Damit Italienisch sein Gewicht behält

In Zürich wird heute das «Forum für den Schutz der italienischen Sprache in der Schweiz» gegründet. Es soll dem Bedeutungsverlust dieser Sprache entgegenwirken.

Gerhard Lob
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Der frischgebackene Ständeratspräsident Filippo Lombardi ist Tessiner und damit italienischsprachig. Er hat angekündigt, die Sitzungen der kleinen Kammer in italienischer Sprache führen zu wollen – ein kleiner symbolischer Akt, der aufzeigen soll, dass Italienisch gemäss Bundesverfassung eine offizielle Landessprache ist.

Tatsächlich geht das Bewusstsein für diesen Umstand zusehends verloren. «Die Schweiz ist heute zweisprachig: Deutsch und Französisch sind de facto die einzig offiziellen Sprachen des Landes, wobei sich sogar das Französische in gewissen Schwierigkeiten befindet», sagt SP-Regierungsrat Manuele Bertoli, Direktor des Tessiner Erziehungsdepartements.

Zur Regionalsprache degradiert

Das Italienische werde zur Regionalsprache degradiert, die in diversen Teilen der Schweiz gesprochen werde. Dies sei der Grund, warum der Kanton Tessin im Juli 2012 die Initiative für ein «Forum für den Schutz der italienischen Sprache in der Schweiz» ergriffen habe. Dieses Forum soll eine gemeinsame Strategie entwickeln, um den Stellenwert des Italienischen als Landessprache zu stärken: «Wir wollen die Kräfte bündeln, damit nicht jeder an einem eigenen Strang zieht.»

Der Aufruf zum Forum löste bei den interessierten Kreisen ein grosses Echo aus. Die Zusagen reichten von der Universität der italienischen Schweiz über das italienische Kulturinstitut in Zürich, diverse Schriftstellervereinigungen und Bildungsinstitutionen bis zum Kanton Graubünden und der italienischen Botschaft in Bern. Heute findet nun die offizielle Gründungsversammlung statt. Mit dem Schweizerisch-Italienischen Kunstgymnasium in Zürich hat man einen symbolträchtigen Ort gewählt.

Weniger Anziehungskraft

Die Schwierigkeiten des Italienischen spiegeln sich in den Schulen der Deutschschweiz. So bieten längst nicht mehr alle Kantone Italienisch als Grundlagenfach in den Gymnasien an, wie es gemäss dem Maturitätsanerkennungsreglement eigentlich Pflicht wäre. Ob in Obwalden, Basel oder St. Gallen: Dies sorgt immer wieder für Zündstoff. Doch unabhängig vom Angebot übt das Italienische weniger Anziehungskraft auf die Schüler aus als auch schon. «Das Interesse ist zurückgegangen», bestätigt Sonia Ehnimb-Bertini, die an der Kantonsschule Limmattal in Urdorf Italienisch unterrichtet. Vor allem Spanisch hat sich als Konkurrent etabliert.

Ein Dauerbrenner ist der Bedeutungsverlust des Italienischen bei den – wenigen – italienischsprachigen Parlamentariern in Bundesbern. Daher lancierten sie dieses Jahr den «Gruppo interparlamentare italianità», dem mittlerweile 41 National- und Ständeräte angehören. Diese parlamentarische Gruppe, welche die Präsenz der italienischen Sprache und Kultur in der Schweiz stärken will, wird von den Nationalräten Silvia Semadeni (SP/GR) und Ignazio Cassis (FDP/TI) gemeinsam präsidiert.

Posten als Alibiübung

Zur angestrebten Stärkung gehören auch Massnahmen, um den Anteil von Italienischsprachigen in der Bundesverwaltung zu erhöhen. Ein schwieriges Unterfangen. Der Rücktritt des ersten Delegierten für Mehrsprachigkeit, Vasco Dumartheray, der in diesen Tagen das eidgenössische Personalamt offiziell verlässt, hat dies deutlich gemacht. Der Posten erwies sich als Alibiübung. «Gerade in den Bundesämtern will man sich bei der Stellenbesetzung nicht von einem Delegierten dreinreden lassen», bilanziert Nationalrat Ignazio Cassis. Daher soll nun ausgelotet werden, wie die Stelle des Delegierten für Mehrsprachigkeit mehr Profil und Einfluss erhalten kann.

Erhebungen zur Personalsituation in der Bundesverwaltung haben indes ergeben, dass der Anteil von Italienischsprachigen und Rätoromanen nicht ganz so tief ist, wie von den Minderheiten immer wieder behauptet wird. Allerdings finden sich deren Vertreter häufig in untergeordneten Positionen oder in den Sprach- beziehungsweise Übersetzungsdiensten. Dazu kommt, dass eine Reihe dieser Angestellten – insbesondere Secondos – zweisprachig ist und im beruflichen Alltag nur Deutsch oder Französisch benutzt.

Keine Lust auf Bern

Zudem liegen die Probleme nicht allein in Bern. Es hat sich gezeigt, dass beispielsweise immer weniger Tessinerinnen und Tessiner Lust haben, sich in Bern zu bewerben. Darauf hat Mauro Dell'Ambrogio, Staatssekretär für Bildung und Forschung, wiederholt aufmerksam gemacht. Als einer der wenigen Tessiner hatte er den Mut, auch diese Wahrheit beim Namen zu nennen.

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