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CVP-Bundesratskandidatin Heidi Z'graggen – die Gipfelstürmerin

Die Urner Bundesratskandidatin Heidi Z’graggen hat weniger als zwei Wochen Zeit, um das Parlament von ihren Qualitäten zu überzeugen. Punkten kann sie mit einem Milliardenprojekt – und ihrer Authentizität.
Anna Wanner
Will Bundesrätin werden: Heidi Z'graggen. (KEYSTONE/Urs Flueeler).

Will Bundesrätin werden: Heidi Z'graggen. (KEYSTONE/Urs Flueeler).

Heidi Z’graggen blickt gerne aus dem Fenster. Von ihrem Zuhause aus sieht sie die schroffen Berge des Urner Reusstals. «Unser Kanton prägt uns sehr», sagt die 52-Jährige. «Die Berge lehren uns Vorsicht.» Gleichzeitig sieht sie auch die Strassen und Züge, die Jahrhunderte alte Handelsroute über den Gotthard. Ein Sinnbild für die Offenheit.

Aufgewachsen in Silenen (510 Meter über Meer) ging Z’graggen häufig «z’Berg», auf den Bristenstock (3072 Meter über Meer), wo ihr Vater, ein Strahler, nach Bergkristallen suchte. «Der Bristenstock bedeutet uns viel. Er bedeutet Heimkommen, weil er das Reusstal abschliesst. Er bedeutet aber auch Ausblick und Weitblick.» Und er habe sie gelehrt, sich in einer unwirtlichen Umwelt zu bewegen. Tritt für Tritt gehen, um ans Ziel zu kommen. Ihre Kandidatur für den Bundesrat vergleicht sie mit einer Bergtour. Nach eher flachen Passagen stehe sie nun vor dem Aufstieg zum Gipfel. «Das ist eine durchaus anspruchsvolle Passage, die da vor mir liegt», sagt sie. Dass Z’graggen gar nie auf dem Gipfel ankommen könnte, ist kein Thema.

Dabei ist sie als Regierungsrätin die Aussenseiterin im Rennen um die Nachfolge von Doris Leuthard. Konkurrentin Viola Amherd ist im Vorteil, weil sie im Parlament bekannt ist. Z’graggen hat mittlerweile in Bern ein Hotel bezogen. Sie will bei früheren Regierungsräten anknüpfen, die im Bundeshaus politisieren und die sie aus der Konferenz der Kantonsregierungen kennt. Auch dass sie Mitglied des CVP-Parteivorstands war, kann ihr helfen. Vor allem aber kann Z’graggen mit Exekutiv-Erfahrung punkten — und mit einem Milliardenprojekt, das sie mit ihren Kollegen in Rekordzeit umgesetzt hat: Die Ski- und Hotelanlage Andermatt Swiss Alps des ägyptischen Investors Samih Sawiris.

Natürlich ist es nicht das einzige Projekt von Justizdirektorin Z’graggen. Dieses Jahr hat der Golzernsee einen Steg erhalten, damit die vielen Fusstritte der Besucher das Flachmoor nicht kaputt machen. Und ein Teilstück des alten Säumerwegs über den Gotthard ist saniert worden.

Aufgrund ihres Engagements im Umweltbereich hat der Bundesrat Heidi Z’graggen vor einem Jahr zur Präsidentin der Eidgenössichen Natur- und Heimatschutzkommission ernannt. Wieso trotzdem alle nur von Andermatt reden? Es macht eben einen Unterschied, ob eine Regierungsrätin Projekte für einen Holzsteg oder einen Säumerpfad im Umfang von 70'000 oder 175'000 Franken umsetzt oder eine 2-Milliarden-Kiste schaukelt.

Frauen reissen aus

Heidi Z’graggen weiss, wie schwierig es sein wird, in nur zwei Wochen Bekanntschaft mit 246 Parlamentariern zu machen und Vertrauen zu schaffen. Doch die eigene Fraktion konnte sie vor Wochenfrist mühelos von ihren Qualitäten überzeugen. Wieso sollte dies bei anderen nicht gelingen? Weggefährten beschreiben sie als zielstrebig. Als hartnäckig, aber nicht stur. «Mit Sturheit lassen sich keine Kompromisse finden», sagt die promovierte Politologin. In der Schweiz seien diese aber zwingend nötig. Sonst funktioniere die Konkordanz nicht. Der typisch schweizerische Prozess der Lösungsfindung taucht ständig in ihren Reden auf. Z’graggen ist ein Fan der Institutionen, die Konkordanz ihr Lieblingsthema.

Politisch will sie sich nicht «schubladisieren» lassen. Was die Natur betrifft, ist sie bewahrend. Was Gesellschaft und Wirtschaft betrifft, ist sie offen. Müsste sie sich doch für etwas entscheiden, wäre es die Offenheit. Diese habe sie von den Frauen in der Familie geerbt, von der Grossmutter und der Tante, die ausgeschweift sind, um zu arbeiten. «Sie haben uns die neuen Ideen nach Hause gebracht.» Auch Z’graggen, die als Lehrerin arbeitete, wollte irgendwann mehr: mehr Wissen. Das Studium führte sie nach Genf und Bern, wo sie eine Dissertation über die Professionalisierung von Parlamenten schrieb. Wie ihre Grossmutter ist auch Z’graggen nach Uri zurückgekehrt. Seit 14 Jahren wirkt sie als Regierungsrätin. Vor vier Jahren erklärte sie als Frau Landammann der Bevölkerung: «Das Neue kommt sowieso, es macht keinen Sinn, sich dagegen zu stemmen. Wir sollten besser einen Nutzen daraus ziehen.»

Das ist in einem Kanton, der nur 1,6 Prozent Siedlungsfläche hat, gar nicht so einfach. Die Regierung entwirft derzeit neue Pläne, wie dieser knappe Raum am besten aufgeteilt wird. Denn nebst dem Wohnraum, welchen die 33'000 Bewohner für sich beanspruchen, brauchen auch Autobahn, Zuglinien, der lokale Verkehr und das Gewerbe ihren Platz.

Das Neue kam in Form des Grossinvestors. In den 90er Jahren, als sich Armee, Ruag und SBB aus Uri zurückzogen, kämpfte der Kanton gegen Abwanderung, gegen eine strukturelle Krise. Sawiris erwischte einen guten Zeitpunkt. Das Unternehmen Andermatt Swiss Alps betreibt Bergbahnen und Hotels und beschäftigt 600 Personen. Rund 500 Stellen konnten neu geschaffen werden.

Wenn sich heute kaum eine kritische Stimme zum Projekt finden lässt, hat das zwei Gründe: Erstens bot das Mega-Projekt vielen Urnern eine Perspektive. Zweitens schaffte es die damals neue Regierungsrätin, alle Parteien an den Tisch zu holen und mögliche Konflikte sofort zu diskutieren, ohne sie eskalieren zu lassen oder später nochmals bereinigen zu müssen. Auch der Geschäftsführer des Landschaftsschutzes Schweiz, Raimund Rodewald, stellt ihr ein gutes Zeugnis aus: Er empfiehlt dem Parlament, Z’graggen eine Chance zu geben.

Selbst überschätzt

Dabei waren die Urner von ihrer Regierungsrätin nicht immer so begeistert. 2010 erlitt Z’graggen eine Schlappe, als sie für den Ständeratssitz kandidierte, aber gegen den farblosen Markus Stadler unterlag. Sie hatte sich überschätzt: Sie hätte trotz neuer Aufgabe Regierungsrätin bleiben wollen. Die Urner goutierten diesen Machtanspruch nicht.

Die Beratungsresistenz im Vorfeld der Ständeratswahlen und das Schmücken mit fremden Federn (in Bezug auf das Projekt Andermatt) sind die stärksten Vorwürfe, die heute noch gegen sie laut werden. Nein, sie hat den Sawiri-Deal nicht eingefädelt. Sie hat aber entscheidend darauf hingewirkt, dass das Projekt so schnell und unkompliziert umgesetzt werden konnte. Der konkordanten Lösungsfindung sei dank. «Es war anstrengend, es war schwierig», sagt Z’graggen, «aber am Schluss haben alle unterschrieben.»

Längst haben die Urner die Reihen hinter ihrer Kandidatin geschlossen. Der Gesamtregierungsrat und der ganze Kanton stehe hinter Heidi Z’graggen, sagt Landammann Roger Nager (FDP). «Wir sind stolz, eine so gute Kandidatin zu haben.» Jetzt hoffen sie alle. «Iseri Heidi» wäre die erste Urner Vertretung im Bundesrat. Zwar hätte 1891 der katholisch-konservative Gustav Muheim eine Chance gehabt, den Sprung nach Bern zu schaffen. Er wollte aber seine Heimat nicht verlassen. «Heute sind wir besser vernetzt und an den ÖV angeschlossen», sagt Nager und lacht. Der Kanton bereitet bereits die Bundesratsfeierlichkeiten vom 13. Dezember vor.

Denn der Bundesratssitz ist in Griffweite und Z’graggen fest entschlossen. Heimweh nach Bristenstock oder Wildgällen kann aber bei ihr nicht ausgeschlossen werden.

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