgefunden hätten. Die zuständige Untersuchungsrichterin bestätigt, dass im Zusammenhang mit dem Unternehmen mehrere Strafverfahren laufen und verweist darauf, dass keine Auskünfte zu laufenden Verfahren erteilt werden.

Zerstrittene Erben

Die Vorwürfe kommen für den Geschäftsführer zur Unzeit, da das Unternehmen just vor der von langer Hand vorbereiteten Erbteilung steht. Die Häufung der Probleme und das zeitliche Zusammenfallen sind für ihn «sehr auffällig, insbesondere auch deshalb, weil meine Brüder seit zwei, drei Jahren alles versuchen, um mich aus dem Verwaltungsrat zu drängen, damit sie selber das Ruder übernehmen können.» Hintergrund ist eine erbrechtliche Auseinandersetzung. Die Erbengemeinschaft gilt seit langem als zerstritten. Als der Vater, bei seinen Stammkunden hoch angesehen, aus dem Geschäft ausschied, kam einer der Söhne, der heutige Geschäftsführer, ans Ruder.

Einer der Ex-Mitarbeiter, F. L.* sitzt seit über sieben Monaten in Untersuchungshaft. Sein Arbeitgeber hat ihm Diverses angelastet und ihn schliesslich angezeigt. Zu den konkreten Gründen wollte der Geschäftsleiter nicht Stellung nehmen. Wohl mit dem Hintergedanken, dass ihm diese Informationen noch einmal nützen könnten, hatte F. L. über angeblich fingierte Lieferungen von Treib- und Brennstoffen Buch geführt. Diese Kundenliste liegt den Untersuchungsbehörden vor. Der frühere Zellengenosse von F. L. sagt gegenüber unserer Zeitung: «Es sitzt der falsche Mann in U-Haft!»

Vorwurf der Vermischung

Z. A.* war einer der langjährigen Fahrer der Tankwagen – von ursprünglich elf Chauffeuren arbeitet heute keiner mehr für die Firma –, die dem früheren Arbeit­geber vorwerfen, von diesem in unzulässiger Weise unter Druck gesetzt worden zu sein. Der Geschäftsführer wollte ihn seinerseits wegen Veruntreuung belangen – die Untersuchungen dazu hat die ermittelnde Staatsanwaltschaft diese Woche zu Gunsten von Z. A. eingestellt.

Er strengt nun seinerseits eine Klage wegen Verleumdung an und verklagt seinen früheren Chef auf eine fünfstellige Summe. Z. A. zeigt im Gespräch mit unserer Zeitung mehrere Vorfälle auf, in denen die Mengen in den Tankwagen verändert worden seien, etwa durch Vermischung. Der Geschäftsführer lehnt die Vorwürfe an seine Adresse kategorisch ab. «Soweit Treibstoffe der Qualitätsnorm entsprechen, können diese ohne Einschränkungen verwendet oder verkauft werden.» Dem Vorwurf, Lieferscheine hätten nicht den Tatsachen entsprochen, begegnet er mit dem Hinweis, dass seine Tanklastwagen über geeichte und plombierte Zähler verfügen.

In eigene Tankstelle geliefert

Durch den natürlichen Alterungsprozess von Öl bildet sich am Boden des Tanks Kondenswasser, das sich mit dem Brennstoff vermische, was üblicherweise entsorgt würde. Auf Geheiss ihres Arbeitgebers sollen die Angestellten dieses Gemisch, vermengt mit neuem Heizöl, an die Kundschaft ausgeliefert haben, behauptet ein weiterer Ex-Chauffeur, S. K* (auch er steht mit seinem Ex-Chef in dieser Zeit vor Arbeitsgericht): «Das wurde systematisch so gemacht.» Mehr noch: die Entsorgungskosten habe man dennoch verrechnet. Es komme bei Tankreinigungen vor, so räumt der Geschäftsführer ein, dass noch eine gewisse Menge an Heizöl im Tank vorhanden sei. «Wenn wir angefragt werden, ob unsere Firma dies abpumpt und zurücknimmt, machen wir dies, falls das Heizöl auch von uns geliefert worden ist. Dann besteht nämlich Gewähr dafür, dass die Qualität stimmt und das Heizöl entsprechend auch verwendet werden kann.» In einem Fall, so führt Z. A. aus, habe er bei einer Tankrevision aus einer Schaffhauser Tankstelle den übriggebliebenen Treibstoff in die Tanks der hauseigenen Tankstelle pumpen müssen. Wo das Benzin als Bleifrei 98 verkauft worden sei. Der Geschäftsführer entgegnet, die Tanks ­würden von einer Drittfirma kontrolliert und die Treibstoffe selbstverständlich den Qualitätsnormen entsprechen.

Handgreiflichkeiten im Betrieb

Ein weiterer Vorwurf betrifft die Vermengung von Diesel und Heizöl, die zoll- und steuertechnisch anders behandelt werden. Bestimmte Restmengen in Lager, Tankwagen oder im Abfüllschlauch sind tatsächlich handelsüblich. Gemäss Oberzolldirektion liegt die Toleranzgrenze für die Vermischung allerdings dort, wo sie zu klein ist, um labortechnisch nachgewiesen werden zu können. Wenn es zu einer ­Vermischung grösserer Mengen kommt – dies könne gemäss Geschäftsführer «hin und wieder einmal vorkommen, zum Beispiel wenn die Chauffeure unsorgfältig sind» –, dann dürfe das Gemisch ohne weiteres als billiges Heizöl verkauft werden. In solchen Fällen kann die Zollverwaltung kostenpflichtig den Anteil der jeweiligen Mengen ermitteln und für die auf den Dieselanteil bezahlten Abgaben eine Gutschrift leisten. Die Firma hat dar­auf stets verzichtet «und die Fehler der Chauffeure selber bezahlt.»

Bei mehreren Gelegenheiten soll es im Betrieb zu Handgreiflichkeiten gekommen sein, was der Geschäftsführer bestätigen muss: «Es ist wohl zutreffend, dass ich schon mehrfach von Mitarbeitern körperlich angegriffen worden bin.» Umgekehrt könne er von sich sagen, dass er noch nie jemandem gegenüber tätlich geworden sei. Von den Mitarbeitern, die diese Vorwürfe erheben, arbeitet keiner mehr im Betrieb.

Hausverbot bei Tankanlage

Auch seine frühere Verkaufsleiterin M. B.* sagt, «es wurde manipuliert, nicht nur in Einzelfällen.» Vor Gericht bringen will auch sie ihn. Am 19. Dezember 2017 ergriff sie aus Angst vor dem Geschäftsführer die Flucht vom Arbeitsort. Sie musste sich aufgrund von Schlaf- und Essstörungen in medizinische und psychia­trische Pflege begeben und will nun Genugtuung und ihrer Meinung nach ungerechtfertigte Abzüge an ihren Lohnzahlungen einklagen. Dem ersten Termin vor Schlichtungsbehörde am 7. Februar blieb der Geschäftsführer fern. «Alleine möchte ich ihm nicht begegnen», sagt sie.

Ein unbeherrschtes Verhalten legte der Geschäftsführer 2017 an den Tag, als die Tankanlage Rümlang AG (TAR) ein dreimonatiges Hausverbot gegen ihn aussprach. Er war an diesem Tag persönlich mit dem Tankwagen vorgefahren, bezichtigte das Gemeinschaftstanklager der Ungenauigkeit in der Eichung der Abfüllanlage und stellte die Reinheit der Treibstoffe in Abrede. Er insistierte, die Werkeinstellungen seien verändert worden.

Darauf wurden seiner Ladung noch an Ort und Stelle Proben entnommen. Bei der TAR ist man nicht daran interessiert, in einen weiteren Rechtsstreit mit dem Geschäftsführer zu geraten, will aber richtiggestellt haben, dass diese kostspieligen Analysen die einwandfreie Produktequa­lität belegt haben. Alle Beschuldigungen seien entkräftet. Die strikten Verhaltensvorschriften in der TAR-Anlage machen eine Videoüberwachung notwendig. Im Betrieb des Geschäftsführers und auch bei den Händlern war schnell bekannt, dass die Kamera aufzeichnete, wie er die Schalttafeln mit Tritten traktierte.

Führerausweis einbehalten

Wie viel das Unternehmen wert ist, kann die Erbengemeinschaft nur erraten. Offenbar haben wichtige Kunden ihr den Rücken gekehrt, wozu M. B. Beispiele anführen kann: Einmal habe ein Händler den Bezug von Heizöl gesperrt, weil eine runde Million Franken an Rechnungen ausstehend waren. Und der grösste Kunde habe seinen Vertrag fristlos aufgelöst, als Lieferschwierigkeiten der Firma dazu führten, dass die Tankstellen des Kunden auf dem Trockenen sassen.

Juristisches Ungemach droht dem Geschäftsführer noch von anderer Seite: Vergangene Woche wurde er von der Polizei «abgepasst», wie er sich ausdrückt, und zur Abklärung ins Unispital Zürich gebracht. Der Führerschein wurde einbehalten. Auch dahinter vermutet der Geschäftsführer ein Komplott: Jemand habe der Polizei gemeldet, er führe ein Fahrzeug in nicht fahrfähigem Zustand. Daran sehe man «exemplarisch, mit welchen üblen Machenschaften versucht wird, mir das Leben schwer zu machen.»

Hinweis

*Namen der Redaktion bekannt