Interview

«Ein guter Tag für alle Zugfahrenden» – das sagt die Bahngewerkschafterin über den neuen SBB-Chef Ducrot

Edith Graf-Litscher, die Präsidentin der nationalrätlichen Verkehrskommission, begrüsst die Wahl von Vincent Ducrot. Die SP-Nationalrätin hat klare Erwartungen an den neuen SBB-Chef.

Doris Kleck
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Die Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher fordert, dass sich die SBB wieder stärker auf ihre Kernaufgaben konzentrieren.

Die Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher fordert, dass sich die SBB wieder stärker auf ihre Kernaufgaben konzentrieren.

(KEYSTONE/Parteien/Handout)

Unter dem abtretenden Chef Andreas Meyer haben sich die SBB vom reinen Service-Public-Betrieb zu einem integrierten und digitalisierten Mobilitätsdienstleister entwickelt, die Passagierzahlen nahmen in seiner fast 13 Jahre dauernden Ära um 60 Prozent und die gefahrenen Zugkilometer um 30 Prozent zu. Was nun?

Das Management hat sich zu stark vom Betrieb entfernt. Es ist wichtig, dass die SBB zu ihren Wurzeln zurückkehren. Sie müssen im Kerngeschäft wieder stärker werden: Sie sind ein Service-Public-Unternehmen, das pünktlich und zuverlässig sein muss. Effizienzsteigerungen durch Reorganisationen dürfen nicht mehr im Vordergrund stehen, die sowohl die Kunden wie auch das Personal verunsichert haben.

Verkörpert Nachfolger Vincent Ducrot nicht zu stark die «alte Welt»?

Die SBB sind ein Service-Public-Unternehmen, das eine ganz banale Aufgabe hat: Sie muss die Leute zuverlässig von A nach B transportieren. Dieser Auftrag steht im Vordergrund. Das Unternehmen braucht Ruhe, Reorganisationen müssen gestoppt werden. Die Mitarbeiter müssen wieder ernst genommen werden, wenn sie Störungen melden. Und es darf keine Reorganisationen mehr um des Reorganisationswillen geben. Aber natürlich muss eine Unternehmensleitung auch in die Zukunft blicken. Dazu braucht die SBB eine Betriebs- und Führungskultur in der Fachwissen und Wertschätzung anerkannt und gelebt werden.

Ab 1.April 2020 im Amt – der designierte SBB-Chef Vincent Ducrot.

Ab 1.April 2020 im Amt – der designierte SBB-Chef Vincent Ducrot.

Bild: KEY

Heute führt Ducrot 1000 Mitarbeiter, bald über 30'000. Kann man diesen Sprung schaffen?

Er ist ein erfahrener «Bähnler» aus der Branche. Herr Ducrot leitet schon heute erfolgreich ein konzessioniertes Transportunternehmen. Er bringt einen grossen Rucksack mit. Dazu gehört das Verständnis für den öffentlichen Verkehr und den Service Public. Ich traue ihm zu, dass er diesen Sprung schafft.

Aber es ist wie der Umstieg von einem Fiat Panda auf einen Ferrari.

Tatsächlich besteht ein Unterschied in der Firmengrösse. Es besteht jedoch kein Grund, an seiner Führungseignung zu zweifeln. Das wichtigste Argument ist für mich, dass er eine Person ist, die den Service Public kennt und die sich bewusst ist, dass er im öffentlichen Fokus steht und mit der Politik zusammenarbeiten muss. Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit müssen oberste Priorität haben. Für einen stabilen Betrieb brauchen die SBB genügend Personal mit einem breiten Fachwissen.

Die SBB ist eine Ikone in diesem Land, keine normale Firma. Als SBB-Chef ist man auch sehr exponiert. Hat Herr Ducrot die kommunikative und integrierende Kraft, dem Konzern vorzustehen?

Das wird sich in der Praxis zeigen. Tatsache ist, dass die SBB ein wichtiges Stück Schweiz sind. Sie verbinden alle Landesteile. Wichtig ist, dass das Management wieder näher bei seinen Kernaufgaben ist. Ich schätze Herrn Ducrot bodenständig ein und traue ihm das zu. Damit er erfolgreich arbeiten kann, müssen wir auch die politischen Rahmenbedingungen so setzen, dass nicht primär der gewinnorientierte Fokus im Vordergrund steht, sondern dass die SBB wieder ein verantwortungsbewusstes Vorzeigeunternehmen werden.

Wie gut kennen Sie Herr Ducrot?

Ich kenne ihn nicht persönlich, aber ich freue mich ihn kennenzulernen.

Sie sind sehr optimistisch. Sie müssen schon viel Gutes über ihn gehört haben.

Jeder Neuanfang ist eine Chance. Ich kenne seinen Werdegang und seine bisherigen beruflichen Einsatzbereiche. Das stimmt mich zuversichtlich. Er ist ein stiller Schaffer und dem öffentlichen Verkehr und der Sozialpartnerschaft stark verbunden. Damit bringt er die nötigen Voraussetzungen mit, um die SBB zurück aufs richtige Gleis zu bringen. Ducrot ist die richtige Person.

Ducrot wirkt wie das Gegenstück zu Andreas Meyer.

Ich schätze Ducrot als bodenständige und zurückhaltende Persönlichkeit ein. Eben, als stiller Schaffer. Jeder Führungswechsel ist eine Chance. In einer Zeit, in der Passagiere und Anzahl Ausbauprojekte jährlich zunehmen, braucht es eine Sicherheitsplanung. Nicht primär «schneller» ist jetzt bei den SBB gefragt, sondern «zuverlässiger».

Unter Ducrot nahm das Pannenzug-Debakel seinen Anfang. Ist er der richtige, um dieses Problem zu lösen?

Wichtig ist, dass SBB und Bombardier alles daran setzen, dass die Züge zum Laufen kommen. Die nächste Bewährungsprobe kommt beim Fahrplanwechsel. Uns wurde zugesichert, dass die nötigen Züge zuverlässig eingesetzt werden können.

Wird die Politik dank ihm mehr Einfluss nehmen können?

Ich gehe davon aus, dass Herr Ducrot den Kontakt zur Politik pflegen wird, sie ernst nimmt und nicht als Störfaktor anschaut. Wir müssen gemeinsam die Weichen für die Zukunft in die richtige Richtung stellen. Dazu gehört ein offener und transparenter Dialog ohne Beschönigungen.

Sie sind Eisenbahngewerkschafterin. Wie gewerkschaftsnah ist Herr Ducrot?

Aufgrund der Kontakte, die meine Kollegen mit ihm hatten, weiss ich, dass Herr Ducrot die Sozialpartnerschaft schätzt. Das ist eine gute Voraussetzung.

Heute ist ein guter Tag für die Eisenbahngewerkschafter?

Es ist ein guter Tag für die Mitarbeitenden, für die Schweiz und alle Zugfahrenden.

Trägt diese Wahl auch die Handschrift von Bundesrätin Simonetta Sommaruga?

Ich stelle positiv fest, dass beim Personalentscheid des Verwaltungsrates nicht die internationale Konzernerfahrung im Vordergrund stand, sondern die Kenntnisse über die komplexen Zusammenhänge im öffentlichen Verkehr und im Service Public der Schweiz. Ganz so, wie das auch die Verkehrskommission gefordert hatte.

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