Corona-Hotspot Romandie: Jetzt üben die Franzosen Kritik an den Welschen Behörden

Die Pandemie grassiert im Westen der Schweiz so stark wie sonst nirgends in Europa. Auch im grenznahen Frankreich hat sich die Situation verschlechtert. Für manche Franzosen ist deshalb klar: Die Romandie ist daran schuld. Doch es gibt auch lobende Worte.

Benjamin Weinmann aus Genf
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Genf rangiert in Europa an erster Stelle der Corona-Liste was die durchschnittliche Infektionsrate in den letzten beiden Wochen angebelangt, relativ zur Bevölkerungszahl berechnet.

Genf rangiert in Europa an erster Stelle der Corona-Liste was die durchschnittliche Infektionsrate in den letzten beiden Wochen angebelangt, relativ zur Bevölkerungszahl berechnet.

Valentin Flauraud / KEYSTONE

Es ist eine Rangliste, auf die man nicht stolz sein kann: Alle Romandie-Kantone befinden sich in den Top-10 der am stärksten betroffenen Pandemie-Gebieten Europas. Auf Rang 1 liegt Genf in Bezug auf die durchschnittliche Fallzahl pro 100'000 Einwohner in den letzten zwei Wochen. Der Genfer Wert liegt bei 2800 Fällen. Gleich dahinter folgen das Wallis und Freiburg (CH Media berichtete).

Schlüssige Erklärungen für diese dramatische Entwicklung sind schwer zu finden. Antoine Flahault, Direktor des Institute of Global Health an der Universität Genf, sagt ohne Umschweife gegenüber dieser Zeitung: Ganz ehrlich, ich weiss es nicht.» Ein möglicher Grund könnten die internationalen Organisationen sein, die in Genf ihren Sitz haben, glaubt Flahault. «Die internationale Reisetätigkeit dürfte hier somit höher sein», so der renommierte Experte. Doch es bleibt bei Mutmassungen.

Nun schalten sich die Franzosen in Grenznähe in die Debatte ein – und zeigen mit dem Finger auf die Welschen Behörden, wie «Le Temps» berichtet. Das Département Haute-Savoie kam während der ersten Covid-19-Welle relativ unbeschadet davon. Doch nun gehört es zu den am stärksten betroffenen Gebieten der Grande Nation. Pro 100'000 Einwohnern werden über 900 Fälle registriert. Vor allem unter-65-jährige werden überdurchschnittlich infiziert – also die arbeitstätige Bevölkerung.

450'000 Autos überqueren täglich die Kantonsgrenze

Pierre-Jean Ternamian ist Arzt in Lyon und Vorsitzender des regionalen Personalverbands des Gesundheitswesens. Er vertritt über 1400 Privatärzte in der Region Auvergne-Rhône-Alpes. Für ihn ist klar: «Der Verkehr zwischen Genf und dem benachbarten Frankreich hat zweifellos direkte Auswirkungen auf die Zunahme der Epidemie im Département Haute-Savoie.» 90'000 Grenzgänger würden täglich in Genf arbeiten gehen. «Und 450'000 Autos überqueren täglich die Kantonsgrenzen. Im Gegensatz zum vergangenen März sind diese alle offen geblieben.»

Die Fahrten der Grenzgänger seien ein Faktor, der die Verbreitung des Virus’ begünstigt habe, sagt Ternamian. Die Schweiz habe zu halbherzigen Massnahmen gegriffen und sei im Kampf gegen die Pandemie ins Hintertreffen geraten. Er erwähnt explizit die Kantone Genf und Wallis. «Mir wurde gesagt, dass das Tragen von Masken in Genf bei weitem nicht respektiert und die Rückverfolgung nicht tiefgründig durchgeführt wird. Ternamian spricht von einer «grossen Diskrepanz» zwischen den beiden Ländern in der Handhabung der Pandemie. Ähnliche Kritik kam zuletzt auch aus Deutschland (CH Media berichtete).

Auch der französische Politiker Loic Hervé, Senator der Haute-Savoie, hatte die die lascheren Massnahmen ennet der Grenze in der Vergangenheit kritisiert. «Wie erklären wir unseren Bürgern, dass die Leute auf der anderen Seite am See entlang spazieren und die Jungen abends feiern gehen? Sie haben alle Angehörige und Freunde, die in Genf arbeiten und daher exponiert sind.»

«Die Epidemie ist grenzenlos»

Inzwischen zeigt Hervé gegenüber «Le Temps» allerdings Verständnis für die Situation, die nicht mehr die gleiche wie im Frühling sei. Die Absprache funktioniere diesmal besser, insbesondere dank Genfs Gesundheitsminister Mauro Poggia. «Im März sprachen Bern und Paris miteinander, jetzt tauschen sich Genf und Annecy direkt aus.» Annecy ist eine französische Stadt in unmittelbarer Grenznähe. Hervé spricht sich gegen eine erneute Grenzschliessung aus. «Denn die Epidemie ist grenzenlos.»

Auch Viriginie Duby-Muller, Abgeordnete der Haute-Savoie, stimmt Hervé zu: «Wir dürfen die Schweiz nicht für die Ausbreitung der Pandemie hierzulande verantwortlich machen.» Zur steigenden Fallzahl hätten auch andere Faktoren beigetragen, wie zum Beispiel der Zustrom von einheimischen Touristen und die Rückkehr von jungen Leuten, die in dichten Städten wir Paris oder Lyon studieren.