Das Horn dient der Kuh zu mehr als nur dem Kampf

Durch die Abstimmung über die Hornkuh-Initiative am 25. November rückt ein Organ ins Zentrum, das Esoteriker und Wissenschafter gleichermassen fasziniert. Ein paar Fakten:

Peter Jaeggi
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Hörner verraten auch, wie oft eine Kuh gekalbt hat.. (Bild: Keystone)

Hörner verraten auch, wie oft eine Kuh gekalbt hat.. (Bild: Keystone)

Ein Horn zum Ausleihen

Das Horn ist weit mehr als Zierde. Die Kuh kratzt sich damit an Stellen, an die sie sonst nicht hinkommt. Sie kann die Hornspitze auch einer Freundin zur Verfügung stellen. Der Biobauer und Buchautor Martin Ott hat beobachtet, wie befreundete Kühe einander die Hornspitze hinhalten zum Entfernen eingetrockneter Sekrete aus dem Augenwinkel. «Das würde sie unterlassen, wenn sie nicht wüsste, dass die Freundin sehr bewusst mit ihrem spitzen Horn umgehen kann», sagt der Biobauer und Kuh­experte.

Das Horn zum Kommunizieren

Kühe kommunizieren mit den Hörnern. Vom Anstupsen über den unsanften Stoss bis hin zu einer Kopfbewegung ohne Berührung. Ein Wink mit dem Horn genügt, um die Rangniedrige wegzuweisen. Beim Ermitteln der Rangordnung spielt das Horn eine zentrale Rolle. Beim Kräftemessen werden die Stirnbeine aneinandergelegt, die Hörner dienen als Halteorgane.

Kälberzähler und Kühlanlage

Hörner verraten, wie oft eine Kuh gekalbt hat. Ähnlich einem Jahrring des Baumes hinterlässt jede Geburt eine Art Ring am Horn. Dieses verhilft der Kuh überdies zu einem kühlen Kopf. Sie leitet über die Hörner überschüssige Wärme ab und schützt so das Gehirn. Je heisser das Klima, umso grösser sind die Hörner. In der Schweiz fühlt sich eine Kuh bei Temperaturen um 0 Grad bis etwa 25 Grad am wohlsten, sagt der holländische Kuhwissenschafter Ton Baars. «Wird es zu warm, kann die Kuh in einen Hitzestress kommen; ist es zu kalt, ist Kältestress möglich. Weil die Hörner durchblutet sind, haben sie eine Regulationsfunktion; sie kühlen oder wärmen.»

Wie gefährlich sind die Hörner?

Es existieren keine wissenschaftlichen Untersuchungen, die belegen, dass horntragendes Rindvieh gefährlicher wäre als hornloses. Hingegen gibt es eine ganze Reihe von Studien, die beweisen: Je besser die Beziehung zwischen Mensch und Tier, je angepasster Haltung und Management, desto weniger Auseinandersetzungen und Schäden gibt es. Susanne Waiblinger, Professorin am Institut für Tierhaltung und Tierschutz an der veterinärmedizinischen Universität in Wien, stützt sich auf eigene Forschungen, wenn sie fordert: «Von Anfang an mit dem Kalb einen positiven Umgang pflegen, streicheln, freundlich sprechen mit den Tieren, nicht anschreien und möglichst nicht stossen.» Die Herde werde dadurch ruhiger und sei leichter zu managen. Zudem empfiehlt sie, nur mit gutmütigen Tieren zu züchten.

Die Hörner an der Krippe

Ein behorntes Rindvieh Auge in Auge mit einem neugeborenen Kind – das zeigen früheste Krippenbilder. Das älteste stammt aus dem 4. Jahrhundert und ist in den vatikanischen Museen zu sehen. Maria und Josef sind im Hintergrund, dafür steht der behornte Ochse mit dem Esel direkt an der Krippe. «Es scheint, als ob das Christenvolk sich damals vor horntragenden Ochsen nicht fürchtete», sagt Kuhforscher Ulrich Mück.

Weniger Konflikte mit Hörnern

Die neueste Studie zu Hornschäden im Stall wird demnächst abgeschlossen. Ein Team der Universität Kassel untersuchte drei Jahre lang 39 deutsche Milchkuhbetriebe auf hornbedingte Tierschäden. In Ställen, die in dieser Zeit entweder von enthornten auf behornte Herden in Laufställen oder von Anbinde- auf Laufställe mit behornten Tieren umgestellt hatten. Die Agrarwissenschafterin Julia Johns hat die Studie wissenschaftlich begleitet und sagt: «Wir konnten bestätigen, dass in behornten Herden die Auseinandersetzungen mit Körperkontakt tendenziell eher abnehmen.» Bei hornlosen Herden hingegen könnten Blutergüsse unter der Haut auftreten, wenn sich die Tiere mit Kopfstössen verletzen. Um im Stall Konkurrenzsituationen und Engpässe zu minimieren, brauche es zum Beispiel genügend Platz beim Fressen und genügend grosse Warteräume vor dem Melkstand.

Langes Leid nach Enthornung

Claudia Spadavecchia, Tierärztin und Professorin an der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern, wollte wissen, wie lange Kälber nach der Enthornung leiden. Sie und ihr Team haben dazu eine zweiteilige Studie gemacht. Zum ersten Teil, der im März publiziert worden ist, sagt Spadavecchia: «Bei einem Drittel der enthornten Kälber sahen wir nach drei Wochen noch immer eine Überempfindlichkeit.» Bisher glaubte man, dass die Schmerzen rund um die ausgebrannten Hornknospen lediglich zwei, drei Tage anhalten würden. Der zweite Teil ist die weltweit erste Langzeitstudie zum Enthornungsschmerz, worüber die Sonntagsausgabe dieser Zeitung zuerst berichtet hat. So waren bei einem beträchtlichen Teil der Kälber selbst nach drei Monaten noch Überempfindlichkeiten feststellbar. Die Ergebnisse sind wissenschaftlich noch nicht verifiziert. Der Schweizer Tierschutz (STS) hat das Bundesamt für Landwirtschaft und Lebensmittelsicherheit bereits mehrmals um eine Fortsetzung der Studie gebeten. Bisher ohne Erfolg, so STS-Geschäftsführer Hans-Ulrich Huber.