Das Corona-Virus erreicht die Schweiz: Trotz 70 Verdachtsfällen stuft der Bund das Risiko als «moderat» ein

Im Tessin hat sich ein 70-jähriger Mann mit dem Corona-Virus infiziert. Besonders Bern und Basel bangen noch wegen hängiger Tests.

Anna Miller und Gerhard Lob
Drucken
Teilen
Kurzfristige Information: BAG-Direktor Pascal Strupler (Mitte), Daniel Koch, Leiter Abteilung übertragbare Krankheiten (links), und Gregor Lüthy, Leiter Kommunikation beim BAG (rechts).

Kurzfristige Information: BAG-Direktor Pascal Strupler (Mitte), Daniel Koch, Leiter Abteilung übertragbare Krankheiten (links), und Gregor Lüthy, Leiter Kommunikation beim BAG (rechts).

Keystone

Die Schweiz hat ihren ersten bestätigten Fall: Ein 70-jähriger Mann wurde am Dienstag im Kanton Tessin positiv auf das Corona-Virus getestet. Der im Tessin wohnhafte Patient befindet sich derzeit in der Luganeser Privatklinik Moncucco. Das erklärte die Klinik in einer Medienmitteilung.

Andere Patienten seien nicht gefährdet; der Betrieb im Spital laufe normal, heisst es weiter. Dem infizierten Patienten gehe es den Umständen entsprechend gut und nach klinischen Erkenntnissen könnte er eigentlich wieder entlassen werden, sagte Kantonsarzt Giorgio Merlani an einer Medienkonferenz in Bellinzona. Nach dem positiven Testergebnis wird dies natürlich nicht passieren.

Nun wird abgeklärt, ob weitere Familienmitglieder oder Kontaktpersonen des Patienten ebenfalls infiziert sind. Seine Ehefrau hat ihn bei der Einlieferung ins Spital begleitet. Merlani lobte im Übrigen das Vorgehen in diesem Krankheitsfall: «Alles ist gemäss den Richtlinien perfekt abgelaufen.»

Nach dem Auftreten der ersten Symptome sei der Mann zu Hause geblieben und habe dann den Hausarzt kontaktiert. An 15. Februar hatte er eine Versammlung in der Nähe von Mailand besucht, am 17. Februar hatte er sich nach seiner Rückkehr ins Tessin nicht wohlgefühlt. In den Folgetagen hatte er teils auch sehr hohes Fieber. Am Montag war er hospitalisiert worden.

Am Dienstag kam dann das positive Testergebnis aus Genf. Daniel Koch, Leiter Abteilung Übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), sagte an der Pressekonferenz in Bern, man habe einen solchen ersten Fall erwartet.

«Jetzt ist er eingetroffen. Und nun gilt es, das zu tun, was wir vorbereitet haben.»

Sämtliche Personen, die mit der infizierten Person in Kontakt waren, würden nun eruiert und in Quarantäne genommen – für mindestens 14 Tage. Im Verdachtsfall würden sie isoliert und getestet. «So versuchen wir, Übertragungsketten zu eruieren und gegebenenfalls zu stoppen», sagte Koch weiter.

Bund geht von weiteren Fällen in der Schweiz aus

Das Bundesamt für Gesundheit hält weiterhin daran fest, dass sich die Schweiz in einer «normalen Lage» befände. Das Risiko sei weiterhin als «moderat» einzustufen. Sobald man in der Schweiz den Eindruck habe, die Lage sei nicht mehr unter Kontrolle – das heisst, die Ansteckungen nehmen unkontrolliert ihren Lauf, ohne dass man nachvollziehen könnte, welchen Weg sie nehmen– werde man die Strategie ändern. Weitere Fälle sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht bekannt – doch über 70 Verdachtsfälle sind noch in Abklärung.

Pascal Strupler, Direktor des BAG, geht davon aus, dass weitere Fälle in der Schweiz auftreten werden. Die medizinischen Einrichtungen seien jedoch darauf vorbereitet. Die Auswertung der Tests aus dem Genfer Labor wird in den nächsten Stunden erwartet. Im Kanton Tessin seien noch fünf bis sechs Fälle offen.

«Jeder positive Test muss immer auch noch im Referenzlabor in Genf bestätigt werden.»

Damit das BAG einen Fall bestätigen kann, braucht es trotz Labor-Kapazitäten in den Kantonen immer eine doppelte positive Bestätigung aus Genf. Wie viele Verdachtsfälle in den einzelnen Kantonen noch offen sind, konnte das BAG auf Anfrage nicht genau beantworten.

Doch in den Kantonen Bern und Basel seien noch «viele Tests hängig». Solange man nicht wisse, wie viele Menschen sich schweizweit mit dem Corona-Virus infizieren würden, könne man auch nicht von einem «Patienten 0» sprechen, heisst es beim Bund. Das BAG informierte heuer überraschend dringlich und kurzfristig, bereits während der Pressekonferenz in Bern waren die Tessiner Kollegen live zugeschaltet, worauf das BAG auch gerne hinwies.

Man teilte mit, man stehe in regem Kontakt mit den Behörden, Kantonsärzten und Ministerien. Rudolf Hauri, Präsident der Kantonsärztevereinigung, hatte im «Tagesanzeiger» Vorwürfe zur Kommunikation der Bundesbehörden erhoben. Die Kantone würden zu spät über die aktuellen Entwicklungen informiert.

Das BAG widerspricht dieser Schilderung. Man stehe mehrmals täglich mit den Kantonsärzten in Kontakt, schriftlich und per Telefonkonferenz. «Doch mit Kantonen, die derzeit nicht besonders betroffen sind, treten wir nicht immer unmittelbar in Kontakt», sagte BAG-Direktor Pascal Strupler.

Der Bundesrat war an der Medienorientierung dagegen abwesend. Alain Berset traf sich auf Einladung Italiens in Rom mit den Gesundheitsministern von Italien, Frankreich, Deutschland, Österreich, Kroatien und Slowenien, um «die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Kampf gegen die Ausbreitung des Corona-Virus zu verstärken», wie es in einer Medienmitteilung.

Bei Reisen Vorinformationen einholen

Der enge Kontakt auf Ministerebene werde fortgeführt. Bei Reisen Vorinformationen einholen – Tessin weiterhin sicher Das BAG hatte bereits am Montag angekündigt, man wolle Grenzgänger mit Flyern und Plakaten zu Hygienemassnahmen anhalten.

Die Informationskampagne des Bundes steht laut Daniel Koch in den Startlöchern. Flyer und Plakate müssten noch gedruckt werden, was sicher noch 24 Stunden dauere. Auch an den Flughäfen findet eine Informationsoffensive statt, und auch die breite Bevölkerung soll mit einer Kampagne erreicht werden.

Die Hotline (058 463 00 00) in allen Landessprachen wird verstärkt, Tests mit grippeähnlichen Symptomen in der Schweiz werden intensiviert. Das Personal der Grenzwache und des öffentlichen Verkehrs soll besonders instruiert werden. Davon abgesehen haben die Schweizer und Tessiner Behörden trotz der Ausbreitung des Corona-Virus im nahen Norditalien nur sanfte Massnahmen beschlossen.

Es gibt weiterhin keine Einschränkungen für öffentliche Veranstaltungen, Schulen, Bars oder Restaurants. Auch eine Absage von Karnevals- oder Sportveranstaltungen ist nicht vorgesehen. Von einer Schliessung der Grenzen zu Italien oder gar der Schliessung des Gotthards ist bisher von offizieller Seite keine Rede. Einzelne, rechtskonservative Politiker hatten die Gunst der Stunde Anfang Woche genutzt, um für die anstehende Abstimmung über die Begrenzungsinitiative zu weibeln.

Derweil breitet sich das Corona-Virus in Italien auf immer mehr Regionen aus. Die Zahl der Infizierten stieg bis Dienstagmittag auf rund 280. Die italienische Regierung hat drastische Massnahmen gegen das Virus ergriffen.

Elf Ortschaften, zehn in der Lombardei und eine in Venetien, wurden abgeriegelt. Der Karneval in Venedig wurde abgebrochen, Fussballspiele und andere Grossveranstaltungen wurden abgesagt. Schulen und Universitäten in allen betroffenen Regionen bleiben vorerst geschlossen.

Weltweit ist die Anzahl Toter auf über 2600 gestiegen, über 80'000 Menschen sind infiziert. UNO-Generalsekretär Antonio Guterres rief zu einem entschlossenen Kampf gegen das Corona-Virus auf. Die WHO fordert Mittel in Höhe von 675 Millionen Dollar für die Bekämpfung des Virus.

Mehr zum Thema