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Gewalt gegen Beamte: Polizeigewerkschafterin Johanna Bundi Ryser lässt nicht locker

Johanna Bundi Ryser ist die erste Frau an der Spitze der Polizistengewerkschaft VSPB. Im Kampf gegen die Gewalt an Beamten schreckt sie auch vor Kritik an ihrer Chefin, Bundesrätin Simonetta Sommaruga, nicht zurück.
Dominic Wirth
Johanna Bundi Ryser ist seit zwei Jahren Präsidentin der Gewerkschaft VSPB. (Bild: Roger Grütter/Weggis/30. August 2018)

Johanna Bundi Ryser ist seit zwei Jahren Präsidentin der Gewerkschaft VSPB. (Bild: Roger Grütter/Weggis/30. August 2018)

Im Büro der höchsten Polizeigewerkschafterin des Landes sitzt ein Teddybär in einer Ecke. Über dem kleinen Leib aus braunem Fell trägt er eine Polizeiuniform. Das sieht lustig aus, aber es steckt mehr dahinter: Die Polizei, dein Freund und Helfer, das ist die Botschaft. Johanna Bundi Ryser findet, dass diese etwas in Vergessenheit geraten ist im Land. «Es macht uns Polizisten wütend, was auf den Strassen mittlerweile alles passiert», sagt die Bündnerin. Sie sitzt in der Geschäftsstelle des Verbands der Schweizerischen Polizei-Beamten (VSPB) in der Luzerner Innenstadt. Und ist bei ihrem grossen Thema angelangt: der Gewalt gegen Polizisten.

Die Schweiz hat in letzter Zeit des Öfteren eine Debatte darüber geführt, was es mit der Gewalt gegen Polizisten auf sich hat. Die letzte ist erst ein paar Wochen her. In Zürich liefern sich mehrere hundert Personen, Fussballfans und Partygänger, während Stunden eine Schlacht mit der Polizei. Danach läuft die mediale Nachbearbeitung tagelang, und Johanna Bundi Ryser ist mittendrin, wieder einmal. Sagt, dass sich die Polizisten «im Stich gelassen» fühlten und nicht ernst genommen. Und dass jetzt endlich etwas passieren und die Strafen für Angriffe auf Beamte schärfer werden müssten. Die Zahl der Fälle, in denen Polizisten bedroht oder angegriffen werden, steigt seit Jahren: Von 774 im Jahr ­ 2000 auf 3102 im letzten.

Eine, die kalkuliert schreit

Der Streit um den Artikel 285 des Strafgesetzbuches läuft auch wegen dieser Entwicklung schon länger. Bürgerliche Politiker und die Polizisten verlangen seit Jahren eine Verschärfung. Doch seit Johanna Bundi Ryser vor zwei Jahren Präsidentin des VSPB wurde, hat die Debatte an Fahrt gewonnen. Die 55-Jährige gibt seither das Sprachrohr der 26000 Schweizer Polizisten, die im Verband organisiert sind. Bundi Ryser ist eine Frau, die gerne lacht und ihre Brille hin und wieder auf der Nasenspitze trägt. Sie sieht dann eher wie eine Lehrerin aus. Und bestimmt nicht wie eine Polizistin. Doch die Bündnerin kann auch anders. «Muss zuerst ein Polizist sterben, bis etwas passiert», fragte sie im Mai dieses Jahres. Auch damals gaben Attacken auf Beamte zu reden, und Bundi Ryser griff nicht zum ersten Mal zu einem Tonfall, den es vom VSPB früher nicht zu hören gab.

«Manchmal muss man schreien, um gehört zu werden», sagt sie. Bundi Ryser ist eine, die kalkuliert schreit. Sie weiss, wie man es in die Zeitung schafft. Und sie schreckt dabei auch nicht davor zurück, ihre Chefin ins Visier zu nehmen. Dabei ist die immerhin Bundesrätin. Bundi Ryser arbeitet neben dem 50-Prozent-Pensum als VSPB-Präsidentin bei der Bundeskriminalpolizei, welche im Justizdepartement angesiedelt ist. Deren Vorsteherin heisst Simonetta Sommaruga, und Bundi Ryser hat wiederholt keinen Hehl daraus gemacht, dass man in Polizeikreisen von der SP-Magistratin nicht gerade begeistert ist. «Wir haben manchmal das Gefühl, dass sie sich zu wenig für die Schweizer Polizistinnen und Polizisten einsetzt», sagt Bundi Ryser. Es sind Sätze wie dieser, die ihr Anfang Monat ein Gespräch bei Sommaruga eingebracht haben.

Nach dem Mittagessen sitzt Bundi Ryser in Weggis in einem geräumigen Sitzungszimmer. Auf dem Tisch stehen Ordner und Laptops; durch die Fensterfront schimmert der Vierwaldstättersee. «Herzlich willkommen in der Mitte der Schweiz», sagt sie in die Runde. Die Geschäftsleitung des VSPB trifft sich zur Klausursitzung, Bundi Ryser sitzt am Kopfende des Tischs. Sie ist die einzige Frau im Raum, und sie ist auch die erste Frau überhaupt, die es an die Spitze des VSPB geschafft hat. Im Juni 2016 gewann sie die Kampfwahl gegen zwei Mitbewerber und wurde die erste VSPB-Präsidentin, mehr als ­ 100 Jahre nach seiner Gründung. Ein bisschen stolz, sagt sie, ­mache sie das schon.

Eine Kindheit in den Bergen

Angefangen hat die Geschichte von Johanna Bundi Ryser in einem Bündner Bergtal. Sie wächst als eines von sieben Kindern in Sumvitg auf, die Eltern sind Bergbauern. Am Abend sitzt die Familie oft um den Küchentisch, die Eltern, die vier Töchter, die drei Söhne. Und Bundi Ryser lernt schnell, wie man sich Gehör verschafft. «In einer Grossfamilie muss man sich durchsetzen, hartnäckig sein», sagt sie, «das hat mich geprägt.» Sie wird eine Frau, die sich immer wieder vor schwierige Aufgaben stellt. Den Militärdienst etwa, dessen klare Hierarchien ihr gefallen und in den sie freiwillig eintritt. Oder später, als sie nach der Lehre als Pflegefachfrau mit 28 Jahren an die Polizeischule geht. «Ich mag Herausforderungen und Verantwortung», sagt Bundi ­Ryser, die von der Schweiz als «schönes und sicheres Land» schwärmt, für das es sich zu engagieren lohne. Das führt sie eine Zeit lang in die SVP. Als sie zur Präsidentin des politisch neutralen VSPB gewählt wird, tritt sie aus. Sie lebt mit ihrer Familie – dem Mann, ein Polizist auch er, und dem 11-jährigen Sohn – in der Berner Agglomeration.

Bundi Ryser hat es sich zum Ziel gesetzt, den VSPB sicht- und vor allem hörbarer zu machen. Ihm mehr politisches Gewicht zu geben. Und das gelingt ihr bisher. Das sieht auch die Berner SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler so. Sie war einst selbst Polizistin und findet, es sei gut für den VSPB, dass er sich lautstärker einbringt als früher. Auch SP-Nationalrat Adrian Wüthrich lobt die Arbeit von Bundi Ryser. Dabei hatte der Berner bei der Wahl vor zwei Jahren noch für eine Gegenkandidatin geworben. Jetzt attestiert ihr Wüthrich, der den Polizeiverband Bern-Kanton präsidiert, gerade in Sachen Gewaltproblematik «sehr präsent» zu sein.

Ist Repression wirklich die Lösung?

Das will die Bündnerin auch künftig so halten. Mindestens drei Tage Gefängnis sollen es bei Angriffen auf Polizisten in den Augen des VSPB sein. Der Bundesrat will lediglich die Geld­strafen erhöhen. Bundi Ryser kann sich darüber sehr ärgern, sie sagt: «Es braucht jetzt ein Signal für die Polizisten, die tagtäglich ihr Leben aufs Spiel setzen. Und das im staatlichen Auftrag und zu Gunsten der Schweiz und ihrer Bevölkerung.»

Doch es gibt gute Gründe, die gegen die Einführung von Mindeststrafen sprechen. Gegner warnen davor, eine solche Verschärfung nehme den Richtern Handlungsspielraum und bringe das Gleichgewicht im Strafgesetzbuch durcheinander. Daneben stellt sich auch die Frage, ob Repression der richtige Weg ist. Verbirgt sich hinter den Attacken auf Polizisten nicht vielleicht ­etwas, das mit Gefängnis nicht zu lösen ist, sondern vielleicht mit einer Polizei, die anders auftritt, auf die jungen Leute zugeht? «Jugendprojekte, Fanarbeit: Es wird schon so viel gemacht. Irgendwann kommt der Punkt, an dem die Jungen zur Verantwortung ­gezogen werden müssen», sagt Bundi Ryser. Sie will nicht lockerlassen, bis ihr grosses Anliegen verwirklich ist.

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