Interview

Corona-Task-Force-Epidemiologin: «Ich würde momentan nicht in einem Restaurant essen»

Nicola Low, Expertin in der Task Force des Bundesrates, sagt, man könne nicht warten, bis die Spitäler wieder voll seien. Handeln müsse man jetzt. Im Interview erklärt sie, was mit den immer stärker steigenden Coronazahlen wichtig wird.

Sarah Serafini / Watson
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Grossveranstaltungen verbieten und Restaurants und Bars meiden, sagt Epidemiologin Nicola Low, Mitglied der wissenschaftlichen Corona-Task-Force des Bundesrates.

Grossveranstaltungen verbieten und Restaurants und Bars meiden, sagt Epidemiologin Nicola Low, Mitglied der wissenschaftlichen Corona-Task-Force des Bundesrates.

Keystone

Frau Low, die Zahl der neuen Corona-Infektionen steigt täglich, doch die Massnahmen werden kaum verschärft. Rasen wir gerade kopfvoran in eine zweite Welle?

Nicola Low: Ich finde den Begriff «zweite Welle» nicht hilfreich in diesem Kontext. Ob es eine Welle war, wissen wir erst im Nachhinein. Was wir derzeit sehen, ist, dass die Corona-Neuinfektionen stark zunehmen. Die hohe Zahl vom Wochenende mit über 4000 neuen Fällen kommt nicht unerwartet, wenn man sie mit den Vortagen vergleicht.

Die Positivitätsrate ist sehr hoch. Am Montag lag sie bei 11,4 Prozent. Was bedeutet das?

Nicola Low, Epidemiologin in der Task Force des Bundesrates.

Nicola Low, Epidemiologin in der Task Force des Bundesrates.

Dass zu wenig Leute getestet werden. Und das ist sehr besorgniserregend. Wenn wir nicht mehr testen, gehen uns zu viele Angesteckte durch die Lappen, die sich eigentlich in Quarantäne begeben müssten. Dann funktioniert auch das Contact Tracing nicht mehr und wir schaffen es nicht, die Übertragungskette zu unterbrechen. Die WHO sagt, wenn die Positivitätsrate höher ist als 5 Prozent, können die Nachverfolgungsmassnahmen nicht mehr effektiv umgesetzt werden. Die Schweiz hat diesen Wert seit mehreren Wochen überschritten.

Warum lassen sich nicht mehr Menschen testen?

Das kann viele Gründe haben und je nach Region auch ganz unterschiedlich sein. Es kann sein, dass die Leute gehört haben, dass sie sich mit leichten Symptomen nicht testen lassen sollen. Es kann sein, dass sie sich testen lassen wollten, aber keinen Termin erhielten. Es kann sein, dass das Contact Tracing nicht funktioniert und die Leute gar nicht wissen, dass sie Kontakt hatten mit einer infizierten Person und sich eigentlich testen müssten.

Aber soll man sich denn jedes Mal, wenn man ein wenig Halsweh hat, einem Covid-Test unterziehen?

Man muss rational sein. Wenn ich Halsweh habe, muss ich mich fragen, ob es Corona sein könnte. Wenn ich sowieso immer zu Hause war und mich nicht einer Hochrisiko-Situation ausgesetzt habe, dann ist eine Covid-19-Infektion sehr unwahrscheinlich. Wenn ich aber im Club feiern war und danach Halsweh habe, dann sollte ich mich testen lassen. Wichtig wäre, dass die Behörden dazu klare Richtlinien herausgeben. Es ist eine Tatsache, dass sich das Virus verbreitet. Das Testen ist darum besonders wichtig.

Experten sagen, nicht die täglichen Neuinfektionen seien wichtig, sondern die Zahl der Hospitalisierungen und die Todesfälle. Und die sind ja weiterhin stabil. Kein Grund zur Sorge also?

Das ist ein Irrtum. Die Zahl der Hospitalisierungen ist leider nicht mehr stabil, sondern in den letzten Tagen stark gestiegen. Im Vergleich zur Vorwoche ist sie um 43 Prozent gestiegen und im Vergleich zum Vormonat um 86 Prozent. Das ist fast eine Verdoppelung. Es ist jetzt mehr als nur angebracht, zu reagieren. Wir können nicht warten, bis die Hospitalisierung wieder so hoch ist wie im März und April. Denn das hiesse, dass die Zahl der insgesamt Infizierten so stark zugenommen hat, dass wir die Verbreitung nicht mehr kontrollieren können. Die Contact Tracer wären dann chancenlos.

Es heisst bereits jetzt, dass die Contact Tracer an den Anschlag kommen. Haben die Kantone die Kontrolle bereits verloren?

Das wissen wir nicht. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Taskforce würden sehr gerne herausfinden, wie gut die Kantone mit dem Contact Tracing nachkommen. Doch dazu fehlen uns die Daten.

Wie bitte?

Im April bat die wissenschaftliche Task Force die Kantone, uns die Daten zu übermitteln, die wir benötigen, um die Wirksamkeit des Contact Tracing zu analysieren: Wie viele Leute sie angestellt haben, wie viele Personen sich zum Zeitpunkt der Diagnose bereits in Quarantäne befanden, wie viele Kontaktpersonen sie identifizieren konnten, et cetera. Wir können die Analyse noch nicht durchführen, weil einige Kantone die Daten noch nicht an das BAG geschickt haben. Wir haben mehrmals nachgefragt, es wurde uns mehrmals versprochen. Eine wissenschaftliche Evaluation ist somit nicht möglich.

Mit anderen Worten: Der Bund hat keine Ahnung, ob das Contact Tracing der Kantone funktioniert?

Der Bund weiss nicht, ob die Ergebnisse des Contact Tracing in den Kantonen die empfohlenen Ziele erreichen.

«In der Schweiz dürfen bei Sportanlässen über 1000 Leute zusammenkommen, bei anderen Veranstaltungen 300. Meiner Meinung nach ist das zu viel», so die Epidemiologin.

«In der Schweiz dürfen bei Sportanlässen über 1000 Leute zusammenkommen, bei anderen Veranstaltungen 300. Meiner Meinung nach ist das zu viel», so die Epidemiologin.

Keystone

Was Sie schildern, passt zur Orientierungslosigkeit, die derzeit in diesem Land zu herrschen scheint. Viele wissen nicht mehr, wie sie sich verhalten sollen, welche Empfehlung nun gilt, welche nicht. Frau Low, was ist jetzt wichtig?

Was wir mit Sicherheit wissen, ist, dass die Verbreitung des Virus' momentan nicht wirksam verhindert wird. Dies, weil entweder die Massnahmen nicht genug streng sind. Oder weil sie nicht richtig umgesetzt werden. Wir müssen also jede Massnahme genau analysieren und schauen, ob sie greift. Einige müssen verschärft werden.

Welche?

Grosse Veranstaltungen sind meiner Meinung nach derzeit zu riskant.

Weiss man denn Genaueres darüber, wo sich die Leute anstecken?

Von den Kantonen heisst es, dass sich die Leute vor allem im privaten Haushalt anstecken. Aber irgendwie muss das Virus ja in diesen privaten Haushalt gelangt sein.

Und wie passiert das?

Eine Person steckt sich dann am ehesten mit dem Coronavirus an, wenn sie in einem Innenraum, ohne ausreichend guter Lüftung, ohne Abstand und ohne Maske Kontakt mit einer infizierten Person hatte. Also in einer Bar, im Club, im Restaurant, im Büro...

Sie finden den Restaurantbesuch also zu riskant?

Ich würde momentan nicht in ein Restaurant essen gehen. Ausser ich habe die Möglichkeit, draussen zu sitzen. Aber bei diesen Temperaturen ist es mir dann doch zu frisch.

Was ist mit dem Büro?

Wenn immer es möglich ist, rate ich zu Home Office. Das wäre momentan sehr wichtig. Sollte dies nicht möglich sein, dann müssen die Arbeitgeber dafür sorgen, dass die Arbeitnehmer sicher arbeiten können, mit guter Belüftung, ausreichendem Abstand, Händedesinfektionsmittel und Masken. Bei Bedarf kann ein Logbuch geführt werden mit einer Liste, wer wann mit wem im Büro war. So kann bei einer Ansteckung einfacher nachverfolgt werden, wer in Quarantäne muss.

In unserem Nachbarland droht den Berlinern ein zweiter Lockdown. Dies, obwohl sie eine tiefere Fallrate haben als die Hotspots in der Schweiz. Sind die Deutschen strenger, oder die Schweizer zu lasch?

Die Schweiz ist mit den Massnahmen lockerer als verschiedene andere Länder. In Grossbritannien gilt bei Veranstaltungen eine strengere Obergrenze an Personen, in Schweden ist es noch immer nicht erlaubt, Events mit mehr als 50 Leuten durchzuführen. In der Schweiz dürfen bei Sportanlässen über 1000 Leute zusammenkommen, bei anderen Veranstaltungen 300. Meiner Meinung nach ist das zu viel.

Was können wir von anderen Ländern lernen?

Dass bei kleineren Gruppen die Verbreitung besser eingedämmt wird. Oder dass bei strengem Contact Tracing die Infektionsketten unterbrochen werden können. Und wir wissen, dass sich das Virus in Ländern mit höheren Testraten nicht unkontrolliert verbreitet. Diese Lektionen müssen wir lernen und entsprechend danach handeln.

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