Interessenkonflikte
Topmanager, die bei Lieferanten im Verwaltungsrat sitzen: Das Doppelrollen-Problem der SBB

SBB-Konzernleitungsmitglied Markus Jordi ist zugleich Verwaltungsrat eines Geschäftspartners – und wird deswegen kritisiert. Nicht zum ersten Mal kommt es bei den Bundesbahnen zu heiklen Verbandelungen.

Sven Altermatt
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Immer wieder stehen die SBB wegen Verwaltungsratsposten ihrer Topmanager in der Kritik. Im Bild die Konzernzentrale in Bern-Wankdorf.

Immer wieder stehen die SBB wegen Verwaltungsratsposten ihrer Topmanager in der Kritik. Im Bild die Konzernzentrale in Bern-Wankdorf.

Bild: Christian Beutler/Keystone

Es ist eine Doppelrolle, die zu Reden gibt: Markus Jordi ist Mitglied der SBB-Konzernleitung – und sitzt zugleich im Verwaltungsrat der Informatikfirma TI&M, die von den Bundesbahnen Aufträge in der Höhe von dutzenden Millionen bekommt. Gegenüber CH Media äusserten Mitbewerber und Ausschreibungsteilnehmer aus dem IT-Sektor hinter vorgehaltener Hand ihren Unmut über Jordis Verbandelung. Die Konstellation sei unsensibel, hiess es.

Die SBB wiesen entsprechende Vorwürfe zurück. Man habe umfassende Vorkehrungen getroffen, um mögliche Interessenkonflikte zu verhindern. So trete Jordi bei sämtlichen Geschäften, die mit TI&M zusammenhängen, in den Ausstand.

Nicht zum ersten Mal stehen die SBB wegen Verwaltungsratsposten ihrer Topmanager in der Kritik. Beim Unternehmen der öffentlichen Hand, das dem Beschaffungsrecht unterliegt und als Grundversorger einen gesetzlichen Auftrag hat, häufen sich heikle Konstellationen früherer oder aktueller Konzernleitungsmitglieder. Weitere Fälle betrafen jeweils Bahnmanager, die kurz vor oder unmittelbar nach ihrem Abgang bei Firmen anbandelten, die mit den SBB (zu) eng verbunden sind.

Fall Stöckli

Jürg Stöckli, Ex-Chef der SBB-Immobiliendivision.

Jürg Stöckli, Ex-Chef der SBB-Immobiliendivision.

Bild: zvg

Da ist zum Beispiel Jürg Stöckli. Als Leiter der Immobiliendivision sass er bis Ende 2018 in der SBB-Konzernleitung. Daraufhin wurde er unter anderem Verwaltungsrat beim Facility-Service-Dienstleister Vebego AG. Pikant: Die Bundesbahnen beauftragten nach einer öffentlichen Ausschreibung just dieses Unternehmen damit, die Toilettenanlagen in Grossbahnhöfen zu betreiben. CH Media machte den Fall im Herbst 2019 publik. Verfügte Stöckli über einen Informationsvorsprung? Er sei nicht ins Vergabeverfahren involviert gewesen und habe keinen Einfluss auf dessen Ausgang gehabt, betonten die SBB.

Trotz Kritik übernahm Stöckli weitere Verwaltungsratsmandate von Firmen aus der Baubranche, die Millionenaufträge von den SBB erhielten. Beim Immobilienriesen und Generalunternehmer Allreal etwa liess er sich ebenso ins oberste Führungsgremium wählen wie bei der Baugruppe Erne.

Fall Pilloud

Jeannine Pilloud, Ex-Chefin der SBB-Division Personenverkehr.

Jeannine Pilloud, Ex-Chefin der SBB-Division Personenverkehr.

Bild: Keystone

Bekannt geworden als «Mrs. SBB» leitete Jeannine Pilloud die Division Personenverkehr und amtete zuletzt bis 2019 als Delegierte für die Branchenentwicklung. Noch als SBB-Angestellte wurde sie in den Verwaltungsrat der IT-Consulting-Firma IPT gewählt. Das Unternehmen pflegte enge Geschäftsbeziehungen und profitierte von Aufträgen.

«Hat sie etwa schon während ihrer Zeit als Leiterin Personenverkehr Kundenprojekte für IPT akquiriert?», fragte der «Sonntagsblick», der den Fall Pilloud im Winter 2019 thematisierte. Die SBB sahen auch hier kein Problem und verwiesen wiederum auf ihre strengen Compliance-Vorgaben. Falls im Rahmen einer Verwaltungsratstätigkeit ein Geschäft besprochen werde, das den eigenen Arbeitgeber betrifft, müssten diese Personen in den Ausstand treten, beteuerte der Konzern.

Fall Meyer

Andreas Meyer, Ex-CEO der SBB.

Andreas Meyer, Ex-CEO der SBB.

Bild: Keystone

Nicht ganz nach Wunsch verliefen Andreas ­Meyers Karrierepläne. Kurz vor dem Rücktritt des langjährigen SBB-Chefs wurde im Winter 2019 ruchbar, dass er Verwaltungsrat beim Luzerner Start-up Axon Vibe werden will. Die Firma war mit den SBB eine Partnerschaft für eine Mobilitätsplattform eingegangen, umgekehrt beteiligten sich die Bundesbahnen mit fünf Prozent an ihr.

Bloss: Meyers Pläne hatte einen Beigeschmack. Denn Axon Vibe war nicht über seine Rücktrittspläne im Bild. Derweil sprachen die SBB explizit von einem privaten Mandat, Meyer werde beim Unternehmen nicht die Bahn vertreten. Nach Recherchen der «Sonntagszeitung» verzichtete Meyer auf den Posten – um nicht den Anschein zu erwecken, er missbrauche seine SBB-Funktion für künftige Tätigkeiten.