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Kommentar

Cargo Sous Terrain: Visionäre Projekte braucht die Schweiz

Firmen wollen eine Güter-U-Bahn quer durch die Schweiz bauen. Das klingt abenteuerlich, wenn nicht gar utopisch. Doch solche visionären Projekte sind wichtig für das Land - gerade heutzutage.
Maja Briner

Es klingt wie Science Fiction: Selbstfahrende Fahrzeuge transportieren unterirdisch Möbel, Nahrungsmittel, Altglas und andere Güter quer durch die Schweiz. Sie rollen durch einen sechs Meter breiten Tunnel, der St. Gallen mit Genf verbindet. Drei Abzweiger führen - ebenfalls unterirdisch - nach Thun, Luzern und Basel. So sieht es das Projekt Cargo Sous Terrain vor.

Das Vorhaben sprengt die Dimensionen, die wir uns in der Schweiz gewohnt sind. Bereits die erste Teilstrecke Härkingen/Niederbipp nach Zürich, die 2030 fertig sein soll, wäre mit rund 70 Kilometern deutlich länger als der Gotthard-Basistunnel. Das gesamte Netz soll dereinst 500 Kilometer lang sein. Zum Vergleich: Könnte man von Zürich aus einen geraden, 500 Kilometer langen Tunnel bauen, so würde dieser bis Paris reichen.

So visionär das tönt: Cargo Sous Terrain ist beileibe nicht die Idee eines Träumers. Hinter dem Projekt stehen Firmen wie die Mobiliar, Coop und Migros, die Post und die Swisscom, aber auch Banken und Logistikfirmen. Die Verantwortlichen haben bereits 100 Millionen Franken für die Baubewilligungsphase mobilisiert. Das ist ein Bekenntnis.

Cargo Sous Terrain sei «die Zukunft des Güterverkehrs», werben die Verantwortlichen. Es entlaste die Strassen, schone die Landschaft und sei nachhaltig. Die Fahrzeuge sollen mit Ökostrom durch die Tunnel fahren, mit einer Geschwindigkeit von 30 Kilometern pro Stunde. Kleinere Dinge - zum Beispiel Bücher oder Medikamente - würden in einer Art Hängebahn mit doppelter Geschwindigkeit befördert. Die Güter würden an den Zugangspunkten, den «Hubs», über Schächte ins System eingespiesen.

Das geplante Netz (Bild: Cargo Sous Terrain).

Das geplante Netz (Bild: Cargo Sous Terrain).

Von der Idee zur Umsetzung ist es allerdings ein weiter Weg - und die Stolpersteine sind zahlreich. Neben den technischen Herausforderungen stellt sich insbesondere die Frage der Finanzierung. Die Kosten werden auf 33 Milliarden Franken veranschlagt. Das ist teurer als die gesamte Neat (diese schlug laut Bund mit 23 Milliarden Franken zu Buche). Dieses Geld muss Cargo Sous Terrain erst einmal auftreiben.

Ausländische Investitionen - auch chinesische - dürfen dabei kein Tabu sein. Wichtig ist aber, dass Schweizer Firmen das Sagen haben. Denn kommt das Projekt zustande, wird es zu einer zentralen Infrastruktur für die Schweiz. Erfreulich ist, dass das Projekt privat finanziert wird - ohne Steuergelder. Das sollte dazu führen, dass nur gebaut wird, was die Wirtschaft tatsächlich braucht und was rentabel betrieben werden kann. Gerade die Rentabilität dürfte aufgrund der hohen Baukosten ein grosser Knackpunkt des Projekts sein.

Daneben stellen sich auch ganz praktische Fragen. Zum Beispiel: Wie wird verhindert, dass es rund um die Hubs zum Verkehrskollaps auf der Strasse kommt? Cargo Sous Terrain verspricht eine intelligente «City Logistik»-Lösung. Wie diese exakt aussehen soll, ist noch offen.

So sollen die Güter durch die Tunnels transportiert werden. (Bild: Cargo Sous Terrain)

So sollen die Güter durch die Tunnels transportiert werden. (Bild: Cargo Sous Terrain)

Trotz aller offenen Fragen, Zweifeln und Risiken: Das Projekt hat auf jeden Fall eine Chance verdient. Der Bund prognostiziert, dass 2040 gut ein Drittel mehr Güter transportiert werden als noch 2010. Bereits heute stauen sich Autos und Lastwagen an vielen Orten täglich. Cargo Sous Terrain könnte hier Abhilfe schaffen. Für kleine Mengen könnte das System zudem attraktiver sein als die Bahn. Und für die Schweiz wäre es eine Chance, sich als innovatives Land zu präsentieren.

Es ist daher erfreulich, dass sich die Parteien bereit zeigen, die rechtlichen Grundlagen für die Güter-U-Bahn zu schaffen. Die Politik darf dem Projekt keine unnötigen Hürden in den Weg stellen. Gleichzeitig darf sie nicht naiv sein. Das Risiko, dass das Vorhaben scheitert, muss berücksichtigt werden. Es ist daher richtig, dass der Bundesrat einen Passus zum Rückbau der Anlagen ins Gesetz schreiben will.

Die verstopften Strassen, die Überlastung der Bahninfrastruktur sowie die Lärm- und Umweltbelastung zeigen, dass es einen klugen Plan braucht, anstatt einfach immer auszubauen. Ob Cargo Sous Terrain die richtige Antwort auf das Wachstum ist, wird sich weisen müssen. Angesichts der grossen Herausforderungen, die sich uns derzeit stellen, sind neue, gewagte und kreative Ideen dringend nötig. Optimistisch stimmt, dass in der Schweiz visionäre Projekte auch realisiert werden - wie zuletzt die Neat.

Ja zu Cargo Sous Terrain - aber ohne Subventionen

Gegen das Gesetz über den unterirdischen Güterverkehr regt sich kein nennenswerter Widerstand. Als Projekt liegt nur Cargo Sous Terrain vor, aber dieses wird freundlich aufgenommen. Wichtig ist den meisten Parteien und Verbänden: Kein Rappen von der öffentlichen Hand.
Im Prinzip ist niemand gegen den unterirdischen Gütertransport, wie aus der Vernehmlassung hervorgeht, die am Mittwoch ablief. Dass die Zunahme des Güterverkehrs Massnahmen erfordert, sei einleuchtend, heisst es unisono. Zwar liegt derzeit einzig das Projekt von Cargo Sous Terrain (CST) vor, die Parteien und Verbände wollen aber anderen Anbietern nicht die Türen verschliessen.
Für die bürgerlichen Parteien ist vor allem wichtig, dass ein solches System nicht von der öffentlichen Hand subventioniert werden muss. Die SP mag finanzielle Unterstützung durch den Bund indessen nicht ganz ausschliessen. Aber der Bundesrat will davon nichts wissen und verlangt ein finanziell tragfähiges Unternehmen, das den Untergrundtransport betreiben soll. (sda)

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