Das Volkshaus für Luxusgäste

In Bern feiert das Grandhotel Bellevue Palace sein 100-Jahr-Jubiläum. Die Edelherberge gehört der Eidgenossenschaft und dient unter anderem als Nachtquartier für Parlamentarier und standesgemässes Logis für Staatsgäste.

Reto Wissmann
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Dient auch als offizielles Gästehaus der Schweizer Regierung: Das Grandhotel Bellevue Palace wird dieses Jahr 100 Jahre alt. (Bild: ky/Peter Schneider)

Dient auch als offizielles Gästehaus der Schweizer Regierung: Das Grandhotel Bellevue Palace wird dieses Jahr 100 Jahre alt. (Bild: ky/Peter Schneider)

BERN. «Es ist nicht Schweizerart, den eigenen Reichtum augenscheinlich zur Schau zu tragen, aber es ist noch weniger Schweizerart, den Reichtum, der von aussen ins Land gebracht wird, gering zu schätzen.» So hiess es in der Festschrift zum 25-Jahr-Jubiläum des Hotels Bellevue Palace in Bern. 75 Jahre später passt das Fünfsternehaus noch immer nicht so recht direkt neben das Bundeshaus, und doch ist es in der republikanischen Schweiz zur Selbstverständlichkeit geworden, dass hier selbst gekrönte Häupter ein und aus gehen.

Von der Nationalbank geschenkt

Aussergewöhnlich am Luxushotel ist aber nicht nur die Nähe zum politischen Machtzentrum des Landes, seit 1976 hat es auch eine aussergewöhnliche Eigentümerin. Um es ausländischen Einflüssen zu entziehen, hatte es die Nationalbank damals gekauft und später der Eidgenossenschaft geschenkt. Betrieben wird es seit einigen Jahren von der Hotelgruppe Victoria-Jungfrau Collection, das Bellevue Palace ist aber nach wie vor offizielles Gästehaus der Schweizer Regierung. Von Nelson Mandela, Fidel Castro oder Yasir Arafat über Jacques Chirac bis zu Kaiser Akihito und der Queen logierten hier schon unzählige Staatsgäste. Für sie stehen zwei mit Panzerglas gesicherte, beinahe 160 Quadratmeter grosse Präsidentensuiten zur Verfügung. Sind sie gerade nicht belegt, können sie auch von Normalsterblichen gemietet werden – für 3500 Franken pro Nacht.

«Gästehaus des Bundesrats»

«Wir sind stolz darauf, das Gästehaus des Bundesrates zu sein», sagt Hoteldirektor Urs Bührer. Gleichzeitig versuche man den Spagat, auch für die hiesige Bevölkerung offen zu sein. Dafür tut das Grandhotel tatsächlich einiges: Vergangenes Wochenende inszenierte es während der Berner Museumsnacht für 6700 Besucher eine königliche Tafel, im Jubiläumsjahr stellt es für jedermann zugänglich unter anderem alte Gästebücher aus und an der berühmten Bellevue-Bar kostet ein Kaffee immer noch erschwingliche Franken 5.50. «Noblesse und unkomplizierte Berner Gastfreundschaft» sollen hier Hand in Hand gehen, hiess es einst im Hotelprospekt.

Obschon das «Schweizer Staatshotel» quasi dem Volk gehört, bleibt die Welt hinter der blank polierten Drehtür den meisten verschlossen. Während den Sessionen logieren hier regelmässig rund 40 National- und Ständeräte. Unter den Kronleuchtern weibeln Interessensvertreter für ihre Anliegen und am späteren Abend werden an der Bar politische Strategien entwickelt und Indiskretionen plaziert. Politiker, Journalisten und Lobbyisten treffen sich in exklusiver und doch ungezwungener Atmosphäre. Es heisst, hier werden Bundesräte gemacht und politische Karrieren beendet. Das Medienhaus Ringier belegte gar während über 30 Jahren eine eigene Suite.

Treffpunkt der Spione

In seiner langen Geschichte war das Bellevue Palace stets mehr als ein normales Hotel. Kurz nach der Eröffnung im November 1913 brach der Erste Weltkrieg aus und setzte der unbeschwerten Belle Epoche ein abruptes Ende. Statt noble Gäste aus aller Welt quartierte sich General Wille mit seinem Stab ein. Während des Zweiten Weltkriegs etablierte sich das Bellevue als neutrale Zone. Im Restaurant La Terrasse dinierten Vertreter der Achsenmächte auf der einen und Alliierte auf der anderen Seite. In der Nachkriegszeit soll das Hotel – und vor allem die Bellevue-Bar – Tummelplatz von Diplomaten und Spionen gewesen sein.

Neben der Politik war immer auch das Showbusiness zu Gast im Bellevue: Inspiriert von der Vergangenheit des Hauses wurde hier unter anderem John le Carrés Spionagethriller «Agent in eigener Sache» verfilmt und in den Gästebüchern finden sich Namen wie Charlie Chaplin, Sophia Loren, Bruce Springsteen oder Herbert Grönemeyer.

Die grosse Geschichte allein garantiert aber noch keinen erfolgreichen Hotelbetrieb. Der starke Franken und die Wiedereröffnung des «Schweizerhofs» am Bahnhof setzen dem Bellevue Palace zu. Nach dem ersten Halbjahr 2012 musste die Victoria-Jungfrau Collection einen Umsatzeinbruch vermelden. In den nächsten Wochen soll der Jahresabschluss vorgelegt werden.

Skelett aus Eisenbeton

Das «erste Haus der Eidgenossenschaft» lässt sich dadurch die Festlaune aber nicht verderben. Unter anderem soll im Juni ein Buch über die Baugeschichte des Hotels erscheinen. Interessant ist dabei vor allem, was unter der traditionellen Fassade aus behauenem Stein und Verputz liegt. Der Prunkbau war damals eines der ersten Bauwerke in dieser Grösse, deren Skelett komplett aus Eisenbeton erstellt wurde.

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