Das lange Warten der Tessiner

Ohne Aufstockung des Bundesrats auf neun Mitglieder wird das Tessin kaum mehr in der Landesregierung vertreten sein. Dieser Überzeugung sind Tessiner Politiker, nachdem die Tessiner bei dieser Bundesratswahl wieder nur Zuschauer sind.

Gerhard Lob
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Auch sie schaffte es nicht: Die Tessiner SP-Politikerin Marina Carobbio unterlag in der SP-Fraktion. (Bild: ky/Alessandro Della Valle)

Auch sie schaffte es nicht: Die Tessiner SP-Politikerin Marina Carobbio unterlag in der SP-Fraktion. (Bild: ky/Alessandro Della Valle)

BELLINZONA. Es wäre ein überraschender Schachzug gewesen: Die Tessiner SVP hat in letzter Minute vorgeschlagen, Lega-Regierungsrat Marco Borradori in die Bundesratswahl zu schicken, um Eveline Widmer-Schlumpf anzugreifen. Damit hätte das Gespann aus SVP und Lega zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen können. Die nationale SVP hätte einen konsensfähigen und populären Politiker der Rechten sowie gleichzeitig einen Vertreter der italienischsprachigen Minderheit portiert. Doch Borradori lehnte das Angebot ab.

Keine lateinische Solidarität

Kandidaten aus dem Tessin werden somit bei der Bundesratswahl einmal mehr keine Rolle spielen, nachdem es SP-Nationalrätin Marina Carobbio nicht aufs offizielle Ticket ihrer Partei schaffte. Der Frust in der Südschweiz ist gross, auch der Regierungsrat bedauerte die Abfuhr. «Ihr Name auf einem Zweierticket wäre im Sinne einer Chancengleichheit der italienischen Schweiz gut gewesen», meint SP-Grossrat Nenad Stojanovic. Die Blockade aus der Romandie machte diese Hoffnung zunichte. Carobbio war über die Vehemenz der Romands erstaunt.

«Die Popularität von Carobbio hatte in jüngster Zeit in der Deutschschweiz so stark zugenommen, dass sie zu einer Gefahr für die Romandie wurde», sagt der bisherige Tessiner SP-Nationalrat Fabio Pedrina. Daher hätten sie die Reihen geschlossen. Es reicht, Zeitungsartikel in der welschen Presse zu lesen, um Pedrinas Analyse zu teilen. «Sie bedroht den Sitz der Romandie», titelte etwa «Le Matin» über Carobbio.

Die Ernüchterung im Tessin ist umso grösser, als einmal mehr klar wurde, dass von einer «lateinischen Solidarität» keine Rede sein kann. Dies war schon bei dem Versuch von Patrizia Pesenti, Nachfolgerin von Ruth Dreifuss zu werden, klar geworden. De facto konnten Tessiner immer nur dann Bundesräte stellen, wenn die Deutschschweiz Platz machten. Das gilt gerade für die CVP, die in der Romandie nie stark vertreten war und in den Zeiten der Zauberformel über zwei Sitze verfügte.

Das Tessin und die französische Schweiz haben weniger Heu auf der gleichen Bühne als gemeinhin angenommen. «Für die Romandie ist die Solidarität eine Einbahnstrasse in ihre Richtung», regt sich der Tessiner FDP-Nationalrat Ignazio Cassis auf, der selbst vor einem Jahr beim Rennen um die Nachfolge von Hans-Rudolf Merz scheiterte. Und bekannt ist die provokative Aussage des Tessiners Carlo Malaguerra, einst Direktor des Bundesamtes für Statistik: «Wenn die Mehrheitsverhältnisse zwischen der Romandie und der Deutschschweiz umgekehrt wären, würde man im Tessin wohl nicht mehr Italienisch, sondern Französisch reden.»

Lange Durststrecke befürchtet

Die Tessiner müssen sich jedenfalls auf eine lange Durststrecke einstellen. «Es wird sehr schwierig für die italienische Schweiz werden, wieder einen Bundesrat zu stellen», meint CVP-Ständerat Filippo Lombardi. Dies liegt auch an den politischen Umwälzungen der letzten Jahre. Als Flavio Cotti 1986 als letzter Tessiner in den Bundesrat gewählt wurde, galt noch die Zauberformel. Grundlage waren die Parteienstärken der Nationalratswahlen von 1983: 23,3 Prozent FDP, 20,2 Prozent CVP, 22,8 Prozent SP, 11,1 Prozent SVP. Tempi passati! Nicht nur national hat sich die Lage grundlegend geändert, sondern auch kantonal. Im Tessin hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten die Lega einen festen Platz in der Politik erobert – zulasten der traditionellen Parteien. Zudem hat sich das Verhältnis zwischen den Landesteilen verändert. Heute ist Wettbewerb statt Solidarität zwischen den Regionen angesagt.

In dieser unübersichtlichen und kompetitiven Situation haben Kandidaten aus der italienischen Schweiz wenig Chancen. Lombardi ist sogar überzeugt, dass erst mit einer Erweiterung des Bundesrats von sieben auf neun Mitglieder wieder Tessiner zum Zug kommen können. «Diese Regierungsreform müssen wir aber nicht durchführen, um dem Tessin einen Gefallen zu machen, sondern weil die Departemente zu gross geworden sind», so Lombardi. Die staatspolitische Kommission des Nationalrats hat eine solche Standesinitiative aus dem Tessin allerdings abgelehnt. Man wird auf Tessiner Bundesräte also wohl weiterhin warten müssen.