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Interview

Einsätze gegen Hooligans kosten 15 Millionen – der oberste Polizeidirektor nimmt Clubs in die Pflicht

Urs Hofmann präsidiert neu die Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren. Er räumt ein, dass beim Umgang mit Fussball-Chaoten Optimierungsbedarf besteht – und nimmt die Clubs in die Pflicht.
Rolf Cavalli
SP-Regierungsrat Urs Hofmann in seinem Büro in Aarau. (Bild: Sandra Ardizzone (3. Juni 2019))

SP-Regierungsrat Urs Hofmann in seinem Büro in Aarau. (Bild: Sandra Ardizzone (3. Juni 2019))

Der 62-jährige SP-Mann Urs Hofmann wurde am 11. April zum Präsidenten der Kantonalen Konferenz der Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD) gewählt. Er ist Nachfolger des Genfer FDP-Staatsrats Pierre Maudet, der im Zuge seiner Abu-Dhabi-Affäre und eines Strafverfahrens gegen ihn das Polizeidepartement und später auch den Vorsitz des KKJPD abgegeben hat. Hofmann ist seit zehn Jahren Regierungsrat im Kanton Aargau und als Vorsteher für das Departement Volkswirtschaft und Inneres für Polizei und Justiz zuständig, von 1999 bis 2009 sass er im Nationalrat.

Privat geht Urs Hofmann selber gerne an Fussballspiele, in seiner Funktion als Präsident der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren sind Fussballspiele für den Aargauer dagegen eher ein Sorgenkind. Das Hooligan-Problem ist bei ihm jedenfalls ganz oben auf der Agenda. Dabei habe die Polizei noch ebenso wichtige Aufgaben und Herausforderungen in der Kriminalitätsbekämpfung, so Hofmann.

Sie sind leidenschaftlicher Fussballfan. Als Aargauer Polizeidirektor müssten Sie aber froh sein, dass der FC Aarau den Aufstieg verpasst hat. So bleiben der Region die Hooligan-Probleme der Super League erspart.

Urs Hofmann: Ja klar, die Polizei freut sich nie auf Einsätze mit Fussball-Hooligans. Aber mit dem Herzen habe ich natürlich trotzdem auf den sportlichen Erfolg gehofft.

Als Präsident der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren kommen Sie nicht um das Hooligan-Problem herum, das sich wieder verschärft. Hat das Hooligan-Konkordat, das seit sieben Jahren in Kraft ist, also gar nichts gebracht?

Nein. Das Hooligan-Konkordat enthält zweckmässige Interventionsmöglichkeiten. Die Anwendung in den Kantonen ist aber sehr unterschiedlich. Das wollen wir jetzt genauer untersuchen. Wir stellen fest, dass die von der Justiz- und Polizeidirektoren abgegebenen Empfehlungen bisher leider nicht konsequent umgesetzt wurden. Da besteht zweifelsohne Optimierungsbedarf.

Wo stimmt es noch nicht?

Wir haben den Eindruck, dass die Clubs bei Stadionverboten noch sehr zurückhaltend sind. Zudem sollte die Meldepflicht konsequenter angewendet werden. Wer eine Stadionsperre hat, soll sich vor Spielen auf einem Polizeiposten melden müssen. So wird verhindert, dass sanktionierte Personen andere Fans auf dem Weg zum Spiel aufwiegeln oder gar doch noch selber ins Stadion gelangen können.

Tun die Clubs zu wenig?

Da gibt es grosse Unterschiede. Klar ist: Fussballspiele sind private Veranstaltungen. Die Clubs entscheiden, wen sie im Stadion wollen und wen nicht. Sie wissen oft am besten, welche Fans gewaltbereit sind. Wir erwarten, dass die Clubverantwortlichen gegenüber gewaltbereiten Fans handeln und klare Haltung zeigen.

Viele Clubs wünschen sich, dass die Polizei früher im Stadion eingreift.

Einfach gleich nach dem Staat zu rufen wäre zu einfach. Der Veranstalter ist verantwortlich dafür, dass es keine strafbaren Handlungen im Stadion gibt. Erst wenn er trotz angemessener Sicherheitsmassnahmen überfordert ist, soll die Polizei eingreifen. Die Kosten für Polizeieinsätze im Umfeld von Fussballspielen sind auch so schon enorm.

Über wie viel Geld reden wir da?

Wir gehen von bis zu 15 Millionen Franken pro Saison aus. Das hat eine umfangreiche Erhebung im Jahr 2014 ergeben. Damals ergab sich für die Spiele der Super-League-Clubs schweizweit ein Aufwand von rund 135 000 Einsatzstunden pro Saison, die Kosten von eben knapp 15 Millionen Franken verursacht haben. Dazu kam der Aufwand für die unteren Ligen, für die Eishockeyspiele und für die privaten Sicherheitsunternehmen.

Zusätzliche Polizeikräfte würden die Steuerzahler also noch teurer kommen. Sehen Sie andere Massnahmen, um das Hooligan-Problem einzudämmen? Etwa personalisierte Tickets?

Das wäre eine Möglichkeit. Generell würde es helfen, Identitätskontrollen mit der Hooligan-Kartei abzugleichen. Das ist aber sehr aufwendig. Und personalisierte Tickets nützen nur, wenn man die Stadionverbote dann auch ausspricht und durchsetzt.

Wie beurteilen Sie das für die Schweiz neue Phänomen, dass organisierte Fangruppen mittlerweile so viel Macht haben, dass sie Forderungen stellen und sogar ihren Club erpressen können?

Erpresserische Methoden wie zuletzt bei GC, als Hooligans von den Spielern verlangten, ihre Trikots abzugeben, muss man im Keim ersticken. Wenn sich die Clubs erpressen lassen, begeben sie sich in die Fänge von solchen organisierten Fanclans.

Die Polizeidirektoren wollen einen «Kriminalitätsraum Schweiz» schaffen, um den neuen Herausforderungen gewachsen zu sein. Was heisst das konkret?

Wir haben 26 Kantone mit unterschiedlichen, weitgehend nicht vernetzten Datensystemen. Das dürfen wir uns heute nicht mehr leisten.

Wo konkret schränkt der Kantönligeist die Polizeiarbeit ein?

Ein Beispiel: Ein Polizist an der Front, der für eine gewalttätige Auseinandersetzung ausrückt, kann im System nicht abfragen, ob ein Beteiligter in einem anderen Kanton wegen ähnlicher Vorfälle verzeichnet ist, sondern diese Angaben müssten über den Polizeiinnendienst bei einem anderen Kanton telefonisch oder per Mail abgefragt werden. Auch bedarf es eines gegenseitigen Zugriffs auf die Daten, damit zeitnah ein nationales polizeiliches Lagebild erstellt werden kann und auch eine effiziente Führung bei Grosslagen möglich ist.

Wann wird diese Zusammenlegung der kantonalen Polizeiinformationen umgesetzt.

Es braucht dafür eine bundesrechtliche Regelung oder gesetzliche Grundlagen in den Kantonen bzw. ein Konkordat. Eine Arbeitsgruppe von Polizei und Staatsanwaltschaften arbeitet daran. Zudem ist eine Motion von Nationalrätin Corina Eichenberger hängig.

Die Grünen haben Widerstand angemeldet.

Ja es gibt Vorbehalte wegen des Datenschutzes. Doch die Kantonsgrenzen sind unter dem Aspekt von Datenschutz und Kriminalitätsbekämpfung heute nicht adäquat.

Im Justizvollzug setzen Sie sich dafür ein, dass gefährliche jugendliche Straftäter länger verwahrt werden können. Wo liegt das Problem?

Wenn jemand einen Tag vor seinem 18. Geburtstag eine schwere Straftat begeht und für die Öffentlichkeit gefährlich bleibt, muss man ihn nach heutiger Regelung mit 25 wieder rauslassen. Das kann niemand nachvollziehen. Wenn es das erste schwere Verbrechen mit einem solchen rückfälligen Täter gibt, werden sich die Behörden nicht rechtfertigen können.

Warum ist diese Sicherheitslücke noch nicht geschlossen?

Es wurde immer wieder argumentiert, es handle sich um seltene Einzelfälle. Ja, das stimmt. Doch ein schlimmer Einzelfall ist einer zu viel.

Mit Karin Keller-Sutter ist eine ehemalige Polizeidirektorin mit harter Hand Justizministerin. Versprechen Sie sich davon, dass es jetzt schneller vorangeht in solchen Fragen?

Eine generelle Verschärfung im Umgang mit gefährlichen Straftätern ist aufgegleist. Bis Ende Jahr sollte endlich eine Lösung vorliegen.

Hooligan-Konkordat: Ein Strauss von Massnahmen

Gewalt in und um Fussballstadien ist seit Jahren ein Schwerpunktthema der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren. 2007 wurde das sogenannte Hooligan-Konkordat eingeführt, dem alle 26 Kantone beigetreten sind. Nach negativen Entwicklungen in den Folgejahren wurde das Konkordat 2012 verschärft. Der revidierten Fassung sind bisher 24 Kantone (alle ausser die beiden Basel) beigetreten. Es enthält Massnahmen wie Rayonverbote, Meldeauflagen, Ausreisebeschränkungen und Polizeigewahrsam. 2016 wurden weitere Empfehlungen erlassen wie die verstärkte Beweissicherung, um gewalttätige Fans zu identifizieren und zu sanktionieren.

Nachdem sich das Hooligan-Problem vorübergehend entspannt hatte, nehmen die Vorfälle wieder zu. Negativer Höhepunkt war der von GC-Hooligans erzwungene Spielabbruch in Luzern vom 12. Mai dieses Jahres. Als die Situation im Stadion ausser Kontrolle geriet, wurde die Polizei gerufen. Diese intervenierte allerdings nicht, was eine breite Diskussion über die Verantwortung und Rollen der Clubs einerseits und der Polizei anderseits auslöste.

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