Das Stimmvolk hat Musikgehör

Der Verfassungsartikel «Jugend und Musik» ist gestern von Volk und Ständen klar gutgeheissen worden. Die Initianten hoffen nun auf ein Magglingen für die Musik. «Es wird sich gar nichts ändern», sagen hingegen Kritiker.

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Musikförderung wird Teil der Bundesverfassung. Dies haben 72,7 Prozent der Stimmberechtigten gestern entschieden. Das Resultat ist damit ausgesprochen deutlich, jedoch nicht überraschend ausgefallen. Im Vorfeld der Abstimmung war kein offizielles Nein-Komitee gebildet worden. Nur wenige Politiker äusserten sich gegen das populäre Anliegen. «Es wollte sich niemand die Finger verbrennen», stellt SVP-Ständerat Peter Föhn (SZ) fest.

Forderungen an den Bund

Tatsächlich war die Allianz der Befürworter sehr breit. «Profis und Laien haben sich zusammengetan», sagt Christine Egerszegi (FDP/AG), Ständerätin und treibende Kraft hinter dem Anliegen. Dies habe zum Erfolg geführt. «Das Stimmvolk hat realisiert, dass kreative Fächer wichtig sind», sagt Hektor Herzig, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft Jugend und Musik. Nun liege es am Bund, schnell zu reagieren. Musikalisch begabte Kinder müssten speziell gefördert werden. Es brauche ein Magglingen für die Musik. Ein solches nationales Institut könnte sich Herzig etwa auf der Klosterinsel in Rheinau vorstellen.

Der Kanton Zürich und eine private Stiftung sind bereits daran, in den seit 12 Jahren leerstehenden Gebäuden eine Musikakademie zu realisieren. «Dieser Ort wäre zwar etwas dezentral, aber gut geeignet», sagt Herzig. Er verlangt zudem, dass die musikalische Ausbildung an den pädagogischen Hochschulen überdacht wird, damit das Niveau an den Volksschulen steigt. «Die Lernziele müssen wieder erreicht werden.» Private Musikschulen seien zudem in den Bildungsauftrag einzubeziehen.

Keine Auswirkungen erwartet

«Der Artikel bewirkt nichts», sagt dagegen Nationalrat Ruedi Noser (FDP/ZH). Es werde sich gar nichts ändern, was sich ein Grossteil der Stimmberechtigten offenbar nicht bewusst gewesen sei. Der Bund gebe derzeit pro Jahr rund 50 Millionen Franken für die Kulturförderung aus. Dass dieser Betrag aufgestockt werde, sei angesichts der angespannten Finanzlage nicht zu erwarten. «Auch die Kantone haben nicht plötzlich mehr Geld», sagt Noser. Ob Kredite zur Musikförderung bewilligt würden, müsse sich erst noch zeigen. Die Musik in der Verfassung zu verankern sei ordnungspolitisch falsch, findet SVP-Vertreter Föhn. Die Kantone hätten unterschiedliche Bedürfnisse. Föhn warnt vor einem Einheitsbrei. «Wir haben in unserem Land verschiedenste Kulturen.» Neben der Klassik dürfe die Volksmusik auf keinen Fall zu kurz kommen. Auch beim Lehrpersonal setzt Föhn auf Vielfalt. «Es kann nicht sein, dass nur noch Studierte Musik unterrichten, es braucht auch die Hausfrauen und Bauern, die unsere Kultur weitergeben.»

Die Kantone müssten ihre Standards nun harmonisieren, steht für Musikliebhaberin Egerszegi fest. Bundesrat Alain Berset habe versprochen, die Sache rasch an die Hand zu nehmen. Am nächsten Donnerstag stehe bereits ein erstes Treffen an.

Eveline Rutz, Bern

Alain Berset (Bild: ky)

Alain Berset (Bild: ky)