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Interview

Elisabeth Kopp: «Frauen müssen kämpfen, statt im stillen Kämmerlein zu schimpfen»

Als Bundesrätin wäre sie froh gewesen um eine Kollegin im Gremium, sagt Elisabeth Kopp. Von CVP und FDP fordert sie für die Bundesratswahlen vom 5. Dezember nun ein reines Frauenticket. Es brauche mindestens drei Frauen in der Regierung.
Barbara Inglin
«Kinder, Beruf und Politik, das schafft fast keine Frau!», sagt Elisabeth Kopp – seit einem Jahr Urgrossmutter. Bild: Claudio Thoma (Zumikon, 26. Oktober 2018)

«Kinder, Beruf und Politik, das schafft fast keine Frau!», sagt Elisabeth Kopp – seit einem Jahr Urgrossmutter. Bild: Claudio Thoma (Zumikon, 26. Oktober 2018)

Sie war die erste Bundesrätin (1984 bis 1989) der Schweiz. Und setzt sich mit ihren 81 Jahren immer noch dafür ein, dass die Frauen in der Politik angemessen vertreten sind. Elisabeth Kopp gibt vor den anstehenden Bundesratswahlen darum gerne ein Interview. Einen Termin zu finden ist bei ihrem dichten Programm allerdings nicht ganz einfach. Am vergangenen Freitag treffen wir die aktive Altbundesrätin schliesslich in ihrer Wohnung im Zürcherischen Zumikon. Kaum hat sie die Tür geöffnet, sind wir schon mitten im Gespräch. Auch politische Fragen verbindet sie mit persönlichen Anekdoten. Und Persönliches wird schnell politisch.

Frau Kopp wie viele Frauen braucht es im Bundesrat?

Sicher drei.

Bei den anstehenden Bundesratswahlen müssten also sowohl CVP als auch FDP ein reines Frauenticket aufstellen?

Ja. Für die Männer wäre das vielleicht ein Frust. Aber die Frauen hatten diesen Frust lange genug. Es ist aber nicht nur eine Frage der Geschlechtergerechtigkeit. Es geht auch darum, dass Frauen aufgrund ihrer Erfahrungen als Frauen, Mütter und Berufstätige oft andere Prioritäten setzen als Männer. Ich wäre damals sehr froh gewesen um eine zweite Frau im Bundesrat, ganz unabhängig von der Partei. Wir hätten uns bei frauenspezifischen Themen absprechen und unterstützen können.

Wo zum Beispiel?

Bei der AHV-Revision etwa habe ich mich als Bundesrätin dafür eingesetzt, dass die vor allem für Frauen wichtigen Betreuungsgutschriften für betreuende Angehörige in die Vorlage aufgenommen werden. Bei den sechs männlichen Kollegen bin ich damit abgeblitzt. Da wurde ich zum ersten Mal richtig wütend. Später wurde das Anliegen dann trotzdem umgesetzt, es hat halt einfach etwas länger gedauert, weil die Männer nicht auf mich hören wollten.

Was konkret machen Frauen anders in der Politik?

Sie setzen, wie gesagt, oft andere Prioritäten. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Als Gemeinderätin von Zumikon war ich für den Bau eines neuen Hallenbades zuständig. Später sollte auch ein Freibad erstellt werden. Für die Frauen war ein Freibad im Sommer aber viel wichtiger. An der entscheidenden Gemeindeversammlung wurde mit überwältigendem Mehr der Bau von Hallen- und Freibad beschlossen. Ich war überglücklich. Noch heute, wenn ich die fröhlichen Kinderstimmen aus dem Freibad höre, wird mir warm ums Herz, und es bestätigt mir, wie wichtig die Arbeit von Frauen in der Politik ist. Auch im Nationalrat hatte ich als Frau einen anderen Blickwinkel auf gewisse Themen.

Können Sie uns ein weiteres Beispiel nennen?

Unsere Tochter hatte Asthma. Auf einer Japanreise merkte ich, dass die Luft dort viel besser ist. Ich fand heraus, dass dies am eingeführten Katalysatorenobligatorium für Autos lag. Noch auf dem Rückweg im Flugzeug schrieb ich als damalige Nationalrätin eine Motion. In der Folge hat die Schweiz als erstes Land Europas ein solches Obligatorium eingeführt. Die Autolobby ist damals über mich hergefallen. Sie meinten, als Frau hätte ich ohnehin keine Ahnung vom Thema. Auch bei meiner Partei, der FDP, kam ich damit nicht allzu gut an.

Gab es auch kritische Reaktionen von Parteikolleginnen?

Ja, eine Kollegin sagte mir einmal, ich solle endlich aufhören mit diesen Umweltschutzthemen. «Du machst die Partei verrückt und schadest deiner Karriere», sagte sie mir damals im Nationalrat. Ich entgegnete, dass ich keine Karriere brauche. Aber solange ich gewählt sei, wolle ich etwas Nützliches für die Öffentlichkeit machen.

Mittlerweile gibt es vermehrt auch Väter, die ihre Kinder betreuen, und somit auch Politiker, die für Familienthemen sensibilisiert sind.

Zum Glück, es hat sich enorm viel zum Guten verändert. Trotzdem braucht es die Frauen mit ihrer ganz eigenen Perspektive.

Frauen sind in der Politik nach wie vor stark untervertreten. Warum ist das noch immer so?

Wenn eine Frau eine Familie hat und noch etwas daneben machen möchte, hat sie die Wahl zwischen Politik und Beruf. Der Beruf ist die sicherere Wahl, auch finanziell. Darum wählen viele Frauen diesen Weg. Kinder, Beruf und Politik, das schafft fast keine!

Sie blieben zu Hause, bis Ihre Tochter in die Schule kam, und setzten dann auf die Politik.

Ja, dabei war das nicht geplant. Ich wollte damals das Anwaltsexamen machen. Doch 1970 wurde im Kanton Zürich das Frauenstimm- und Wahlrecht eingeführt. Die Präsidentin des Frauenvereins wollte mich für die Gemeinderatswahlen aufstellen. Mein Mann redete mir ins Gewissen. «Du kannst dich nicht jahrelang für das Frauenstimmrecht einsetzen und dann Nein sagen», meinte er. Ich habe mir gesagt: Wenn ich gewählt werde, mache ich es. Und sonst ist es mir egal. Am Wahlsonntag ging ich nicht einmal selber wählen, ich war mit unserer Tochter in den Bündner Bergen. Erst am Abend hat mich mein Mann erreicht und mir mitgeteilt, dass ich gewählt worden sei. Und zwar mit einem guten Resultat.

Hat Ihr Mann seinen Zuspruch bereut, als sie plötzlich so häufig ausser Haus waren?

Tatsächlich war ich nach meiner Wahl zur Gemeinderätin kaum mehr einen Abend zu Hause. Gemeinsame Besuche im Schauspielhaus lagen nicht mehr drin. Doch mein Mann hat nie reklamiert. Er hat neben seiner eigenen Karriere die Aufgaben zu Hause übernommen, hat zu unserer damals sieben­jährige Tochter geschaut, sie ins Bett gebracht, ja sogar Guetnachtliedli für sie gedichtet.

Danach ging es mit Ihrer Karriere steil aufwärts. Sie wurden Nationalrätin, dann Bundesrätin.

Ein Bundesratsamt ist sicher eine Belastung für eine Familie. Als ich in den Bundesrat gewählt wurde, war unsere Tochter elf Jahre alt. Ich konnte das Amt nur annehmen, weil ich wusste, dass mein Mann zu Hause die Betreuung übernimmt. Er hat mir sogar eine Wohnung in der Berner Altstadt besorgt, damit ich in Bern ein Zuhause habe. Hätten wir mehr Kinder gehabt, was sich einfach nicht ergeben hat, wäre ich sicher nicht Bundesrätin geworden.

Heute stellen sich auch Männer die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Mehrere potenzielle Kandidaten haben abgesagt mit der Begründung, dass sie kleine Kinder zu Hause haben.

Dass sich diese Frage auch den Männern stellt, ist doch schon ein grosser Fortschritt.

Als Sie als erste Frau in den Bundesrat gewählt wurden: Wie gross war der Druck, es besonders gut zu machen?

Den Druck habe ich mir vor allem selber gemacht. Ich weiss noch genau, was mir durch den Kopf ging, als ich zur Annahme der Wahl nach vorne schritt. «Du musst das so gut machen, dass niemand mehr sagen kann, Frauen seien einem solchen Amt psychisch oder physisch nicht gewachsen», sagte ich mir. Dann trat ich ans Rednerpult mit den Worten: Ich kann Ihnen aus naheliegenden Gründen nicht versprechen, meinen Mann zu stellen, aber ich werde alles aufbieten, was als Frau in mir steckt. Das sorgte natürlich für grosse Heiterkeit.

Wie wurden Sie im Bundesrats­kollegium aufgenommen?

Die Männer mussten sich erst daran gewöhnen, dass jetzt einen Frau mit am Tisch sitzt. Das zeigte sich schon bei der ersten Sitzung. Das erste Traktandum ging schnell über die Bühne, es ging um die Departementsverteilung. Ich erhielt das freiwerdende Justiz- und Polizeidepartement. Viel länger diskutierten wir über Traktandum Nummer zwei, meine Anrede. Die Kollegen wollten mich «Frau Bundesrat» nennen. Doch dagegen wehrte ich mich, da so die Bundesratsgattinnen angesprochen werden. Ich wollte einen Titel, der meinem Amt entspricht, und konnte mich schliesslich mit «Frau Bundesrätin» durchsetzen.

Sie haben als Bundesrätin viel ­erreicht, unter anderem haben Sie das partnerschaftliche Eherecht eingeführt. Bei Ihrer Wahl galt noch das alte Recht. Ihr Mann hätte Ihnen verbieten können, den Job anzunehmen.

Das ist unglaublich, oder? Vor der Abstimmung habe ich landauf, landab für die Vorlage geweibelt, ich war wochenlang in der ganzen Schweiz unterwegs. Am Ende haben wir die Abstimmung gewonnen, vor allem dank der Stimmen der Frauen.

Wie ein Schatten über Ihrer Karriere steht Ihr Rücktritt. Nach einem umstrittenen Telefonanruf an ihren Mann traten Sie unter grossem Druck der Öffentlichkeit zurück. Ärgert es Sie, dass ausgerechnet die erste Frau im Bundesrat immer noch als jene bezeichnet wird, die «über ihren Mann stolperte».

Das ist einfach Unsinn. Es gab Untersuchungen zu diesem Vorfall, mein Mann und ich sind längst rehabilitiert. Wenn das immer noch geschrieben wird, kann ich auch nichts daran ändern. Darüber ärgere ich mich schon lange nicht mehr.

Die Medien berichteten auch in anderem Zusammenhang negativ über ihren Mann, es ging unter anderem um eine Steueraffäre. Sie haben immer zusammengehalten.

Ich verlangte damals eine Abklärung. Diese zeigte: Der Berg hat eine Maus geboren. Mein Mann war sehr erfolgreich, er war ein gefragter Wirtschaftsanwalt, Oberst im Generalstab der Armee und hatte eine eigene Fernsehsendung. Da gab es auch Neider. Als dann seine Frau auch noch Bundesrätin wurde, war das für einige wohl zu viel. Zuschulden kommen hat er sich nie etwas.

Sie schwärmen noch immer geradezu von ihm.

Wir lernten uns bei einer Reise zu einem antikommunistischen Treffen in Westberlin kennen, da war ich 22 Jahre alt. Bereits als ich ihn am Flughafen in Kloten das erste Mal gesehen habe, wusste ich, dass ich ihn heiraten werde. Wir haben uns noch am gleichen Tag in der Badewanne verlobt.

Wie bitte?

Die «Badewanne» war damals eine Bar in Berlin. (lacht)

Eine Frau, die politisch Karriere machen will, braucht einen Mann, der es erträgt, dass sie im Rampenlicht steht, sagten Sie einmal in einem Interview.

Die ersten Jahre unserer Ehe war ich einfach die Frau des bekannten HWK, wie mein Mann genannt wurde. Irgendwann war ich dann plötzlich noch bekannter als er. Das war sehr zu seinem Vergnügen. Dass seine Unterstützung nicht selbstverständlich ist, zeigt eine Umfrage, die vor einiger Zeit in Deutschland gemacht worden ist. Abtretende Bundestagesgeordnete wurden gefragt, warum sie nicht mehr antreten. Viele Frauen sagten, ihr Mann ertrage es nicht, dass sie mehr in der Öffentlichkeit stehen als er.

Sind es also auch die eigenen Partner, welche die Frauen von Polit­karrieren fernhalten?

Vielleicht, aber heute ist das sicher weniger extrem. Ich ermutige auch die Frauen hinzustehen und für ihre Meinung zu kämpfen, statt im stillen Kämmerlein zu schimpfen. Und die Parteien müssen Frauen fördern und aufstellen.

Was raten Sie Frauen, die in die Politik wollen?

Sie sollen es einfach machen!

Ihre Partei, die FDP, hat seit Ihrem Rücktritt vor bald 30 Jahren keine Frauenvertretung mehr im Bundesrat. Was läuft schief?

Die Bürgerlichen allgemein hatten noch länger ein traditionelles Rollenverständnis. Bürgerliche Frauen, vor allem wenn sie Kinder hatten, blieben deshalb eher zu Hause, als auf eine Karriere zu setzen. Es wäre allerdings im eigenen Interesse der Parteien, gute Frauen aufzubauen. Umfragen zeigen, dass Parteien mit einer Frau im Bundesrat bei den Wählern mehr Vertrauen geniessen.

Was werden Sie am 5. Dezember ­machen, wenn möglicherweise gleich zwei Frauen in den Bundesrat gewählt werden?

Dann sitze ich zu Hause vor dem Fernseher. Dafür fahre ich nicht extra nach Bern.

Wem würden Sie Ihre Stimme ­geben?

Bei der FDP sicher Karin Keller-Sutter. Sie bringt die nötige Erfahrung mit, als ehemalige Regierungsrätin und Ständeratspräsidentin. Persönlich kenne ich sie aber nicht. Mit den Kandidatinnen der CVP habe ich mich nicht genauer auseinandergesetzt.

Nach dem offiziellen Interview sagt Elisabeth Kopp, die wichtigste Information habe sie sich für den Schluss aufgespart. «Ich bin Urgrossmutter geworden!», sagt sie, und zeigt stolz und laut lachend ein Handyvideo ihres einjährigen Ur­enkels.

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