Das Tessin steht still: Was der Corona-Notstand im Südkanton zu bedeuten hat

Im Kampf gegen Corona greift das Tessin zu drastischen Mitteln. Die Grenzschliessung bleibt tabu – vorerst.

Gerhard Lob aus Lugano und Sven Altermatt
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Grenzübergang geschlossen: Seit Mittwoch wird im Tessin der Grenzverkehr aus Italien auf die grösseren Übergänge kanalisiert, um die Ausbreitung des Corona-Virus besser kontrollieren zu können.

Grenzübergang geschlossen: Seit Mittwoch wird im Tessin der Grenzverkehr aus Italien auf die grösseren Übergänge kanalisiert, um die Ausbreitung des Corona-Virus besser kontrollieren zu können.

Bild: Davide Agosta/Ti-Press/Keystone

Das Tessin ruft als erster Kanton den Notstand aus: Um den Anstieg der Erkrankungen mit dem neuartigen Corona-Virus zu drosseln, hat die Kantonsregierung weit reichende Massnahmen ergriffen. Ab Donnerstag werden alle postobligatorischen Schulen geschlossen. Das betrifft insbesondere die Gymnasien, welche im Tessin die 10. bis 13.  Klasse beinhalten, sowie die Berufsschulen. Auch die Universität der italienischen Schweiz stellt ab sofort ihren Lehrbetrieb ein, die Fachhochschule hat dies bereits gemacht.

Der Unterricht in Primarschulen und Oberstufen (1. bis 9. Klasse) wird hingegen fortgeführt, wie Erziehungsdirektor Manuele Bertoli am Mittwochabend an einer Medienkonferenz in Bellinzona bekannt gab. «Der Entscheid hat rein sanitäre und keine schulischen Gründe», betonte Bertoli. Es gehe darum, die Ansteckung zwischen Generationen zu vermeiden. Denn gerade bei den jungen Schülern sei die Gefahr gross, dass sie im Falle einer Schulschliessung von Grosseltern betreut würden und als Überträger des Virus an eine besonders gefährdete Gruppe fungierten.

Bertoli warnte zugleich die Gemeinden, denen die Primarschulen unterstehen, auf eigene Faust andere Entscheide zu fällen. Auch die Eltern bat er eindringlich, sich an diese Weisung zu halten. Der Kanton hat diesen Entscheid in Einklang mit dem Bundesamt für Gesundheit getroffen, das mit Daniel Koch in Bellinzona vertreten war. Der Krisenmanager erklärte, man müsse Zustände wie in Italien mit allen Mitteln vereiteln. Das norditalienische Gesundheitssystem ist wegen der vielen Corona-Fälle am Anschlag.

Gastwirte warnt vor einem «dramatischen Einbruch»

Die Appelle, sich an die Weisungen zu halten, kamen nicht von ungefähr. Denn im Tessin stieg der Druck in den letzten Tagen stark, die Schulen generell zu schliessen. Erste Eltern haben begonnen, aus Angst vor einer Ansteckung ihre Kinder nicht mehr in die Schule zu schicken. Grosse Nervosität ist spürbar.

Die Schliessung mancher Schulen ist nun wohl die folgenreichste Massnahme. Zwar dürfen auch Kinos, Bars, Fitnesszentren und Nachtlokale nicht länger öffnen, doch diese waren zuletzt sowieso kaum mehr besucht worden. Die zwei bekanntesten Bordelle im Tessin hatten bereits dicht gemacht. Das öffentliche Leben ist in grossen Teilen zum Stillstand gekommen, fast alle Veranstaltungen wurden abgesagt. Gastro Ticino, der Branchenverband der Gastwirte, sprach von einem dramatischen Einbruch, der in vielen Fällen zum Konkurs führen könnte.

Die Infektionsfälle mit dem Corona-Virus steigen im Tessin rasant. Am Mittwochmorgen gab es 128 Fälle, an den jeweiligen Vortagen 91 beziehungsweise 67. «Die Lage ist ernst und delikat», sagte der Tessiner Gesundheitsdirektor Raffaele De Rosa. Sicherheitsdirektor Norman Gobbi erwähnte seinerseits, dass die Kantonsregierung eine Schliessung der Grenzen zu Italien verlangt habe, doch Bern diesem Anliegen nicht nachgekommen sei.

Entschieden wurde die Schliessung von neun kleineren Grenzübergängen, um den Fluss über die Grenze besser kontrollieren zu können. Diese Massnahme, verbunden mit schärferen Kontrollen, führte allerdings zu langen Staus und Wartezeiten für die Grenzgänger bei der Ein- und Ausreise. Auf Facebook und anderen Kanälen werden nun Ferienwohnungen und Zimmer für Grenzgänger angeboten.

Tessiner Krisentreffen mit gleich drei Bundesräten

Die Frage der Grenzschliessung war am Mittwochnachmittag auch Thema bei einem Treffen in Bern zwischen einer Delegation von Tessiner Parlamentariern und Vertretern des Bundesrats. Seitens Landesregierung nahmen neben Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga auch Gesundheitsminister Alain Berset und der für das Grenzwachtkorps zuständige Finanzminister Ueli Maurer teil.

«Wir sind laufend dran, weitere Massnahmen zu prüfen», sagte Sommaruga nach dem Treffen. Dabei dürfte die Bundespräsidentin auf die Diskussion über eine mögliche Grenzschliessung angespielt haben. Noch Anfang Woche wollten die Behörden eine solche nicht einmal in Erwägung ziehen, der Gesundheitsminister hatte die Option ausgeschlossen.

Auch Grenzschliessungen seien ein Thema, bestätigte Sommaruga jetzt aber. «Alles wird diskutiert.» Allerdings: Aus Sicht der Fachleute macht eine Grenzschliessung keinen Sinn mehr, wie Patrick Mathys, Leiter Krisenbewältigung beim Bundesamt für Gesundheit, nur Stunden vor Sommarugas Auftritt erklärte. Die Massnahme wäre drastisch, aber nur von begrenzter Wirkung. Man könne Viren so nicht fernhalten. So oder so «wäre es nun definitiv zu spät», sagte Mathys. In der Tessiner Bevölkerung werden solche Aussagen allerdings skeptisch verfolgt. «Wahrscheinlich wird der Gotthard früher geschlossen wie die Südgrenze», war in sozialen Medien zu lesen.

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