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Das Experiment im Rebberg

Im Kampf gegen die Kirschessigfliege setzen dieses Jahr viele Winzer auf Tonerde. Der Bund hat den Einsatz mittels einer Notzulassung bewilligt – ohne die übliche umfassende Überprüfung.
Maja Briner

Beim Spaziergang entlang der Rebberge fallen sie auf: Die Trauben, die nicht blau leuchten, sondern gräulich schimmern – als wären sie in Mehl getaucht worden. Es ist Tonerde, die den Trauben ihre schöne Farbe nimmt. Sie soll gegen die Kirschessigfliege schützen, einen eingeschleppten Schädling. «Diesen Sommer gab es so viele Tiere wie noch nie», sagt Biologe Patrik Kehrli von der eidgenössischen Forschungsanstalt Agroscope. Viele Winzer spritzten daher erstmals das sogenannte Kaolin, eine Tonerde, auf die Trauben. Laut Agroscope war dieses 2014 in kleinem Ausmass getestet worden. Nun folgt der Ernstfall: Agroscope schätzt, dass schweizweit fünf bis zehn Prozent der Rebberge mit roten Traubensorten damit behandelt wurden, regional auch mehr. In Graubünden hätten gar rund 80 Prozent der Winzer – auch Biobauern – Tonerde eingesetzt, sagt der Präsident von Graubünden Wein, Georg Fromm.

Die erste Bilanz fällt positiv aus: «Die Fliege geht praktisch nicht auf die Traube», sagt beispielsweise Fromm. «Es wirkt recht gut», sagt auch Mathias Brunner, der am Baldegger- und Sempachersee Reben bewirtschaftet. Allerdings sehen die behandelten Trauben wenig appetitlich aus. «Man wird oft gefragt, ob die Trauben gewaschen werden», erzählt Ralph Heule von Wein Berneck. «Das ist nicht der Fall.» In den Wein gelangt die Tonerde aber nicht, wie es bei Agroscope heisst: Bei der Weinherstellung sinkt sie auf den Boden des Tanks ab. Danach kann sie herausgefiltert werden.

Faule Trauben kaum mehr zu sehen

Ein Wundermittel ohne Nachteile also? Nicht ganz. «Problematisch für uns Praktiker ist, dass man die faulen Trauben beim Ernten nicht mehr so gut sehen kann», erklärt Heule. Das mache die Erntearbeit schwieriger. Manche Winzer fragen sich zudem, ob ihre Trauben noch genügend Sonne bekommen. Weil der weisse Belag das Licht reflektiert, würden die Beeren auch weniger stark aufgeheizt, fürchten sie. Das könnte dazu führen, dass weniger Farb- und Gerbstoffe entstehen. In diesem Jahr sei dies kein Problem gewesen, da es sonnig gewesen sei, sagt ein Winzer.

Laut Claudia Daniel vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Fibl) wurden bei Versuchen letztes Jahr keine Unterschiede beim Zuckergehalt zwischen behandelten und unbehandelten Früchten gefunden. Detaillierte Studien zur Photosyntheseleistung im Rebbau gebe es ihres Wissens noch nicht. Normalerweise werden Pflanzenschutzmittel vom Bund in einem Zulassungsverfahren überprüft, bevor der Einsatz bewilligt wird. Dabei werden die Wirkung gegen die Schadorganismen untersucht sowie mögliche Auswirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt. Das Tonerde-Produkt «Surround», das nun eingesetzt wird, hat dieses Verfahren für eine Anwendung im Weinbau zwar noch nicht durchlaufen.

Dennoch bewilligte der Bund den Einsatz befristet mit einer sogenannten Notzulassung. Dies sei der Fall, weil es sich bei der Kirschessigfliege um einen neuen Schädling handle, sagt Olivier Félix vom Bundesamt für Landwirtschaft. «Wir kennen das Produkt Surround aber gut, da es bereits im Obstbau zugelassen ist.» Untersuchungen zeigten, dass es keine negativen Folgen für Umwelt und für den Menschen habe.

Auch die Umweltorganisation Greenpeace hat keine Bedenken. Sprecher Yves Zenger sagt, es handle sich um eine natürliche Substanz. «Diese ist sicher weniger problematisch als chemisch-synthetische Insektizide, die üblicherweise eingesetzt werden.»

Doch es gibt noch andere Alternativen. Bruno Martin, der am Bielersee Reben bewirtschaftet, hat mit einer anderen Methode «ein sehr gutes Ergebnis erzielt», wie er sagt: Er schützte die Reben mit Fallen gegen den Schädling. Tonerde habe er nicht gebraucht.

Nicht so schlimm wie befürchtet

Geholfen hat den Winzern im Kampf gegen die lästige Kirschessigfliege zuletzt aber auch das Wetter: Dank eines sehr warmen und trockenen Herbstes sei die Lage lange nicht so schwierig gewesen wie erwartet, sagt Biologe Kehrli. Nur in Einzelfällen hätten die Kirschessigfliegen grössere Schäden angerichtet. Nach den früheren Erfahrungen hätten manche Winzer aber lieber Vorsicht walten lassen und vorbeugend Tonerde angewandt.

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