Umstrittene Segnung
Bürglen – ein Dorf wehrt sich gegen die Konservativen in Chur

Er segnete ein lesbisches Paar in der Kirche - nun soll er abtreten. Aber die Einwohner von Bürglen kämpfen für ihren Pfarrer Wendelin Bucheli. Wie tickt dieses Dorf?

Martina Odermatt
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Prächtig: Die Kirche von Bürglen.
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Der Friedhof.
Die Kirche im Dorf.
Bürglen - ein Dorf wehrt sich gegen die Konservativen in Chur
Gemeindepraesident Markus Frösch.
Solidaritätsbekundung in einem Buch in der Kirche von Bürglen.

Prächtig: Die Kirche von Bürglen.

Chris Iseli

Der Nebel hängt tief über dem Dorf Bürglen. Hier und dort sind ein paar Fenster dekoriert: Die Fasnacht steht vor der Tür. Das Urner Dorf am Klausenpass ist überschaubar und wirkt auf den ersten Blick sehr ruhig. Doch der erste Eindruck täuscht.

In Bürglen ist im Moment richtig viel los und die Einwohner sind wütend. Wütend auf das Bistum Chur, das mit seiner konservativen Linie auch für nationale Schlagzeilen sorgt. Weil der katholische Pfarrer von Bürglen, Wendelin Bucheli, vor einigen Monaten ein lesbisches Paar gesegnet hatte, will ihn das Bistum Chur entlassen. Doch dem Bischof in Chur weht ein kalter Wind entgegen.

Einer wie Franziskus

Von der Segnung im letzten Herbst erfuhren die Einwohner von Bürglen aus der Lokalzeitung. «Die Leute reagierten positiv auf die Meldung. Sie zeigten nämlich gar keine Reaktionen», sagt Markus Frösch, Gemeindepräsident von Bürglen.

Erst mit dem Nahelegen der Demission wird jetzt über die Segnung gesprochen. Auch in der Schule wird diskutiert, warum dem Pfarrer nahe gelegt wurde, zurückzutreten. Die Reaktionen der Kinder zum lesbischen Paar seien positiv, sagt Frösch. «Die Nichte einer der Frauen sagte bei einem Gespräch in der Schule sogar stolz, dass eine der Frauen ihre Tante sei.»

Gemeindepraesident Markus Frösch.

Gemeindepraesident Markus Frösch.

Chris Iseli

Die Kirchgemeinde und die Einwohnergemeinde Bürglen schrieben in einem Communiqué vom Dienstag, dass sie voll hinter Pfarrer Bucheli stehen würden. Er werde Pfarrer in Bürglen bleiben.

Dass sich die Bevölkerung von Bürglen so für ihren Pfarrer einsetzt, hätte wohl niemand gedacht – ausser die Bürger von Bürglen selbst. Hier ist niemand wirklich überrascht über die grosse Solidarität mit Pfarrer Bucheli.

«Seine Türe war für jeden immer offen und er hat allen geholfen. Er lebt den Glauben auf die gleiche Weise wie Papst Franziskus, er lebt die Nächstenliebe. Und wenn man so viel gibt wie Bucheli, kann man auch ernten», sagt Tino Planzer, Inhaber des Lebensmittelladens in Bürglen. Das Problem liege denn auch nicht auf der Seite des Pfarrers, sondern auf der des Bistums Chur.

«Vitus Huonder ist das Problem hier», sagt Tino Planzer weiter. Die Leitung des Bistums Chur sei mittlerweile so erzkonservativ wie bei den Extremisten unter den Islamisten. Sie wollten auch keine Reformen. Die Leitung des Bistums Chur lebe das Christentum nicht, wie man es leben sollte. «Papst Franziskus lebt das fortschrittliche Christentum vor», sagt Tino Planzer. Auch die Dorfbewohner, die die Segnung nicht so toll fanden, würden den Pfarrer Bucheli behalten wollen, «weil er geschätzt wird».

Solidaritätsbekundung in einem Buch in der Kirche von Bürglen.

Solidaritätsbekundung in einem Buch in der Kirche von Bürglen.

Chris Iseli

Wendelin Bucheli ist seit zehn Jahren Pfarrer in Bürglen. «Die Jugendlichen von heute wuchsen grösstenteils mit ihm auf, waren bei ihm im Religionsunterricht», erzählt Arjen Mettler, der selber zu Bucheli in den Unterricht ging. Die Unterstützung für den Pfarrer ist für ihn deshalb auch keine Überraschung. Gemeindepräsident Frösch fügt an: «Er geht unvoreingenommen auf alle Leute zu, ob jung oder alt. Deswegen mögen die Leute Pfarrer Bucheli auch. Er lebt die Nächstenliebe, das spürt man. Und dass dieser Mann, der so viel Gutes tut, sein Amt an den Nagel hängen soll, das hat uns emotional sehr getroffen.»

Ein weiterer möglicher Grund, weshalb sich die Bürger so um ihren Pfarrer sorgen, könnte auch seine angeschlagene Gesundheit sein. «In jüngster Zeit hatte Bucheli gesundheitliche Probleme. Das ist sicher auch ein Grund, weshalb die Unterstützung aus der Bevölkerung so gross ist», sagt Markus Frösch.

«Wir leben doch im 2015»

Arjen Mettler kann nicht verstehen, warum die Segnung des Paares für so viel Wirbel gesorgt hat. «Wir leben im Jahr 2015. Wir segnen alles, sogar Motorräder, aber Lesben soll man nicht segnen dürfen? Das ist doch nicht mehr zeitgemäss.»

Mit dieser Meinung steht Arjen Mettler nicht alleine da. Vor einigen Tagen wurde eine Petition gegen die erzkonservative Linie gestartet, die Vitus Huonder vom Bistum Chur überreicht werden soll. Es sind bereits über 4000 Unterschriften zusammengekommen. Eine Zahl, die Tino Planzer freut. Es sei wichtig, dass man etwas gegen das Bistum Chur zu unternehmen versuche. «Wir müssen uns jetzt wehren gegen diese Konservativen aus Chur. Deshalb gibt es die Petition. Nun muss der Leitung in Chur mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln klargemacht werden, dass diese erzkonservative Schiene nicht in Ordnung ist.»

Auch der Gemeindepräsident Markus Frösch sieht die 4000 Unterschriften als ein positives Zeichen. «Dass bereits so viele Unterschriften zusammengekommen sind, zeigt, wie wichtig uns die Angelegenheit und Pfarrer Bucheli sind.» Die Sammelaktion beschränkte sich zunächst auf das Dorf Bürglen, weitete sich aber schnell auf weitere Regionen aus. Wann die Petition Vitus Huonder überreicht wird, ist noch nicht klar. Das Bistum Chur war für eine Stellungnahme gestern nicht zu erreichen.

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