Contact-Tracing bringt viele Kantone an den Anschlag – das Fundament der Coronastrategie bröckelt

Gesundheitspolitiker sind erstaunt darüber, dass Kantone jetzt schon an ihre Grenzen kommen. Haben sie es verpasst, sich vorzubereiten?

Dominic Wirth
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Virendetektive am Anschlag: Contact Tracing im Kanton Zürich.

Virendetektive am Anschlag: Contact Tracing im Kanton Zürich.

Alexandra Wey / KEYSTONE

Das positive Testergebnis kommt am Freitag. Dann hört der junge Zürcher nichts mehr. Kein Anruf der Contact-Tracer. Kein Abfragen von engen Kontaktpersonen, die das Virus vielleicht auch in sich tragen, davon aber nichts wissen – und eigentlich rasch gewarnt werden müssten. Bald einmal informiert der Mann Leute, denen er nahekam, selbst. Erst am Montag melden sich die Behörden doch noch.

Die Geschichte spielt sich in Zürich ab, doch diese Zeitung hat Kenntnis von ähnlichen Fällen auch in anderen Landesteilen. Wenn man sie mit den Signalen, die gerade von vielen Kantonen abgesetzt werden, zusammenfügt, dann ergibt sich kein schönes Bild. Das Contact-Tracing ist meist schon am Anschlag. Die Genfer Kantonsärztin sagte gestern gar, wenn die Fallzahlen weiter ansteigen, müsse man es aufgeben.

Vom herkömmlichen Vorgehen hat sich mancher Kanton mittlerweile verabschiedet. Im Wallis etwa werden infizierte Personen nur noch per SMS benachrichtigt und gebeten, ihre engen Kontakte zu melden. Der Kanton versetzt diese dann per SMS in Quarantäne. Auch andere Kantone informieren Kontaktpersonen nur noch digital; in Schwyz müssen Infizierte diese Aufgabe teilweise gar selbst übernehmen.

Ein löchriges Auffangnetz

Eigentlich hatten die Kantonsärzte das anders geplant. In der «Sprachregelung Contact-Tracing» ist festgehalten, dass die Contact-Tracer sich telefonisch bei den Infizierten melden – und auch mit den engen Kontaktpersonen direkt in Kontakt treten. Doch viele Kantone können die eigenen Vorgaben nicht mehr erfüllen. Stattdessen wird hektisch Personal eingestellt und geschult; manche Kantone setzen auf Zivilschützer, andere auf private Anbieter.

Nach dem teilweisen Lockdown im Frühjahr hat die Schweiz die Massnahmen vergleichsweise schnell und weitgehend gelockert. Das Contact-Tracing dient dabei als eine Art Auffangnetz: Wenn sich beispielsweise herausstellt, dass in einem Club oder an einer Veranstaltung eine mit dem Virus infizierte Person unterwegs war, kommt es zum Einsatz. Mögliche neue Coronafälle werden in Quarantäne versetzt, die Infektionsketten unterbrochen. Soweit der Plan.

Der Epidemiologe Matthias Egger sagt, das Contact-Tracing sei das Fundament der aktuellen Schweizer Coronapolitik. Nun bröckelt es schon im Herbst – nach einem Sommer, in dem stets die Rede davon war, dass man sich rüsten müsse für die kältere Jahreszeit. Haben die Kantone das verschlafen? So weit, sagt Egger, würde er nicht gehen. Aber es zeige sich nun, dass man es verpasst habe, «ein Polster zu schaffen, Abläufe einzuüben».

Gesundheitsminister Alain Berset nahm am Montag in St.Gallen die Kantone ins Visier. Es sei seit Monaten klar, dass das Contact-Tracing eine zentrale Aufgabe der Kantone sei. Die Zeit, sich vorzubereiten, sei da gewesen. Auch Gesundheitspolitiker sind erstaunt darüber, dass die Kantone schon jetzt an ihre Grenzen kommen. Ruth Humbel, Präsidentin der nationalrätlichen Gesundheitskommission, sagt, die Situation sei unbefriedigend. Sie sagt:

«Offensichtlich hat man den Sommer nicht dazu genutzt, eine Strategie zu machen.»

GLP-Nationalrat Jörg Mäder findet, es sei «peinlich, dass wir so schnell am Anschlag sind». Der Zürcher hätte sich etwa gewünscht, dass mehr Leute «auf Vorrat» ausgebildet werden – zum Beispiel solche, die wegen der Krise ihre Arbeit verloren haben.

Barbara Gysi von der SP sagt, die Kantone hätten sich nach der Entspannung der Lage im Sommer wohl «in falscher Sicherheit» gewogen. Für Matthias Egger, den ehemaligen Chef der Coronataskforce, muss nun «unbedingt» verhindert werden, dass das Contact-Tracing ganz kollabiert – so, wie das im Frühling passiert ist. Er sagt:

«Die Kantone müssen Leute einstellen, sich organisieren.»

Bei der Konferenz der Gesundheitsdirektoren wehrt man sich gegen die Kritik. Generalsekretär Michael Jordi sagt, die Kantone hätten schon «sehr viel» unternommen, und man sei entschlossen, das Contact-Tracing weiterzuführen. Er sagt:

«Dass man derzeit nicht jeden Kontakt selbst kontaktieren kann, ist nicht gut, aber angesichts der Entwicklung vorübergehend kaum vermeidbar.»

Jordi verweist auch darauf, dass man noch im Mai von 100 Fällen schweizweit ausgegangen sei, die das Contact-Tracing täglich handhaben können müsse. Nun sei man das Contact Tracing bei viel höheren Fallzahlen zwar am Anschlag, aber nicht kollabiert.