Das gefährliche Spiel der Tessiner Politiker

Ein erbärmliches Schauspiel bieten in dieser Woche viele Tessiner Politiker. Nicht, dass diese in den letzten Jahren immer mit Höchstleistungen geglänzt hätten. Doch nun ist eine neue Niveaulosigkeit erreicht.

Gerhard Lob
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Eine Studie eines Tessiner Wirtschaftsforschungsinstituts kommt zum Schluss, dass im Tessin keine Verdrängung einheimischer Arbeitskräfte durch Grenzgänger erfolgt ist.

Eine Studie eines Tessiner Wirtschaftsforschungsinstituts kommt zum Schluss, dass im Tessin keine Verdrängung einheimischer Arbeitskräfte durch Grenzgänger erfolgt ist.

Ein erbärmliches Schauspiel bieten in dieser Woche viele Tessiner Politiker. Nicht, dass diese in den letzten Jahren immer mit Höchstleistungen geglänzt hätten. Doch nun ist eine neue Niveaulosigkeit erreicht. Anlass bot die Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts IRE aus Lugano, die nach einer tief gehenden Analyse des Arbeitsmarktes im Südkanton zum Schluss kam, dass in Folge der Personenfreizügigkeit mit der EU die vielen Grenzgänger aus Italien die einheimischen Arbeitskräfte nicht vom Arbeitsmarkt verdrängt haben.

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, übertrumpften sich die Tessiner Politiker darin, die Studie zu kritisieren, und dies, obwohl die 100 Seiten umfassende Erhebung nicht einmal publiziert war, sondern zuerst nur in Form einer Zusammenfassung in der Zeitung vorlag. Grund: Das IRE liefert Erkenntnisse, die im Kanton Tessin fast niemand hören will. Denn die Grenzgänger werden seit Jahren für alle Übel des Kantons verantwortlich gemacht. Und die politischen Parteien stricken ihre Kampagnen danach, insbesondere die Lega. Wissenschaftliche Studien sind sicherlich nicht immer perfekt. Und auch über die IRE-Studie lässt sich trefflich streiten.

Dass eine Regierungspartei wie die Lega aber die Schliessung des beauftragten Universitätsinstituts fordert statt sich ernsthaft mit den Inhalten auseinanderzusetzen, ist gefährlich und bedroht die wissenschaftliche Freiheit. Zudem gibt es den Verdacht, dass die seit September vorliegende Studie unter dem Deckel gehalten wurde, damit sie die eidgenössischen Wahlen im Tessin nicht beeinflusst. Sollte sich dieser Verdacht bestätigen, wäre dies besonders gravierend.

schweiz@tagblatt.ch