Burger bleibt auf der Lohnliste

Er hat eine Untergebene sexuell belästigt. Nun stellt die Unia Schweiz Roman Burger frei. Kündigen darf die Gewerkschaft dem Sektionschef aber nicht.

Kari Kälin
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Roman Burger: Von der Lichtgestalt zum Buhmann. Bild: Alessandro Della Bella/KEY (Zürich, 5. Juni 2012) (Bild: ALESSANDRO DELLA BELLA (KEYSTONE))

Roman Burger: Von der Lichtgestalt zum Buhmann. Bild: Alessandro Della Bella/KEY (Zürich, 5. Juni 2012) (Bild: ALESSANDRO DELLA BELLA (KEYSTONE))

Vania Alleva versuchte gar nicht erst, die Affäre schönzureden. «Sexuelle Belästigung ist nicht tolerierbar. Ich bin erschüttert, dass bei einer Unia-Führungsperson ein solches Verhalten festgestellt werden musste», sagte die Präsidentin der Gewerkschaft Unia Schweiz gestern vor den Medien in Bern. Bei der Unia-Führungsperson handelt es sich um Roman Burger (39), der mit spektakulären Streiks und Blockaden zur Lichtgestalt der Gewerkschaften und gleichzeitig zum Schreck von Bauunternehmern avancierte. Eingeschüchtert hat der ehemalige Chef der Sektion Zürich-Schaffhausen laut Medienberichten nicht nur Firmen, sondern auch eigene Mitarbeiter. Ehemalige und aktuelle Unia-Angestellte schildern die Zürcher Sektion als hierarchische, sektiererische, sexistische Organisation mit einem charismatischen und machtbesessenen Roman Burger an der Spitze.

Nachsicht mit dem einsichtigen Burger

Burger, bekannt als rhetorisch beschlagener Debattierer in der Sendung «SonnTalk» von TeleZüri, trieb es zu bunt. Letzte Woche deckte der «Blick» auf, dass Burger eine Angestellte via SMS sexuell belästigt hatte. In einem anderen Fall erhärtete sich der Verdacht nicht. Burger räumte sein Fehlverhalten ein und trat letzte Woche zurück. Die Mitarbeiterinnen, die Burger beschuldigten, wurden darauf freigestellt. Die Unia hofft, dass sie wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.

Burger wurde am Donnerstagabend freigestellt. Die Unia kenne null Toleranz beim Thema sexuelle Belästigung, sagte Alleva. Mit Burger, der während Jahren medienwirksam mit dem Finger auf angeblich skrupellose, ausbeuterische Unternehmen zeigte, lässt sie gleichwohl Nachsicht walten. Eine fristlose Kündigung bleibt ihm erspart. Der externe Bericht liefere dafür keine Basis, sagte Alleva. Die Unia verfüge über einen weitgehenden Kündigungsschutz. Eine weitere Zusammenarbeit mit Burger in anderer Funktion kommt für Alleva nicht in Frage: «Wir werden uns trennen, das ist klar.» Man werde Burger bei der Suche nach einem neuen Job helfen. Seine ordentliche Kündigungsfrist beträgt drei Monate. Mindestens so lange wird der gefallene Gewerkschaftsboss seinen Lohn erhalten.

Über den genauen Inhalt der Untersuchung zur Belästigung schweigt sich die Unia aus. Sie verweist auf den Persönlichkeitsschutz. Wie gravierend die SMS-Nachrichten waren, bleibt im dunkeln. Klar ist: Arbeitgeber sind im Falle sexueller Belästigung nicht gezwungen, gegen den Fehlbaren Sanktionen zu ergreifen. «Sie sind aber verpflichtet, ihre Angestellten vor Übergriffen zu schützen», sagt Thomas Geiser, Professor für Arbeitsrecht an der Universität St. Gallen.

Unia setzt auf Sensibilisierung

Man spürte es: Alleva ist die Affäre unangenehm. Ein unappetitlicher Umgang mit Mitarbeitern passt schlecht zu einer Organisation, die sich dem Wohl der Arbeitnehmer verschrieben hat und die Interessen von mehr als 200 000 Arbeitern in den Sektoren Bau, Industrie, Gewerbe und private Dienstleistungen vertritt. Die Heftigkeit der Kritik am Betriebsklima in der Zürcher Sektion habe sie überrascht, sagte Alleva. Die Unia-Chefin gelobte Besserung. «Wir brauchen ein Umdenken in der Führungskultur.» Die Unia hat Massnahmen in die Wege geleitet, um das Betriebsklima zu verbessern. Unter anderem stehen im Oktober flächendeckende interne Sensibilisierungskampagnen zum Thema sexuelle Belästigung an.