Burkas und Geisterjagd

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Um einen guten Spruch war Moritz Leuenberger nie verlegen. «Gigaliner sind die Burkasder Strasse», sagte der frühere Verkehrsminister. Alle redeten davon, aber es gebe die 60-Tönner auf den Strassen nicht, stellte der SP-Magistrat fest. Im letzten Sommer ist im Kanton Tessin das Burkaverbot in Kraft getreten. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Politik auch hier ein Phantom bekämpft. Lediglich sechs Verstösse haben die Behörden in den ersten Monaten sanktioniert, nur eine einzige Busse betraf eine Touristin aus dem arabischen Raum. Gegen die Diskriminierung der Frauen dort ist ein Burkaverbot in der Schweiz das falsche Mittel. Verbesserungen müssen vor Ort erzielt werden.

In der Praxis hat der Islamische Zentralrat der Schweiz (IZRS) das Burkaverbot, gepriesen als Instrument gegen die Unterdrückung der muslimischen Frauen, zu einem PR-Instrument zu seinen Gunsten umfunktioniert. Nora Illi, Frauenbeauftragte des Salafistenvereins, liess sich öffentlichkeitswirksam büssen, um ihr Verständnis von Freiheit zu verkünden. Sicher: Eine Vollverschleierung steht für ein rückständiges Frauenbild und befeuert Abschottungstendenzen. Bloss: Ein liberaler Staat muss auch Verstörendes aushalten – zum Beispiel die wenigen Frauen, die ihren Körper hierzulande freiwillig bis auf einen Sehschlitz verhüllen.

Eine Invasion von Burkaträgerinnen steht nicht bevor. Das bestätigen die ersten Erfahrungen aus der Südschweiz. Sie geben auch Moritz Leuenberger recht: Die Bekämpfung von Burkas gleicht einer Geisterjagd. Seite 13