Coronamassnahmen
Jürg Utzinger: «Wir werden noch lange mit dem Virus leben müssen»

Wird Covid-19 für immer bleiben? Für Jürg Utzinger, Direktor des Public-Health-Instituts, ist das ein realistisches Szenario.

Reto Fehr, Watson.ch
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Jürg Utzinger, Direktor des Public-Health-Instituts.

Jürg Utzinger, Direktor des Public-Health-Instituts.

bz Zeitung für die Region

«Zero Covid» wird immer mal wieder als Ziel genannt. Dass das Sars-CoV-2-Virus aber jemals wieder ganz verschwindet, ist unklar – trotz Impfungen. Es ist gut möglich, dass das Virus endemisch wird, also für immer unter uns bleibt wie andere Coronaviren oder ­Influenza. Wir haben bei Professor Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts), nachgefragt.

Wird das Sars-CoV-2-Virus, das Covid-19 auslöst, je wieder ganz verschwinden?

Jürg Utzinger: So wie sich die Pandemie im vergangenen Jahr entwickelt hat, dürfen wir leider nicht davon ausgehen, dass dies in der nahen Zukunft passiert. Im Gegenteil, wir werden noch lange mit dem Virus leben müssen.

Warum?

Man hat zu spät reagiert und verpasst, das Virus im Ursprungsgebiet frühzeitig einzudämmen. Allerdings ist das Virus auch perfid. Es hat eine hohe Reproduktionsrate, wird einfach von Mensch zu Mensch übertragen, und man kann ohne Symptome Träger des Virus sein. Darum sah man wohl auch zu Beginn nur die Spitze des Eisbergs, als das Virus bereits auf dem Vormarsch war.

Hätte man das verhindern können?

Im Nachhinein ist man immer schlauer. Mit grosser Wahrscheinlichkeit sprang das Virus von einem Tier auf den Menschen über. Es wurde dann relativ einfach weitergegeben und breitete sich schnell aus. Mit der Globalisierung und hohen Mobilität der Menschen war dann bald die ganze Welt betroffen.

Eine im Januar veröffentlichte Studie aus Atlanta zeigt auf, wie das Virus endemisch werden und in Zukunft nur noch harmlose Erkältungen verursachen könnte. Was halten Sie davon?

Das ist für mich ein durchaus plausibles Szenario. Die Studie basiert auch auf Annahmen und Modellierungen, aber insgesamt berücksichtigten die Forschenden viele wichtige Punkte, auch im Vergleich mit anderen bereits zirkulierenden Coronaviren.

Das sind gute Neuigkeiten.

Auf lange Sicht vielleicht. Aber so schnell geht das alles nicht. Ich gehe davon aus, dass mehrere Jahre vergehen könnten, bis das Sars-CoV-2-Virus endemisch wird.

Können Sie einen genaueren Zeithorizont geben?

Nein, da spielen zu viele Faktoren mit rein, insbesondere auch unser Verhalten und wie schnell es uns gelingt, die Bevölkerung mit wirksamen Impfstoffen zu versorgen.

Gemäss der Studie würden sich dann in Zukunft kleine Kinder erstmals infizieren. Mit jeder weiteren Infektion werden die Verläufe milder. Das neuartige Coronavirus verliert seinen Schrecken. Wie wahrscheinlich ist das?

Ich gehe auch davon aus, dass sich mit jeder Infektion eine Teilimmunität aufbaut, sich dadurch bei weiteren Infektionen schwere Krankheitsverläufe verringern und die Mortalität sinkt.

Aber aktuell weiss man noch nicht, wie lange so ein «Schutz» nach einer Infektion überhaupt wirkt.

Genau, das ist noch unklar. Wir gehen aber aufgrund aktueller Daten nicht davon aus, dass ein lebenslanger Schutz bleibt. Normalerweise bleibt ein Teilschutz, da eine gewisse Immunreaktion schon mal ausgelöst wurde. Es ist wie wenn ein «Gedächtnis» aufgebaut wird, und somit eine Abwehrreaktion einsetzt bei einer neuen Infektion.

Was spielen die Mutationen da für eine Rolle?

Hier bleibt eine grosse Unsicherheit bestehen, und die grosse Dynamik mit schneller Verbreitung von zahlreichen Mutationen macht uns grosse Sorgen. Besonders gefürchtet sind Mutationen, die einfacher übertragen werden können und gegen die die neuen Impfstoffe weniger wirksam sind.