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Kommentar

Weshalb es falsch ist, den Medien die Schuld im Fall «Carlos» zu geben

Am Mittwoch um 16 Uhr wird das Urteil im Fall des renitenten Straftäters verkündet. Die mediale Debatte im Vorfeld dreht sich um die Frage, wer welche Fehler begangen hat. Jeder Erklärungsansatz hat einen blinden Fleck.
Andreas Maurer
Andreas Maurer.

Andreas Maurer.

Welche Verantwortung tragen die Medien im Fall «Carlos»? Die Meinungen auf den Redaktionen gehen auseinander. Fest steht: Ohne Medien gäbe es den Fall nicht.

SRF hat 2013 das erste Kapitel geschrieben. Eine Reportage zeigte, wie ein Zürcher Jugendanwalt scheinbar unlösbare Fälle von Jugendgewalttätern löste. Unter dem Pseudonym «Carlos» stellte der Film einen 17-Jährigen vor, der in einem aufwendigen Massnahmenprogramm seine Aggressionen abbaute. Zwei Aspekte bewegten: Das Sondersetting kostete 29'000 Franken pro Monat. Und es enthielt Kampfsporttraining. Man versuchte also, die Wut eines Boxers mit Boxtraining zu kanalisieren. Der «Blick» skandalisierte die Massnahmen als «Sozial-Wahn».

Die linke «Wochenzeitung» (WOZ) und die bürgerliche «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ) argumentieren nun sechs Jahre später auf einer Linie. Die NZZ meint in einer Medienkritik: «Auf diesen Film hätte man verzichten sollen.» Und die WOZ meint in einem Leitartikel, «Blick» und SRF seien «massiv mitverantwortlich».

Dass die politisch unterschiedlich positionierten Medienhäuser gleicher Meinung sind, ist nur auf den ersten Blick eine Überraschung. Gemeinsam ist ihnen in diesem Fall eine elitäre Perspektive. Die Feststellung, dass man damals auf die Berichterstattung hätte verzichten sollen, impliziert nämlich, dass die Wahrheit der Öffentlichkeit nicht zuzutrauen sei. Denn der Film entsprach den Tatsachen, abgesehen von einer Ungenauigkeit. Es hiess, das Sondersetting koste 22'000 Franken pro Monat. Erst später wurde die korrekte – noch höhere – Zahl publik.

Damals sind zwei Fehler passiert, für die aber nicht ein Medium, sondern die Politik die Verantwortung trägt. Die Zürcher Regierung war erstens nicht in der Lage, der Öffentlichkeit die Hintergründe zu erklären, und zweitens, dem medialen Druck standzuhalten. Stattdessen brach sie die Übung überstürzt ab.

Der «Blick» wehrt sich bis heute gegen die Vorwürfe und geht in einem Leitartikel zum Gegenangriff über. Die Medien dürften nun nicht aus dem Täter ein Opfer machen, heisst es darin. Denn niemand anders sei für die Taten verantwortlich als der Täter selber.

So banal die Feststellung ist, so richtig ist sie in der Theorie. Dennoch trifft sie im Fall «Carlos» nicht den Kern des Problems, weil der Täter zum Zeitpunkt der schwersten Gewalteskalation minderjährig war. Er war erst 15 Jahre jung, als er seinem Opfer ein Messer in den Rücken rammte. Als Jugendlicher muss er nicht die volle Verantwortung für seine Tat tragen und hat eine zweite Chance verdient. Es war deshalb im Grundsatz richtig, eine kreative und teure Lösung zu suchen.

Man hat alles versucht – und ein bisschen mehr

Der Fall «Carlos» ist so vielschichtig, dass ihm eine einfache Schuldzuweisung nicht gerecht wird. Der 24-Jährige ist Täter, aber auch Opfer. Die Medien haben ein wichtiges Thema aufgegriffen, auch wenn der Ton anfangs schrill war. Die Behörden haben Fehler gemacht, aber auch alles juristisch Mögliche und sogar noch etwas mehr versucht, um sie zu korrigieren.

Denn es gibt nicht nur ein Sondersetting. In der Justizvollzugsanstalt Pöschwies wurde für Brian K., so heisst «Carlos» wirklich, ein zweites eingerichtet. Nachdem alle üblichen Massnahmen nichts genützt hatten, wurde er in die Abteilung der Alten und Kranken versetzt. Die Hoffnung war, dass er dort, wo er nicht im Konkurrenzkampf mit den schweren Jungs steht, seine Stärke nicht mehr beweisen müsse. Doch er ging sogar auf die Handicapierten los und schlug einen von Medikamenten aufgedunsenen 150-Kilo-Mann im Frühstücksraum k. o. So scheiterte auch dieses Sondersetting. Im Rückblick also ein weiterer Fehler. Man kann den Behörden aber nicht vorwerfen, nicht alles versucht zu haben. Und nun planen sie sogar bauliche Massnahmen, damit Brian K. selbstständig in den Hof kann.

Was sich in den sechs Jahren nicht verändert hat: Eine wirkliche Lösung für das Problem hat niemand. Aber die Auseinandersetzung damit hat ein höheres Niveau erreicht. Anfangs war die Debatte einseitig und oberflächlich. Nun ist sie vielseitig und tiefgründig. Das ist immerhin ein Fortschritt in dieser endlosen Geschichte.

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