Ab heute sind die Schulen geschlossen: Corona-Virus-Aufstand der Tessiner Gemeinden

Der Kanton Tessin hat eine Weiterführung der obligatorischen Schulen verordnet. Doch wichtige Gemeinden wie Lugano und Locarno heben die Schulpflicht für die Gemeindeschulen auf.

Gerhard Lob, Lugano
Hören
Drucken
Teilen
Verlassene Pausenräume, leere Schulzimmer: Im Tessin heben Städte die Schulpflicht auf. (Symbolbild)

Verlassene Pausenräume, leere Schulzimmer: Im Tessin heben Städte die Schulpflicht auf. (Symbolbild)

Keystone

Die Tessiner Städte Lugano und Locarno heben die Schulpflicht ab diesem Freitag bis vorläufig 29. März auf. Zugleich werden die Gemeindeschulen – Kindergärten und Primarschulen - aber nicht geschlossen, sondern ein Basisbetrieb aufrechterhalten. Damit soll Familien mit erwerbstätigen Eltern eine Betreuung der Kinder garantiert werden, insofern diese nicht selbst organisiert werden kann.

Diesen Entscheid gab der Stadtpräsident von Lugano, Marco Borradori, gestern Nachmittag in einer Medienkonferenz bekannt. Das heissst: Wer die eigenen Kinder nicht in die Gemeindeschulen schicken will, muss es nicht tun.

Damit ist genau das Szenario eingetreten, vor dem der kantonale Erziehungsdirektor Manuele Bertoli am Vorabend eindringlich gewarnt hatte. «Wir wollen nicht, dass jede Gemeinde ihr eigenes Süppchen kocht», hatte er im Rahmen der Pressekonferenz gesagt, welche die Weiterführung der obligatorischen Schulen im Sinne einer sanitären Massnahme anordnete, um eine Ansteckung unter Generationen mit dem Coronavirus zu vermeiden.

Stadt sah sich zum Handeln gezwungen

In diesem Sinne hatte sich auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) geäussert. Einzig die postobligatorischen Schulen wurden geschlossen. Befürchtet wird nämlich, dass häufig Grosseltern zu Betreuungsaufgaben der Kinder herangezogen werden, und damit Personen, die besonders anfällig für eine Ansteckung sind.

Doch alle Argumente halfen nichts. Laut Borradori ist der Druck von Seiten der Eltern so gross geworden, dass sich die Stadt Lugano gezwungen sah, einen anderen Weg einzuschlagen, auch wenn der ausgerufene Notstand dies eigentlich nicht zulässt. In einigen Klassen der Kindergärten hätten bereits 44 Prozent der Kinder gefehlt, sagte Borradori. Tendenz steigend. Zudem fehle es an Lehrern, die teilweise krankgeschrieben seien.

Im Moment sei es unmöglich, Stellvertretungen zu finden. Genau wie Lugano und Locarno hat auch die Gemeinde Cadenazzo reagiert. Andere Gemeinden dürften wohl folgen. Damit wird der reguläre Schulbetrieb vorläufig nur in der Oberstufe (Scuola media) aufrechterhalten, deren Schulen dem Kanton direkt unterstehen. Auch dieser Schulzweig steht unter Druck besorgter Eltern.

Die Gewerkschaft VPOD, welche die Lehrer vertritt, verlangte, das Schulobligatorium auch für die Oberstufe aufzuheben und den Schulbesuch fakultativ zu machen.

Ärzte fordern Schliessung aller Schulen

Das Erziehungsdepartement hatte am Vormittag noch eine positive Bilanz gezogen. Gemäss den ersten Erhebungen fehlten nur zirka 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler auf obligatorischer Stufe. Dies war als Zeichen gewertet worden, dass die Öffnung der Schulen von einer grossen Mehrheit der Eltern mitgetragen werde. Allerdings war die Kritik seit Bekanntgabe der Massnahme nicht verebbt.

Die Tessiner Ärztevereinigung forderte beispielsweise eine Schliessung aller Schulen. Aus epidemiologischer Sicht müsse man dann ein Betreuungsangebot auf die Beine stellten, damit die Gefahr einer intergenerationalen Ansteckung möglichst gering sei.

Derweil hat der ausgerufene Notzustand im Tessin dazu geführt, dass alle Museen, Schwimmbäder, Spielbanken, aber auch ein riesiges Outlet-Center wie Foxtown in Mendrisio geschlossen haben. Einige Restaurants haben wegen des Coronavirus ihren Betrieb eingestellt.

Die Karprozessionen von Mendrisio wurden wie viele weitere Veranstaltungen bereits abgesagt. Die Hotellerie befindet sich im Krebsgang. Allerdings ist die Situation im Tessin noch nicht so extrem wie im benachbarten Italien, wo es praktisch zu einem generellen Shutdown kam und auch die Bewegungsfreiheit der Bürger stark eingeschränkt ist.