Analyse

Corona-Virus: Notenbanken im Alarmzustand

Währungshüter in USA und Australien senken Leitzins aus Angst vor dem Corona-Virus. Der Dollar fällt, Euro-Franken (noch) stabil.

Daniel Zulauf
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Daniel Zulauf

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Die Notenbank der weltgrössten Volkswirtschaft reagiert auf die Virus-Panik: Am Dienstagabend Schweizerzeit gab das amerikanische Federal Reserve eine ausserplanmässige Senkung des Leitzinses um 0,5 Prozentpunkte auf 1 bis 1,25 Prozent bekannt. Wenige Stunden zuvor hatte die Zentralbank Australiens eine Leitzinssenkung in gleicher Höhe mitgeteilt. Die Verbreitung des Coronavirus entfalte Risiken für die wirtschaftliche Aktivität im Land, begründete das Fed die Massnahme in einem kurzen Communiqué. Sie sei auf die Sicherstellung einer maximalen Beschäftigung und auf die Wahrung der Preisstabilität ausgerichtet. Man verfolge die weitere Entwicklung eng und werde im Bedarfsfall die verfügbaren Instrumente einsetzen und angemessen handeln, um die Wirtschaft zu unterstützen, heisst es in der Mitteilung des Fed.

In den USA wurden bis Dienstag erst rund 100 Personen positiv auf das Virus getestet. Es gab sechs Todesfälle. Die Hälfte von ihnen sind Rückkehrer einer Asienreise auf dem Kreuzfahrtschiff Diamond Princess. Die japanischen Behörden hatten das Schiff bis zum 19. Februar in eine zweiwöchige Quarantäne gesetzt und damit mutmasslich viele Neuansteckungen provoziert. Vor dem Hintergrund der noch sehr geringen Virus-Ausbreitung in den USA kommt die scharfe Reaktion der US-Notenbank ziemlich überraschend. Umso mehr, als das Fed der US-Wirtschaft unverändert «fundamentale Stärke» attestiert.

Welche Massnahmen trifft Nationalbank-Präsident Thomas Jordan wegen des Corona-Virus?

Welche Massnahmen trifft Nationalbank-Präsident Thomas Jordan wegen des Corona-Virus?

Anthony Anex / KEYSTONE

Für den US-Präsidenten Donald Trump macht das Fed aber immer noch viel zu wenig: Via Twitter forderte er gestern umgehend weitere Leitzinssenkungen und vor allem eine Angleichung des amerikanischen Zinsniveaus an jenes anderer Länder die mit Amerika im Wettbewerb stehen. Die USA kämpfe nicht mit gleich langen Spiessen. «Es ist endlich Zeit für das Fed die Führung zu übernehmen».

Im US-Dollar ist die starke Aufwertungsbewegung der vergangenen zehn Tage abgebrochen. Der Greenback verlor gegenüber dem Euro deutlich an Wert. Auch im Vergleich zum Franken büsste die US-Valuta am Dienstag kurzzeitig viel Boden ein und sank auf den Stand von 95 Rappen pro Dollar. Doch dann kam es zu einer Gegenbewegung, die vermutlich durch umfangreiche Dollar- und Euro-Käufe der Nationalbank erzwungen wurde. Der Euro hat sich bis Mittwochmorgen sogar vom kurzzeitigen Tief von unter 1.06 Franken auf über 1,07 Franken aufgewertet.

Die mutmasslichen Nationalbank-Interventionen zielen darauf ab, den Geldstrom in den sicheren Schweizer Hafen zu bremsen. Wie lange die Nationalbank den Dammbruch verhindern kann bleibt abzuwarten. Die Europäische Zentralbank hat ihre Handlungsbereitschaft bereits angekündigt. Allerdings ist der Spielraum für Zinssenkungen der EZB weit weniger gross als im Fed. Denn der Satz für Geschäftsbankeinlagen liegt bereits bei minus 0,5 Prozent. Dennoch rechnen Ökonomen damit, dass die EZB den Satz noch weiter senken könnte. Zudem wird spekuliert, dass die EZB die Bedingungen für Anleihenkäufe weiter lockern und den Geschäftsbanken weitere riesige Gratisgeldspritzen verabreichen könnte.

Das alles verheisst nichts Gutes für die Schweizerische Nationalbank. Sie muss sich darauf vorbereiten den Leitzins von aktuell minus 0,75 Prozent noch tiefer in negatives Territorium stossen zu müssen, um die Flucht in den Franken zu bremsen.

«Das Corona-Virus hat die konjunkturellen Risiken erhöht», teilte die Nationalbank auf Anfrage mit. «Falls sich das internationale Umfeld eintrüben würde, hätte das Auswirkungen für die Schweiz als kleine, offene Volkswirtschaft.» Mit einer Eintrübung des internationalen Umfeldes rechnen inzwischen die meisten Konjunkturauguren. Das Seco will die eigene Wachstumsprognose von derzeit 1,7 Prozent für das laufende Jahr am 17. März nach unten korrigieren. Die OECD warnte am Montag, dass sich das Wachstum der Weltwirtschaft halbieren könnte. Die

Gleichzeitig gibt es bereits verschiedene Anzeichen dafür, dass das Virus zu einem Anstieg der Preise führen könnte. Von einer anziehenden Inflation ist dank der stark gefallenen Rohölpreise zwar noch kaum etwas zu erkennen. Doch in einzelnen Produktsegmenten, wie etwa in der Elektronik, machen haben die erschwerten Lieferbedingungen aus Asien bereits Knappheitserscheinungen zur Folge.

Noch gehen die meisten Ökonomen davon aus, dass es sich dabei um ein kurzfristiges Phänomen handelt. Doch wenn der Zustand sinkenden Wachstums und steigender Preise über längere Zeit anhält, werden die Notenbanken definitiv mit den Grenzen ihrer Möglichkeiten konfrontiert. Um das Wachstum anzukurbeln müssten sie dem Wirtschaftskreislauf noch mehr ultrabilliges Geld zuführen. Damit aber nähmen sie das Risiko in Kauf, die Geldentwertung weiter zu beschleunigen. Umgekehrt müssten sie bei einer Verknappung der Geldversorgung mit negativen Folgen für das ohnehin schon schwache Wirtschaftswachstum rechnen.

Soweit ist die derzeitige Krise allerdings noch lange nicht gediehen. Allerdings zeigte die US-Aktienbörse gestern trotz der Leitzinssenkung eine negative Reaktion. Das Dow-Jones-Kursbarometer sank um fast 3 Prozent. Dies kann als Hinweis gedeutet werden, dass selbst bei den Investoren der feste Glaube an die Wunderheilkräfte der Notenbanken zu erodieren beginnt.

Die Leitzinssenkung sei eine gute Sache, kommentierte ein amerikanischer Bankökonom die Aktion des Fed. Doch die Massnahme zeige auch klar, dass die Investoren mit ihrer Sorge um das Wirtschaftswachstum und die Entwicklung der Unternehmensgewinne richtig lagen. Die Notenbanken machen derzeit gerade eine selten gewordene Erfahrung. Noch vor wenigen Tagen sagte Claudio Borio, Chefökonom der Basler Bank der Zentralbanken, BIZ, mit Blick auf die Corona-Panik: «Eines ist sicher, die Finanzmärkte warden weiter im Takt der News tanzen - und der Behörden, die drauf antworten.» Mindestens am Dienstag waren das Fed und die US-Börse aber nicht im Takt. Das ist vielleicht auch nicht verwunderlich. Denn schliesslich können auch tiefe Leitzinsen die Menschen nicht zurück an die Arbeit bringen, wenn sie sich zu Hause vor dem Virus schützen.