Atomdebatte

Das ist das Ausstiegsgesicht der SP

Der Waadtländer SP-Nationalrat Roger Nordmann plädiert in einem Buch, das Anfang Mai erscheint, für den Ausstieg aus der Atomenergie. Ein Porträt des umtriebigen Politikers.

Sermîn Faki
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Der Waadtländer SP-Nationalrat Roger Nordmann. (Foto: Patrick Lüthy)

Der Waadtländer SP-Nationalrat Roger Nordmann. (Foto: Patrick Lüthy)

Roger Nordmann, 38 Jahre alter SP-Nationalrat aus Lausanne, ist der energiepolitische Fachmann seiner Partei. Und seit dem Störfall in Fukushima ist er nicht weniger als das Ausstiegsgesicht der SP. Ein Etikett, das dem Mann in den immer etwas locker sitzenden Anzügen sichtlich zusagt: Ja, er sei gut vernetzt im Parlament, sagt er zufrieden.

Das dürfte noch untertrieben sein. Dass der CO2-Ausstoss für Neuwagen ab 2015 analog zur EU auf 130 Gramm pro 100 Kilometer gesenkt werde, habe Nordmann fast im Alleingang durchgeboxt, heisst es aus dem Umfeld der nationalrätlichen Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie (Urek). Er habe die Fähigkeit, Allianzen zu bilden und Kuhhändel zu schliessen. «Macht», sagt Nordmann selbst, «ist dazu da, den Lauf der Dinge zu ändern.» Darauf hat offensichtlich die ganze Familie Lust: Verheiratet ist Nordmann mit Florence Germond, die im Juli das Amt der Finanzdirektorin in Lausanne übernimmt.

Bürgerliche Urek-Mitglieder sind gespalten, wenn sie auf den klar links politisierenden Romand angesprochen werden. Einige mögen die Beschreibung als Brückenbauer nicht teilen. Nordmann sei vielmehr rechthaberisch, werde auch schon mal «aufbrausend». Kommissionspräsident Jacques Bourgeois von der FDP mag diese Kritik nicht teilen. «Vielleicht kommt er manchmal etwas schulmeisterlich daher. Aber Nordmann ist bereit zu Kompromissen.»

Freude an Provokationen

Doch wie kommt ein Politologe und Ökonom überhaupt zur Energiepolitik? Er habe sich immer sehr für Physik interessiert, sagt Nordmann. Und dann natürlich: «Tschernobyl. Das war eine Zäsur.»

Heute ist Nordmanns Know-how
in Energiefragen gefragt. Er ist Präsident des Wirtschaftsverbands Swissolar. Zudem hat er ein Buch darüber geschrieben, warum die Schweiz von den fossilen Energien und der Atomenergie loskommen muss. Es ist leicht verständlich – und pointiert bis polemisch. So bezeichnet er Befürworter von AKW schon mal als «Atomsowjets». Und er macht eine Allianz zwischen der globalisierten Hochfinanz und isolationistisch geprägten Kreisen um die SVP aus, die der Schweiz eine «Gehirnwäsche» verpasst habe. Die Freude an der Zuspitzung habe mit seiner Herkunft zu tun: «Ich bin fundamental welsch», sagt er, und im frankofonen Sprachraum werde schärfer formuliert. «In der Deutschschweiz ist das verpönt.» Darum müsse man bei aller Liebe zur Provokation aufpassen, den politischen Gegner «nicht zu demotivieren».

Der Verkehrspolitiker als EU-Turbo

Nordmann auf die Energiefragen zu reduzieren, wäre falsch. Auch Finanzpolitik und Verkehrspolitik sind sein Feld. Und er ist ein vehementer EU-Befürworter: «Ich empfinde es als Demokratiedefizit, wenn man sich Regeln unterwirft, ohne an diesen mitzuwirken.»

Mittlerweile ist Nordmann Vollzeit-Politiker. Die Beratungsfirma, wo er Aufträge von Verbänden und Kantonen hatte, besteht bloss noch auf dem Papier. Nicht nur, weil er am Wochenende lieber mit seinen Kindern Jean und Edith bastelt. Sondern auch, weil Politik und Consulting für Nordmann kaum zusammengehen. «Man weiss nie, ob sich ein Verband meldet, weil er Beratung möchte, oder ob er nur deinen politischen Einfluss für sich nutzen will.» Das habe er als problematisch empfunden. Deshalb setzt er sich für komplette Transparenz über die Einkünfte von Politikern ein und würde auch ein Berufsparlament bevorzugen. Aber erst mal will er den Atomausstieg schaffen. Dann wird er sich des nächsten Themas annehmen.

Information: Roger Nordmanns Buch «Atom- und erdölfrei in die Zukunft – konkrete Projekte für die energiepolitische Wende» erscheint am 2. Mai bei Orell Füssli.